Privatversicherte kommen erheblich schneller an Facharzttermine: Diese Erfahrung vieler Patienten bestätigt sich in einer aktuellen repräsentativen Umfrage unter 5.000 Versicherten des Marktforschungsunternehmens Civey im Auftrag der Stiftung Warentest: Während nur 8 Prozent der gesetzlich Versicherten innerhalb einer Woche einen Termin erhalten, sind es bei Privatversicherten 26,1 Prozent. Bei einem Zeitraum von bis zu zwei Wochen liegt das Verhältnis bei 17,2 zu 8 Prozent.

Zwei Drittel der Tarife fallen durch

Trotz dieser Zahlen ist das grundsätzliche Ergebnis der Verbraucherorganisation in einem aktuellen Test über die deutsche Private Krankenversicherung (PKV) eher negativ: Nur ein knappes Drittel der untersuchten 1245 Tarife und Tarifkombinationen von 35 Anbietern erfüllen die von den Testern aufgestellten definierten Qualitätskriterien für einen Rundum-Schutz. Damit blieben nur noch 384 Tarifkombinationen von 23 Anbietern übrig geblieben, die mit „gut“ oder „sehr gut“ bewertet wurden.

Julia Bönisch, Stiftung Warentest

Zwei Drittel der Tarife, exakt 861 Angebote, wurden aufgrund mangelnder Leistungen, die teilweise sogar schlechter als in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sein sollen oder eine zu hohe Selbstbeteiligung von 660 Euro aufweisen, nicht einmal bewertet. „Sehr viele PKV-Tarife haben Lücken“, sagt Julia Bönisch, Vorständin bei der Stiftung Warentest. 

Für wen sich die PKV eignet und für wen nicht

Die PKV eignet sich besonders für Beamte durch die Beihilfe sowie gut verdienende Angestellte mit einem Mindesteinkommen von 73.800 Euro im Jahr (Stand 2025) und Selbstständige mit stabiler finanzieller Situation. Eine wichtige Zugangshürde stellt die strenge Gesundheitsprüfung dar. Bei Vorerkrankungen wie Diabetes, Depression oder Krebs haben Selbstständige und Angestellte kaum Chancen auf einen Vertrag. Beamte erhalten zwar immer ein Angebot, müssen aber mit Risikozuschlägen bis zu 30 Prozent rechnen.

„Wir empfehlen sie nur für Beamte uneingeschränkt, da der Staat einen Großteil der Kosten im Alter übernimmt.“ Angestellte und Selbstständige, die gut verdienten, sollten gut überlegen, ob sie sich die enormen Beiträge auch im Alter langfristig leisten könnten. Zumal Kinder, die in der gesetzlichen Krankenkasse beitragsfrei mitversichert sind, in der PKV eigene Verträge benötigen.

Stiftung Warentest empfiehlt Privatversicherten, zwei Drittel der Kosten im Alter aus Ersparten zudecken und nur ein Drittel aus laufenden Einnahmen. Bei einer Drei-Prozent-Verzinsung müsste ein Versicherter über 30 Jahre lang pro Monat etwa 270 Euro anlegen, so die Berechnung der Stiftung.

Das harte Urteil der Untersucher: Für diejenigen, die nicht zu dieser Zielgruppe gehören, kann die PKV zur „existenzbedrohenden Kostenfalle“ werden.

Langfristige Kostenentwicklung kann zum Problem werden

Besonders wichtig für die Entscheidung ist die langfristige Beitragsentwicklung. Die PKV ist besonders bei jungen Verbrauchern beliebt, da die Tarife im Unterschied zur GKV einkommensunabhängig sind und niedriger, je jünger und gesünder Neueinsteiger sind. Doch im Alter würden sie für Angestellte und Selbstständige ein Problem, weil sie im Zeitverlauf stark steigen. Tatsächlich stiegen die Beiträge seit 2005 im Durchschnitt um 3,1 Prozent pro Jahr. Dies bedeutet, dass sich die Beiträge bis zum Renteneintritt auf das 2,5-fache erhöhen können, so die Tester.

