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Robert Hartmann, Pro Aurum

Robert Hartmann, Pro Aurum

Pro-Aurum-Chef Hartmann: „So etwas haben wir seit 2001 nicht mehr gesehen“

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Nach den Äußerungen von Fed-Chef Ben Bernanke am vergangenen Mittwochabend kamen die Notierungen der Edelmetalle erneut unter Druck. So fiel der Goldpreis von rund 1.370 US-Dollar innerhalb von zwei Handelstagen um 110 US-Dollar pro Feinunze oder umgerechnet acht Prozent auf ein vorläufiges Tief von 1.270 US-Dollar. Zuletzt handelte das gelbe Metall im September 2010 auf diesem Niveau. Die Gewinne von nahezu drei Jahren haben sich somit seit dem Höchststand bei rund 1.920 Dollar pro Feinunze im September 2011 in „Luft“ aufgelöst. Dabei hatte Bernanke nur verlautbaren lassen, dass das Volumen der Anleihekäufe der amerikanischen Zentralbank zum Jahresende reduziert werden solle. Angaben über ein gänzliches Ende von QE machte er nicht. Natürlich gab es auch keine Erklärung, wie die Liquidität in der aufgeblähten Fed-Bilanz wieder neutralisiert werden soll. Dennoch kam es zu herben Verlusten in praktisch allen Anlageklassen.

Gründe für den Exodus aus dem Papiergold?

Wir erleben schon seit mehreren Monaten einen wahren Exodus aus Papiergoldanlagen. Seit Jahresbeginn summieren sich die Abflüsse aus den Gold-ETFs auf mehrere hundert Tonnen. Verstärkt hat sich diese Tendenz Mitte April, nachdem führende Investmentbanken ihre Kursziele für Gold und Silber deutlich nach unten revidiert hatten. Viele institutionelle Investoren zogen sich daraufhin aus den Edelmetallmärkten zurück und investierten vor allem in Aktientitel mit hoher Dividendenrendite.

Der Pessimismus an den Edelmetallmärkten erreicht fast wöchentlich neue Rekorde. Obwohl jeder Marktteilnehmer weiß, dass vor allem fundamentale Nachrichten den langfristigen Trend bestimmen und sich emotionale Anlageentscheidungen nur selten auszahlen, suchten immer mehr Investoren den Notausgang und verkauften ihre Gold- und Silberpositionen. Wie die neuesten Daten der Futuresbörse Comex vom vergangenen Freitag zeigen, sank das Verhältnis der Longpositionen zu den Shortpositionen bei den spekulativen Anlegern auf einen Wert von 1,4. In der gesamten Hausse seit 2001 haben wir derartige Zahlen nicht gesehen. Zugleich sind die Longpositionen der kommerziellen Händler ebenfalls rekordverdächtig angestiegen. Die bestens informierten Bullionbanken haben also die Kursschwäche der vergangenen Wochen genutzt, um ihre Kurssicherungen aus der Vergangenheit sukzessive aufzulösen.

Neben den auffälligen Verschiebungen am Futuresmarkt kam es auch zu einigen beachtlichen Bewegungen bei den Optionen. Es scheint, als hätten vor allem kurzfristig agierende Marktteilnehmer Put-Optionen in großem Stil erworben, die ihnen die Chance geben, von den fallenden Edelmetallpreisen zu profitieren.

Wie reagieren die Investoren am physischen Goldmarkt?

Wer angenommen hat, dass die Verkaufswelle am Markt für Papiergold auch auf den physischen Markt überschwappt, sah sich getäuscht. Weltweit standen die Anleger Mitte April Schlange, um Münzen und Barren aus Gold und Silber zu erwerben. Durchschnittlich kam nur ein Verkäufer auf neun Käufer. Wie schon berichtet, erreichte damals das Handelsvolumen bei pro aurum das Fünffache eines normalen Tagesumsatzes. Binnen weniger Stunden waren einige Bestseller, wie zum Beispiel die südafrikanische Goldmünze Krügerrand oder die Silbermünze Maple Leaf aus Kanada, ausverkauft. Dies führte zu teils drastischen Anstiegen bei den Aufgeldern für physische Ware. Denn über den Primärmarkt bei den Produzenten konnte plötzlich keine neue Ware mehr bezogen werden. Und jeder Händler am Sekundärmarkt, der noch physische Ware im Bestand hielt, ließ sich die Leerung seines Lagers teuer bezahlen. So stiegen die Aufschläge für einige bekannte Produkte aus dem Bereich der Silberunzen zeitweise um mehr als 150 Prozent an. Dies veranlasste uns, diese Produkte vorerst nicht mehr für unsere Kunden zu ordern. Die Lage bei großen Anbietern in den USA hat sich mittlerweile wieder leicht entspannt, was dazu führt, dass wir unseren Kunden ab heute eine kleine Tranche an silbernen Maple-Leaf-Unzenstücken anbieten können. Solange der Nachschub der anderen bekannten Kapitalanlagemünzen, wie zum Beispiel der österreichische Philharmoniker oder die 1,5-Unzenmünze Kanada Polarbär, gewährleistet ist, sollten Anleger mit Interesse an physischen Silbermünzen diese Produkte erwerben. Hier bekommen sie aktuell wohl das meiste Silber für Ihr Geld.

