Netfonds ist schon seit Jahren einer der Großen am deutschen Maklerpoolmarkt: Seit 2018 ist das Unternehmen börsennotiert, es ist gründergepägt und hat einen Vorstand, der Private-Equity-Beteiligungen lange ambivalent kommentiert hatte. Nun ist es so weit – der Hamburger Pool geht an den US-amerikanischen Finanzinvestor Warburg Pincus.
Gleichzeitig geht Netfonds eine strategische Partnerschaft mit dem Lübecker Pool Blau Direkt ein, der sich bereits seit 2022 im Portfolio desselben Investors befindet. Zusammen bringen beide Häuser einen kombinierten Umsatz von mehr als 550 Millionen Euro und rund 600 Mitarbeitende unter ein gemeinsames Dach.
Konsolidierung mit System
Der Deal ist kein Ausreißer. Die Konsolidierung im deutschen Maklerpoolmarkt läuft schon länger – und Netfonds macht jetzt den nächsten Schritt. Fonds Finanz, nach Rohertrag die Nummer eins am deutschen Markt, gehört mehrheitlich dem britischen Finanzinvestor HG Capital. Mit der Netfonds-Übernahme folgt nun auch der drittgrößte Pool – zuletzt mit knapp 48,8 Millionen Euro knapp vor Blau Direkt (48,0 Millionen) – dem Trend zur externen Kapitalstruktur.
Der Trend erfasst zunehmend den unabhängigen Finanzvertrieb. Die Hamburger Versicherungsmaklergruppe GGW – 1758 gegründet, heute mit rund 2.000 Mitarbeitenden – wurde 2023 von der Private-Equity-Gesellschaft Permira zu einer Bewertung von knapp zwei Milliarden Euro übernommen. Vorgänger-Investor war HG Capital, das sich bereits 2021 bei GGW eingekauft und die Gruppe seitdem durch rund 40 Zukäufe gestärkt hatte.
Ein ähnliches Muster zeigt sich bei der Hanseatic Broking Center Gruppe (HBC): Die Versicherungsvermittlerplattform im DACH-Raum begrüßte im vergangenen Jahr mit Bridgepoint einen neuen Gesellschafter – der den Vorgänger-Investor Preservation Capital Partners ablöste. Private Equity folgt auf Private Equity.
Attraktiv für Investoren
Die Logik dahinter erklärt Marlene Merck, Leiterin Kommunikation des Bundesverbandes Beteiligungskapital (BVK): In diesen Bereichen seien viele Unternehmen tätig, die über skalierbare Geschäftsmodelle, wiederkehrende Einnahmen und stabile Kundenbeziehungen verfügten. „Für Investoren ergeben sich dadurch attraktive Wachstumschancen – etwa durch stärkere Digitalisierung, den Ausbau von Plattformlösungen oder durch Zusammenschlüsse und Zukäufe in einem bisher stark fragmentierten Markt“, sagt Merck.
Den Trend bewertet der BVK als strukturell: Treiber seien steigende regulatorische Anforderungen, Investitionsbedarf in Technologie und Digitalisierung sowie Nachfolgethemen im fragmentierten Maklersektor, so die Kommunikationsleiterin.
Das strukturelle Paradox
Maklerpools wurden ursprünglich gegründet, um Vermittler unabhängig von einzelnen Produktgebern zu halten – als neutrale Instanz zwischen Versicherern, Fondsgesellschaften und dem freien Vertrieb. Wenn die größten dieser Plattformen selbst Finanzinvestoren gehören, die Renditeerwartungen und Exit-Horizonte mitbringen, verschiebt sich die Ausgangslage.
Henner Thormaehlen, Principal bei Warburg Pincus, betont: „Warburg Pincus ist ein langfristig orientierter Wachstumsinvestor. Die Zusammenarbeit mit Blau Direkt und Netfonds ist ausdrücklich auf langfristige Weiterentwicklung und den Erhalt der unternehmerischen Eigenständigkeit ausgerichtet.“ Für angebundene Makler bedeute das: Sie profitierten von Investitionen in Plattform und Services, während ihre Unabhängigkeit und Kundenhoheit gewahrt bleibe.
Den deutschen Maklerpoolmarkt beschreibt er als Teil eines der größten, stabilsten Versicherungsmärkte Europas - mit einer vielfältigen, stark fragmentierten Vermittlerlandschaft. „Generationenwechsel, Regulierung und hoher Digitalisierungsbedarf verstärken den Wunsch vieler Makler nach einem starken Technologie- und Servicepartner wie Blau Direkt und Netfonds“, sagt Thormaehlen.
