Frankfurt, 2009. Aileen Haller sitzt in einem Büro am Main und erklärt etwas, für das es damals noch keinen Namen gibt: Direct Lending, also Unternehmenskredite, die nicht von Banken kommen, sondern von Fonds. Doch viele Mittelständler sind skeptisch. Warum sollte man sich Geld von jemandem leihen, den man nicht kennt? Von einer Firma aus Amerika, deren Logo man nie gesehen hat?

Die Investoren mussten damals überzeugt werden. Haller musste ihnen erklären, dass es „eine einfachere, direktere und flexiblere Finanzierungslösung für sie gibt – ohne Beteiligung einer Bank“. Das war eine neuartige, vielleicht sogar ungewöhnliche Idee.

„Die ersten Jahre waren definitiv zäh“, erinnert sich Haller heute. Sie arbeitet für Ares Management, einen der weltweit größten alternativen Vermögensverwalter – doch in Europa kannte das Unternehmen damals kaum jemand. Schlimmer noch: Den Markt, den sie aufbauen sollte, gab es praktisch nicht. Die Mittelstandsfinanzierung war Bankenland. Zu 100 Prozent.

Inzwischen kommen etwa 60 Prozent der Finanzierungen für mittelständische Unternehmen in Deutschland, die von Private-Equity-Gesellschaften geführt werden, von Direct Lendern. Die Banken sind nicht verschwunden – aber sie haben Gesellschaft bekommen.

Hallers Geschichte ist mehr als die Karriere einer Einzelnen. Sie ist das Porträt einer tektonischen Verschiebung, die gerade erst beginnt, die Portfolios breiter Anlegerkreise zu erreichen. Private Markets – nicht börsennotierte Unternehmensbeteiligungen, Infrastrukturprojekte, Kredite – entwickeln sich vom Geheimtipp der Instis zum strategischen Baustein für alle Depots.

Aileen Haller: „In zehn Jahren sind wir viel, viel weiter als heute“
Aileen Haller: „In zehn Jahren sind wir viel, viel weiter als heute“ | Bildquelle: Nikita Kulikov / DAS INVESTMENT

50/30/20 statt 60/40

Der Mann, der diesen Wandel am lautesten propagiert, sitzt in New York. Larry Fink, Chef von Blackrock, dem größten Vermögensverwalter der Welt, schreibt jedes Jahr einen Brief an Investoren. Die Botschaft seines jüngsten Schreibens lässt sich in drei Zahlen zusammenfassen: 50/30/20.

Finks neue Formel soll das klassische 60/40-Portfolio ablösen, jene seit Jahrzehnten gültige Mischung aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen, die Generationen von Anlegern Orientierung gab. Stattdessen schlägt er vor: 50 Prozent Aktien, 30 Prozent Anleihen, 20 Prozent private Vermögenswerte – also Private Equity, Infrastruktur, Private Credit.

Seine Begründung ist so einfach wie radikal: Die globalen Kapitalmärkte haben sich verändert. Wer heute nur auf Aktien und Anleihen setzt, erreicht keine echte Diversifikation mehr.

50/30/20 statt 60/40 – ist das der neue Portfoliomix der Zukunft?
50/30/20 statt 60/40 – ist das der neue Portfoliomix der Zukunft? | Bildquelle: DAS INVESTMENT

Benjamin Fischer, der bei Blackrock in Deutschland das Geschäft mit Banken und unabhängigen Vermögensverwaltern leitet, liefert die Zahlen hinter dieser These. „Von globalen Unternehmen mit einem Umsatz größer 100 Millionen US-Dollar sind nur 12 Prozent börsennotiert“, erklärt er. „88 Prozent der Unternehmen finden im Privatmarkt statt.“ Ein Großteil der Wirtschaftstätigkeit ereigne sich jenseits der Börsen – und diese Verschiebung habe sich in den letzten Jahren noch verstärkt.

