Gerd Kommer (Gastautor), Martin Kerscher (Gastautor)Lesedauer: 9 Minuten

Prinzip „Sovereign Ceiling“ Kann ein Unternehmen kreditwürdiger sein als sein Staat?

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Als Staatsanleihen in Irland, Portugal, Spanien und Italien während der Großen Finanzkrise um 2008 ihre damaligen Ratings im AA- oder AAA-Bereich verloren, sackten parallel dazu und im gleichen Ausmaß die vorher schon schlechteren Ratings selbst der kreditwürdigsten Unternehmen innerhalb dieser Staaten ab. Ein Beispiel sind die Anleihen der drei spanischen Großunternehmen BBVA (Bank), Iberdrola (Energie) und Ferrovial (Bau). Deren Bonität brach parallel zu der des spanischen Staates ein. Spanische Staatsanleihen hatten bis Dezember 2008 ein AAA-Rating von S&P (das beste Rating). Sie wurden bis Oktober 2012 stufenweise auf BBB– (Note 10) herabgestuft. Inzwischen hat Spanien wieder ein Rating von A– (Note 7). Während dieser Berg-und-Tal-Wanderung folgten die schlechteren bzw. gleich guten Ratings der drei Unternehmen stets "artig" demjenigen des Staates.

Warum können Unternehmen mit ihren Anleihen-Ratings normalerweise die Sovereign Ceiling nicht durchstoßen? Erstens ist der Staat ein viel größeres, beinahe unendlich viel besser diversifiziertes wirtschaftliches Gebilde als jedes Unternehmen innerhalb des Staates. (Man könnte den Staat aus rein wirtschaftlicher Sicht ja als die Summe aller Unternehmen in dem Staat betrachten.) Zweitens bestimmt der Staat generell mit seiner Wirtschaftspolitik, Geldpolitik, Steuerpolitik, Strukturpolitik und seiner mehr oder weniger intensiven Regulierung fast aller Branchen den Rahmen, innerhalb dessen sich Unternehmen mit oder ohne Erfolg wirtschaftlich entfalten dürfen. Die Betonungen liegen hier auf "innerhalb" und "dürfen". Drittens werden Staaten aufgrund des – relativ zu Unternehmen –  steil zu ihren Gunsten verlaufenden politischen und ökonomischen Machtgefälles in wirtschaftlichen Notzeiten alle verfügbaren Geldquellen anzapfen, um nicht unterzugehen und damit das Überleben der regierenden Politikerkaste und des Gemeinwesens zu sichern.

Ein Beispiel dafür, dass der Staat von dieser Macht auch tatsächlich Gebrauch macht, ist das inzwischen wohl aus der kollektiven Erinnerung verschwundene Lastenausgleichsgesetz von 1952, das Immobilieneigentümer über 30 Jahre lang mit einer Zwangsabgabe belastete, um die Kosten der Unterstützung von Vertriebenen und Spätheimkehrern insbesondere in Form des sozialen Wohnungsbaus zu finanzieren. Vergleichbare Maßnahmen können natürlich auch Unternehmen treffen. Die Wirtschaftsgeschichte der vergangenen 200 Jahre in fast allen Staaten ist voll von Beispielen hierfür. In den letzten Jahren und Jahrzehnten haben Staaten – Demokratien und Diktaturen – selbst so große Unternehmen wie Google und Microsoft in Dutzenden bekannter Fälle in die Knie gezwungen. Viertens bezieht der Staat seine Haupteinkünfte – Steuern – zwangsmäßig direkt und indirekt von Unternehmen. Auch die Einkommensteuer, die formalrechtlich von Arbeitnehmern geschuldet wird, ist ökonomisch ebenfalls aus den Einnahmen der Unternehmen zu bestreiten. De facto werden diese Gelder ohnehin von den Unternehmen unmittelbar als Lohnsteuer an den Staat abgeführt.

Man könnte einwenden, dass Unternehmen erhöhte Steuern- und Abgabenlasten auf ihre Kunden abwälzen können. Dieser Einwand ist formalistisch betrachtet nicht grundsätzlich falsch und wird beispielsweise für die Umsatzsteuer auch in Steuerlehrbüchern so vertreten, rein ökonomisch betrachtet sieht es jedoch anders aus: Steuern und Abgaben erhöhen die Preise, die Endkunden zahlen müssen und senken daher unter sonst gleichen Umständen die Nachfrage, also den Gewinn des Unternehmens, der bei Abwesenheit der Steuern und Abgaben entstünde. Umgekehrt betrachtet: Würde die Steuer- und Abgabenlast von heute auf morgen wegfallen, könnten Unternehmen ihre Preise und damit ihre Gewinne erhöhen, würden also mehr verdienen. Nicht zufällig sind sowohl Verbraucher als auch Unternehmen fast ausnahmslos gegen Steuererhöhungen, wenn es sie selbst betrifft. Daher gilt: Ob es einem Unternehmen tatsächlich gelingt, den besagten Steueraufwand ökonomisch, also nicht nur formal, auf seine Kunden abzuwälzen, entscheidet in einer Marktwirtschaft der Markt und eben nicht das Unternehmen und zumeist nicht einmal der Staat. In wirtschaftlich schweren Zeiten – und primär diese sind hier relevant – gelingt diese Abwälzung oft nicht.

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