Seit Mitte Mai hat sich das Umsatzvolumen in Europa wieder spürbar beruhigt. Wir sind gespannt, ob es nach den jüngsten Kursrückschlägen wieder zu einer neuen Kaufwelle kommen wird. Die Daten des vergangenen Freitags sind ermutigend und deuten in diese Richtung, wenn auch nicht mit der gleichen Intensität wie im April.

Fundamentales Umfeld nach wie vor intakt

Die Rahmenbedingungen für die Edelmetalle könnten eigentlich kaum besser sein. Und dennoch purzeln die Kurse. Im Mai haben knapp 20 Notenbanken weltweit ihre Leitzinsen gesenkt, was die Opportunitätskosten für das Halten von Edelmetallpositionen weiter global verringert. Die Aufblähung der Geldbasis im Vergleich zum Neuangebot an Gold spricht eindeutig für das gelbe Metall. Weltweit versuchen die Notenbanken, ihrer heimischen Industrie durch die Abwertung der Währung Vorteile zu verschaffen. Bestes Beispiel ist hier der japanische Yen, der seit vergangenem Oktober gegenüber dem US-Dollar rund 25 Prozent eingebüßt hat. Gegenüber dem Euro beträgt das Minus knapp 30 Prozent. Nach wie vor ist das Interesse an physischem Gold vor allem in Asien ungebrochen. Anleger in China und Indien saugen große Teile der weltweiten Minenförderung wie mit einem Staubsauger auf und entschärfen somit das aktuelle Überangebot am Papiermarkt. Sollte diese physische Nachfrage anhalten, was aufgrund der jüngsten Kurskapriolen zu erwarten ist, wird das mittelfristig einen stabilisierenden Effekt auf den Edelmetallmarkt ausüben.

Edelmetalle jetzt kaufen, halten oder verkaufen?

Die Geschäftsführung von pro aurum bleibt angesichts des weiterhin intakten fundamentalen Umfeldes ruhig und verkauft keinerlei strategische Eigenpositionen. Diese Anlagen sind als Versicherung für „Unfälle“ an den Finanzmärkten sowie als Wertspeicher für spätere inflationäre Phasen erworben worden. Beide Gefahren lauern nach wie vor. Unser Handelsbestand bleibt dagegen unverändert kursgesichert. Wir sind ein Handelshaus für Edelmetalle und die geringen Margen bei vielen Produkten erlauben keinerlei „Spielchen“ in diesen unsicheren und volatilen Zeiten. Wir empfehlen unseren Kunden seit Jahren, eine Quote von 15 bis 25 Prozent des liquiden Anlagevermögens in physischem Gold und Silber zu halten. Angesichts der globalen Risiken in Zeiten der Wachstumspolitik durch die Notenpressen der Zentralbanken halten wir an diesem Rat unverändert fest. Für Anleger, die sich bis heute noch nicht mit dem Thema Edelmetalle auseinandergesetzt haben, bietet sich aktuell eine gute Kaufgelegenheit. Natürlich können Gold und Silber kurzfristig auch noch weiter fallen. Spätestens im Bereich zwischen 1.100 US-Dollar und 1.200 US-Dollar sollte der Verkaufsdruck jedoch deutlich nachlassen. So viel Geld müssen die Minen nämlich zwischenzeitlich durchschnittlich aufwenden, um eine Unze Gold aus dem Boden zu fördern. Aus unserer Sicht kann sich die negative Grundstimmung bei Gold und Silber jederzeit vehement und plötzlich ins genaue Gegenteil drehen. Wahrscheinlich dann, wenn der Glaube der Marktteilnehmer an die Allmacht der Notenbanken schwindet. Die Bewegungen der vergangenen Tage an den Aktien- und Rentenmärkten könnten hier ein kleiner Vorbote sein.

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