Für Fischer war das Jahr 2022 der entscheidende Weckruf. „Es war fast egal, ob ich ein konservatives oder ein chancenorientiertes Portfolio hatte. Am Jahresende war ich zweistellig im Minus, weil die Aktien- und Anleihenmärkte parallel Verluste verzeichnet haben.“

Die Ursache sei klar: Der Aktienmarkt hänge stark an der Wirtschaftsleistung, der Anleihenmarkt am Zinsniveau. „Das heißt, ich habe zum Schluss nur zwei Faktoren, von denen mein Depot abhängig ist.“

Benjamin Fischer von Blackrock
Benjamin Fischer von Blackrock

Private Markets dagegen böten idiosynkratische Risiken – unternehmens- oder projektspezifische Faktoren, die weitgehend unkorreliert zu den öffentlichen Märkten verlaufen. „Aus dem Grund können Privatmarktanlagen geeignet sein, um ein Portfolio breiter zu diversifizieren.“

Finks These ist keine akademische Fingerübung. Blackrock hat seine Position mit milliardenschweren Übernahmen untermauert: Global Infrastructure Partners wurde gekauft, der Privatmarktdatenanbieter Preqin und HPS Investment Partners, ein führender Anbieter im Bereich Private Credit, folgten vor einigen Monaten. Fast 30 Milliarden US-Dollar wurden dafür ausgegeben. Zum Vergleich: iShares kostete 2009 etwa 13,5 Milliarden US-Dollar.

Blackrock hat also in den letzten 18 Monaten etwa das Doppelte in Private Markets investiert wie einst für den heutigen ETF-Marktführer. „Ich glaube, das zeigt, wie wichtig das Thema für uns und unsere Kunden ist und wie strategisch wir das Ganze jetzt auch verfolgen“, so Fischer.

Als die Banken sich zurückzogen

Der Aufstieg der Private Markets ist kein Zufall. Er ist vielmehr die Folge eines perfekten Sturms: Der Rückzug der Banken schuf das Angebotsvakuum, die jahrelange Nullzinspolitik erzeugte den Nachfragedruck. In diese Lücke stießen die Privatmärkte – nicht als Alternative, sondern als logische Konsequenz.

Das Fundament wurde in den Regulierungsausschüssen nach der Finanzkrise gelegt. Basel III zwang die Banken in ein enges Korsett. Höhere Eigenkapitalanforderungen machten die Vergabe langfristiger oder risikoreicherer Unternehmenskredite zunehmend unattraktiv.

Gerhard Grüter, Geschäftsführer des Family Office Tropea Capital, bezeichnet die Basel-Regularien als den zentralen „Katalysator für das starke Wachstum von Private Credit“. Langfristige Kredite an mittelständische Unternehmen wurden für Banken schlicht unattraktiv, da sie zu viel teures Eigenkapital banden.

In die Lücke, die die Banken hinterließen, stießen neue Akteure. Direct Lender konnten schneller agieren, maßgeschneiderte Lösungen anbieten und auch große Summen bereitstellen – oft flexibler, als es eine traditionelle Bank vermochte.

Parallel dazu veränderte die Nullzinspolitik das Verhalten der Anleger fundamental. Wer mit Anleihen keine Rendite mehr erzielte, musste anderswo suchen. Private Markets boten ein attraktives Bündel an Eigenschaften: die sogenannte Illiquiditätsprämie – jener Mehrertrag, den Investoren dafür verlangen, dass sie ihr Kapital langfristig binden.

Die Assetklassen

Die verschiedenen Unterklassen spielen dabei ihre spezifischen Stärken aus. Private Credit gilt vielen als „Allwetter-Strategie“, wie Sven Gralla und David Hansen von der LBBW AM formulieren. Durch die variable Verzinsung, meist an Leitzinsen gekoppelt, gibt es einen natürlichen Inflationsschutz – ein Vorteil gegenüber festverzinslichen Anleihen.