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Ein konkretes Beispiel von Stiftung Warentest soll die finanzielle Dimension veranschaulichen: Ein 35-jähriger Selbstständiger, der mit einem Monatsbeitrag von 600 Euro einsteigt, muss im Alter mit etwa 1.500 Euro rechnen. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 81 Jahren können vom Rentenbeginn bis zum Lebensende rund 250.000 Euro an Beiträgen anfallen.

Detaillierte Anforderungen an einen Qualitätstarif

Die Tester definierten 17 Grundleistungen für einen Rundum-Schutz, der deutlich über dem Niveau der gesetzlichen Krankenversicherung liegen muss:

  • Arzthonorare bis zum Höchstsatz (3,5) der Gebührenordnung für Ärzte
  • Im Krankenhaus Zweibettzimmer mit Wahlarztbehandlung
  • Vorsorgeuntersuchungen im Umfang gesetzlicher Programme
  • Ambulante Psychotherapie für mindestens 50 Sitzungen im Jahr zu 80 Prozent
  • Stationäre Psychotherapie für unbegrenzte Behandlungstage
  • Mindestens 80 Prozent für physikalische Therapie, Logopädie und Ergotherapie
  • Verschreibungspflichtige Arzneimittel zu 100 Prozent
  • Schutzimpfungen wie von der Ständigen Impfkommission empfohlen
  • Kinderwunschbehandlungen im Umfang gesetzlicher Programme
  • Palliativpflege und häusliche Krankenpflege
  • Transport und Fahrtkosten zu ambulanten Therapien und zum geeigneten nächstgelegenen Krankenhaus
  • Leistungen für Anschlussheilbehandlung (stationäre Therapie nach Krankenhausaufenthalt)
  • Leistungen für Sucht-, Entzugs- und Entgiftungsbehandlungen
  • Zahnbehandlungen zu 100 Prozent, Zahnersatz, Inlays und Materialkosten zu mindestens 75 Prozent
  • Leistungen für Kieferorthopädie bei Kindern, bei Erwachsenen nach einem Unfall
  • Mindestens 80 Prozent für Hilfsmittel und für Körperersatzstücke
  • Leistungen für digitale Gesundheitsanwendungen
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Testmethodik und Bewertungskriterien

Stiftung Warentest hat für seine Modellrechnungen spezifische Kundenprofile erstellt: Bei Angestellten und Selbstständigen wurde ein Eintrittsalter von 35 Jahren zugrunde gelegt, bei Beamten 30 Jahre. Konkret wurde bei den Beamten von ledigen Bundesbeamten mit einem Beihilfeanspruch von 50 Prozent ausgegangen. Für Angestellte und Selbstständige wurde ein Krankentagegeld in Höhe von 150 Euro ab dem 43. Tag in die Berechnung einbezogen. Die Pflegeversicherung war in allen Beitragsberechnungen enthalten.

Das Bewertungssystem basiert auf einem differenzierten Punkteschema. Die vertraglich garantierten Leistungen wurden nach ihrer finanziellen Bedeutung gewichtet, basierend auf den tatsächlichen Aufwendungen der Versicherer laut dem Zahlenportal des Verbands der privaten Krankenversicherung. Die Gewichtung der Hauptkategorien verteilte sich wie folgt: Ambulante Leistungen machten 45 Prozent der Gesamtbewertung aus, stationäre Leistungen 30 Prozent, Zahnleistungen 15 Prozent und weitere Tarifmerkmale 10 Prozent.

Bei der Darstellung der Beiträge wurde zwischen verschiedenen Versichertengruppen differenziert. Die Beamtentarife wurden ohne Selbstbehalt dargestellt, während bei Angestellten und Selbstständigen der ungünstigste Fall mit vollständiger Ausschöpfung des Selbstbehalts berechnet wurde. Für Angestellte wurde zudem der Arbeitgeberzuschuss von 50 Prozent berücksichtigt, der allerdings auf den Höchstsatz für gesetzlich Versicherte begrenzt ist. 