„Nicht die Eigentümerstruktur entscheidet“
Norman Wirth, geschäftsführender Vorstand des Bundesverbandes Finanzdienstleistung AfW, sieht das ähnlich nüchtern: „Nicht die Eigentümerstruktur entscheidet über die Unabhängigkeit des Maklers – sondern der freie Zugang zum Markt.“
Entscheidend sei, ob ein Pool den Maklern breiten Marktzugang, neutrale Analyse- und Vergleichstools sowie freie Produktauswahl biete – und ob Vermittler auch mit mehreren Pools oder über Direktanbindungen arbeiten könnten. Solange diese Kernelemente gewahrt blieben, spiele die Eigentümerstruktur nur eine nachrangige Rolle.
Natürlich könne sich mit einem Finanzinvestor die strategische Steuerung eines Unternehmens verändern, räumt Wirth ein. Private-Equity-Investoren achteten häufig stärker auf Wachstum, Effizienz und Technologisierung. Das müsse aber keineswegs ein Nachteil sein: Bessere Technik und effizientere Prozesse könnten die Arbeitsfähigkeit unabhängiger Vermittler sogar stärken.
Die Empfehlung des Interessenverbands an Vermittler: weniger auf das Label „Private Equity“ schauen, sondern auf die praktische Frage, ob Marktzugang breit, Anbindung flexibel und Bestand sicher bleibe.










Kein Einzelphänomen
Das Muster beschränkt sich nicht auf den Finanzvertrieb. Auch Wirtschaftsprüfer – ein Berufsstand mit gesetzlich verankerter Unabhängigkeitspflicht – geraten ins Visier von Finanzinvestoren. Im September 2025 kündigte die internationale Private-Equity-Gesellschaft Cinven eine strategische Partnerschaft mit Grant Thornton Germany an, einer der führenden Prüfungs- und Beratungsgesellschaften im deutschen Markt mit rund 2.000 Mitarbeitenden. Grant Thornton Germany betont in diesem Zusammenhang ausdrücklich ihre Werte Unabhängigkeit und Integrität – und geht gleichzeitig eine Kapitalbeteiligung mit einem Finanzinvestor ein.
Bei Baker Tilly Deutschland läuft derweil ein Bieterwettbewerb. Laut Informationen der Börsen-Zeitung greift unter anderem der börsennotierte britische Finanzinvestor ICG (Intermediate Capital Group) nach einer Mehrheitsbeteiligung. Auch CVC und BU Bregal Unternehmerkapital sollen Interesse gezeigt haben. Baker Tilly Deutschland erzielte zuletzt einen Umsatz von 251 Millionen Euro und beschäftigt 1.700 Mitarbeitende. Weitere Beispiele aus dem Segment der Professional Services dürften folgen.
Strenges Recht, kreative Wege
Dabei gilt für Wirtschaftsprüfer in Deutschland ein besonders strenger rechtlicher Rahmen, wie Melanie Sack, Vorstandssprecherin des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW), erläutert: „Unmittelbare Beteiligungen von Finanzinvestoren an Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sind nach Paragraf 28 Abs. 4 der Wirtschaftsprüferordnung grundsätzlich unzulässig – das sogenannte Fremdbesitzverbot.“
Unabhängig von Finanzierungsform und Gesellschafterstruktur gelte aber unverändert: „Die Unabhängigkeit des Abschlussprüfers und die Qualität der Abschlussprüfung haben stets oberste Priorität“, betont Sack. Das Berufsrecht und das verpflichtende, umfassend geregelte Qualitätsmanagement in den Wirtschaftsprüfungs-Praxen gewährleiste beides.
Mittelbare Beteiligungen über EU-Abschlussprüfungsgesellschaften seien jedoch zulässig und würden in der Praxis bereits beschritten, so Sack. Das deutsche Recht bleibe damit eines der strengsten in Europa. Das IDW bewertet die damit verbundene Verlagerung von Entscheidungsstrukturen ins Ausland als Standortnachteil im internationalen Wettbewerb.
Was bleibt von der Unabhängigkeit?
Für die angebundenen Makler und Vermittler stellt sich die Frage praktisch: Ändert sich etwas an der Produktpalette, den Konditionen, der Betreuungsqualität? Kurzfristig sagen alle Beteiligten: nein. Mittel- bis langfristig hängt die Antwort davon ab, welche Wachstums- und Margenziele der Investor verfolgt und wie er diese durchsetzt.
Schon jetzt zeigt sich eine Veränderung: Die Eigentümerstruktur des Marktes hat sich verschoben. Wer heute einen der großen deutschen Maklerpools wählt, wählt damit – ob bewusst oder nicht – auch einen Finanzinvestor im Hintergrund. Ob das ein Problem ist, hängt vom Standpunkt ab. Dass es eine strukturelle Verschiebung ist, lässt sich kaum bestreiten.