Sebastian Venc von Muzinich bringt die Attraktivität auf den Punkt: „Man erzielt höhere Renditen bei einem Illiquiditätspremium von 3 bis 4 Prozent, gleichzeitig ist die Volatilität geringer als bei liquiden Anlagen.“

Der entscheidende Unterschied: Bei Private Debt gebe es kein tägliches Mark-to-Market. Die Struktur diszipliniere Anleger, volatile Phasen auszusitzen, anstatt nervös auf Kursschwankungen zu reagieren. Fonds lieferten über die vergangenen 20 Jahre durchschnittlich 9 Prozent Rendite – bei historisch niedrigen Ausfallraten von rund 1 Prozent.

Bildunterschrift

Matthias Erb von Stepstone, der seit über 20 Jahren institutionelle Investoren berät, beobachtet eine doppelte Rolle der Anlageklasse: „Es wird als beides eingesetzt“ – sowohl Stabilisator als auch Renditebringer. Mit heute rund 10 Prozent Yield und Spreads von 5 Prozent und mehr sei Senior Private Debt auf Relative-Value-Basis definitiv attraktiv – gerade angesichts der sehr engen Spreads im traditionellen Fixed-Income-Bereich.

Ähnlich stabil präsentieren sich Infrastruktur-Investitionen, die durch wiederkehrende, oft inflationsgeschützte Cashflows überzeugen. „Sie stehen nicht nur für stabile Erträge, sondern auch für gesellschaftliche Relevanz“, erklärt Christian Remke von Metzler Pension Management. Die Politik hat die Bedeutung privaten Kapitals erkannt: In Deutschland wurde im Sommer eine neue 5-Prozent-Infrastrukturquote für Versicherer und Pensionskassen eingeführt.

Doch lange galt Illiquidität als Achillesferse der Private Markets. Wer investierte, band sein Kapital für Jahre, oft für ein Jahrzehnt. Exit-Strategien waren rar, Flexibilität ein Fremdwort. Heute entschärft ein reifendes Ökosystem dieses Problem: der Sekundärmarkt.

Private Credit und Infrastruktur gewinnen an Bedeutung

Alternative Investments machen durchschnittlich 42 Prozent der Family-Office-Portfolios aus, wie eine Umfrage von Blackrock unter 175 Family Offices weltweit zeigt. 32 Prozent planen eine Erhöhung ihrer Private-Credit-Allokation, 30 Prozent bei Infrastruktur. Drei Viertel der Befragten bewerten die Aussichten für Infrastruktur-Investments positiv. Sie schätzen stabile Cashflows, die Portfoliodiversifikation und die wahrgenommene Widerstandsfähigkeit der Anlageklasse. Die Studie zeigt auch: Family Offices werden bei der Managerauswahl selektiver und prüfen Gebührenstrukturen kritischer.

Das Sicherheitsventil

Was einst als Notlösung galt, ist heute ein boomender Sektor. Auf dem Sekundärmarkt können Anleger ihre Anteile an geschlossenen Fonds vor Laufzeitende verkaufen. Laut Daten von Jefferies erreichte das Transaktionsvolumen im Jahr 2024 ein Rekordhoch von 162 Milliarden US-Dollar – ein Anstieg von 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Über die Hälfte dieses Volumens entfiel auf Verkäufe von Fonds-Anteilseignern, was den dringenden Liquiditätsbedarf vieler Investoren unterstreicht. Evercore beziffert das jährliche Wachstum auf etwa 18 Prozent.

„Secondaries werden nicht länger als Notlösung betrachtet, sondern als gezieltes Instrument, um Portfolios flexibler, effizienter und renditeorientierter auszurichten“, sagt Edouard Boscher, Head of Private Equity bei Carmignac.

Diese Entwicklung stabilisiert das gesamte System. Die Möglichkeit, illiquide Anlagen bei Bedarf doch veräußern zu können, senkt die Hemmschwelle für ein Engagement. Der Sekundärmarkt fungiert als Sicherheitsventil – und als Beschleuniger. Genau diese Flexibilisierung ebnet nun auch den Weg für eine ganz neue Investorengruppe: Privatanleger.