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Methodik war laut der Tester die Analyse der garantierten Beitragsrückerstattungen. Diese wurden für Selbstständige und Angestellte in der vorletzten Tabellenspalte ausgewiesen und konnten zwischen einem und zwei Monatsbeiträgen oder einer Pauschale von 300 bis 1.760 Euro liegen.

Zudem wurde erstmals die Nachhaltigkeit der Kapitalanlagen in der Bewertung berücksichtigt. Hierfür wurden ausschließlich Angaben aus Geschäftsberichten und nichtfinanziellen Erklärungen der Versicherer herangezogen.

Hohe Preisunterschiede bei gleicher Leistung

Was die Ergebnisse angeht, zeigt sich, dass hohe Beiträge aus Sicht der Untersucher keineswegs automatisch bessere Leistungen garantieren. Der Preisunterschied zwischen dem günstigsten und teuersten Angestelltentarif mit der Note „Sehr gut“ beträgt beachtliche 405 Euro pro Monat. Laut Stiftung Warentest spiegelt der Preisaufschlag aber selten den Umfang der zusätzlich abgesicherten Gesundheitsrisiken wider. 

„Mehr Beitrag bedeutet nicht, dass immer auch mehr Risiken abgedeckt sind“, sagt Projektleiter Julian Chudoba. Er weist darauf hin, dass viele teure Tarife sogar weniger leisten als gesetzliche Krankenkassen – etwa bei der Palliativpflege, der Versorgung Sterbenskranker, bei ambulanter Psychotherapie und bei digitalen Gesundheitsanwendungen.

Dazu hat die Stiftung Warentest einmal beispielhaft den Verlauf der Versicherungsprämien bei neun der getesteten Tarife für Selbständige und Angestellte abgebildet. Ergebnis: Eher teure Tarife erwiesen sich meist auch über die Zeitachse als teuer, günstige Tarife gehörten auch Jahre später noch tendenziell zu den günstigsten. Einzige Ausnahme ist ein Tarif der Signal Iduna (schwarze Linie), der im Ausgangsjahr 2015 bei den teuersten war, mittlerweile aber schon fast einer günstigeren ist. Von 2023 auf 2024 sank der Beitrag sogar.

Quelle: Stiftung Warentest

Als günstigste Tarifkombination für Angestellte und Selbstständige wird das Angebot der Arag (ME600, KTV42/150, PVN) mit der Note „Sehr gut“ und einem Monatsbeitrag von 649 Euro für 35-Jährige bei einem Selbstbehalt von 600 Euro pro Jahr genannt. Bei Beamten ist es laut der Tester der Tarif der Continentale (Comfort-B/50S, SP2-B/50S, PVB) mit der Note „Gut“ und einem Monatsbeitrag von 250 Euro für 30-Jährige ohne Selbstbehalt.

Warum Wechsel für PKV-Versicherte schwierig sind

Die Tester weisen PKV-Kunden daraufhin, dass sie beim eigenen Anbieter ohne neue Gesundheitsprüfung den Tarif wechseln oder in den Basistarif mit Leistungen auf GKV-Niveau für maximal 942,46 Euro monatlich wechseln können. Bis zum Alter von 55 Jahren ist unter bestimmten Voraussetzungen auch eine Rückkehr in die GKV möglich, wobei Angestellte ein Einkommen unter 73.800 Euro nachweisen und Selbstständige in ein Angestelltenverhältnis wechseln müssen.

Von einem Wechsel des Versicherers raten Experten jedoch ab, weil dann ein Teil oder sogar alle Alterungsrückstellungen verloren gehen, die einen noch höhere Beitragssteigerung im Alter verhindern. Zudem wird bei einem Wechsel fast immer eine neue Gesundheitsprüfung fällig – mit möglichen Risikozuschlägen und Leistungsausschlüssen.