Chris Sier

Chris Sier

Porträt: Der Bulle aus der City

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„Tombstone“ ist ein Hüne, über 2 Meter groß und massiv, Muskeln pur, graue, kurze Haare. „Um nichts in der Welt möchtest du Ärger mit ihm haben“, sagt Christopher Sier. „Tombstone“ heißt Grabstein, und jedes Mal, wenn Sier in Edinburgh ist, gehen die beiden zum Inder ins Kebab Mahal. Dort ist alles aus Plastik, die Teller, die Tische, die Stühle, die Deko, und das Curry gilt als das beste in ganz Schottland. Sier hat in Edinburgh auch einen Spitznamen: „The three Degree“. Das ist sperriger als Grabstein und heißt so viel wie „Der mit den drei Titeln“: Abitur, Studium, Doktor. Normal ist das nicht für einen Polizisten. Von 1994 bis 2000 war Sier zusammen mit „Tombstone“ Sergeant in Edinburgh: Drogen, Gewaltverbrechen, Schlägereien, Festnahmen. „Ich wollte auf die Straße, unter Menschen, und ich liebe die Arbeit in einem Team, wo jeder dem anderen blind vertrauen kann“, sagt Sier. Heute ist der 42-Jährige Direktor der Londoner Beratungsgesellschaft Alpha Financial Market Consulting (Alpha FMC). Früher wurde er gerufen, wenn Fäuste flogen, heute, wenn internationale Fondsgesellschaften fusionieren wollen. Sier war Weddingplaner für Aberdeen Asset Management und die Deutsche Asset Management (Deam), und er ist Trauzeuge für die Liaison Credit Suisse Asset Management und Aberdeen. „Wenn meine ehemaligen Kollegen etwas über mich lesen, kommen immer sehr amüsante E-Mails“, sagt Sier. „Wir haben keine Ahnung, wovon du redest, aber du siehst komisch aus“ oder: „Junge, was hast du nur wieder für einen Anzug an“ sind typische Grüße vom Revier. Siers Biografie ist ein Paradebeispiel für den fast klassischen angelsächsischen Ausnahmeweg. Nicht deutsch durchdekliniert: Schule, Abitur, Banklehre, Studium, Deutsche Bank. Sein Vater, ein ehemaliger Hedge-Fonds-Manager, fordert von Sier Disziplin und eine Ausbildung – egal, welche. „Faulenzen war verboten, aber Karriere kein Muss“, konkretisiert er die häusliche Vorgabe. Zunächst studiert Sier Meeresbiologie („Ich liebe das Meer und wollte den Ozean verstehen“) in St. Andrews, für die Doktorarbeit geht er ein Jahr auf die Malediven und untersucht Korallenriffe. Seine Tauchgänge, bei denen er Daten über den Schwund der Korallen sammelt, empfindet er als „ein Bad im Himmel“. Doch nach zwölf Monaten Tabellenkalkulation an einsamen Traumstränden reift die Erkenntnis, dass ihm Menschen fehlen: „Nur Excel, die Korallen und ich, das war nichts.“ Es folgt der Bruch: Doktor Sier wird Polizist. Er schiebt Dienst als Taucher und kommt auf die Straße unter Menschen. Doch Daten und empirische Analysen interessieren ihn weiterhin. Als er seinen Vater zu einem Hedge-Fonds-Kongress begleitet, lernt er seine künftige Frau Katrin kennen. Sie ist Beraterin bei McKinsey und Karrierefrau. „Ich habe mich nicht getraut, ihr zu sagen, was ich mache“, so Sier, und weiter: „Sie sagte McKinsey, und ich dachte: Fein, klingt nach einem netten schottischen Unternehmen.“
Später merkt er, dass er mit seiner Scheu völlig falsch liegt: Die gebürtige Estin hat Hochachtung vor Polizisten. In ihrer Heimat genießt nur der Bürgermeister ein höheres Ansehen. Meeresbiologe, Polizist, Finanzstratege Sier will mit Katrin nach London, doch der Dienstweg vom schottischen Sergeant zum englischen Bobby ist weit. Deshalb kündigt er kurzerhand und studiert Finance. Den Abschluss als Master of Business Administration in Händen, gibt seine Frau ihm folgenden Rat: „Karrieren müssen immer bei den ganz Großen beginnen.“ Er entscheidet sich für UBS Warburg, dem Investment-Arm der Schweizer Großbank, wechselt 2003 zu A. T. Kearney und ist trotz seines in keinem Vergleich zu früher stehenden Gehalts frustriert: „Wenn ich bei der Polizei Hilfe brauchte, reichte ein Funkspruch, und 40 Mann halfen“, schildert er die Hintergründe. „Rufst du dagegen bei einer großen Investmentbank um Hilfe, passiert gar nichts, und 400 Leute hoffen darauf, dass du scheiterst.“ Der vor fast vier Jahren vollzogene Wechsel zu Alpha FMC erweist sich nicht nur in dieser Beziehung als Glücksfall: Heute ist Sier mit seiner dritten Karriere rundum zufrieden. Was ihn nicht da-ran hindert, mit alten Kollegen wie „Tombstone“ in Erinnerungen an seine Zeit auf der Straße zu schwelgen. „Das gehört zu meinem Leben dazu, und wenn ich über neue Finanzstrategien reden will, gehe ich zu meinem Vater.“

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