Südamerikanische Perlen oder viel zu heikel? Manu Vandenbulck (l.) und Rajiv Jain sind in punkto brasilianische Aktien unterschiedlicher Meinung.

Südamerikanische Perlen oder viel zu heikel? Manu Vandenbulck (l.) und Rajiv Jain sind in punkto brasilianische Aktien unterschiedlicher Meinung.

Pro & Contra

Börse Brasilien: Rückkehr zum Karneval oder Aschermittwoch-Blues?

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Vergessen die „tollen Tage“ in der Zeit vor dem Ausbruch der Finanzkrise, an denen brasilianische Aktien nur den Himmel als Grenze zu kennen schienen. Und auch nach dem steilen Absturz im Jahr 2008 kletterten die Kurse schnell wieder auf alte Höchststände. Seit mehr als vier Jahren herrscht allerdings Katerstimmung: Gut ein Viertel haben in Sao Paulo notierte Aktien seit Oktober 2010 an Wert eingebüßt.


Quelle: Bloomberg

Im Jahr 2014 hat das Kursbarometer Bovespa auf Euro-Basis gut ein Prozent abgegeben –von Kamelle-Regen also weiterhin keine Spur. Dabei sah es in der ersten Jahreshälfte sogar danach aus, als könne die Fußball-Weltmeisterschaft den Samba auf das brasilianische Börsen-Parkett zurückholen. Die Hoffnung, dass das sportliche Großereignis Brasilien wieder mehr wirtschaftlichen Schwung verleiht, ließ Zuckerhut-Aktien von März bis September 2014 um mehr als ein Drittel steigen.

Ein jähes Ende fand dieser Kursauftrieb kurz darauf mit der Wiederwahl von Dilma Rousseff zur brasilianischen Staatspräsidentin. Der Sozialdemokratin wird mangelnde Reformwilligkeit vorgeworfen, um das Land aus der wirtschaftlichen Lethargie herauszuführen. Und der Preisverfall auf den Ölmärkten tat schließlich sein Übriges, um den Bovespa nach unten zu ziehen: Schließlich bildet der Energieriese Petrobras mit einer Gewichtung von rund 15 Prozent das Schwergewicht im Index. Der größte brasilianische Ölkonzern leidet zudem unter einer massiven Korruptionsaffäre, die Petrobras-Chefin Maria das Graças Foster kürzlich zum Rücktritt zwang. Dabei agiert Petrobras seit Längerem durchaus erfolgreich in der Erschließung neuer Offshore-Ölfelder und fördert so viel Öl wie nie zuvor.

Optimistisch nicht nur für Petrobras, sondern für Brasilien insgesamt ist Rajiv Jain. Der Manager des Vontobel Emerging Markets Equity glaubt, dass das Unternehmen stärker und transparenter denn je aus der Krise hervorgehen wird und vertraut den Willensbekundungen von Dilma Rousseff, endlich die notwendigen Reformen umzusetzen, die Brasilien so dringend benötigt. Manu Vandenbulck indes geht der Handlungseifer der Präsidentin nicht weit genug: Der Manager des ING Invest Emerging Markets High Dividend sieht mit der in den USA bevorstehenden Zinswende zusätzlichen Gegenwind auf Brasilien zukommen.


Rajiv Jain, Manager des Vontobel Emerging Markets Equity

Derzeit liegt es nahe, Brasilien pessimistisch zu sehen. Die Wirtschaft wächst kaum, täglich kommen neue Korruptionsskandale ans Licht, die Rohstoffpreise befinden sich im freien Fall, und schon bald könnten Strom und Wasser rationiert werden. Selbst im Fußball ist Brasiliens Glanz nach der Blamage bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr verblasst.

Ein Blick hinter die Schlagzeilen zeigt jedoch ein anderes Bild. Brasilien ist ein riesiges Land mit einer komplexen Demokratie. Das macht Schwankungen von Zeit zu Zeit unvermeidlich. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Brasilien in den vergangenen 25 Jahren starke Institutionen aufgebaut hat. Was die Regierungspolitik angeht, so gehen die Meinungen im größten Land Lateinamerikas weit auseinander. Einig ist man sich indes, dass eine hohe Inflation inakzeptabel ist.

Vertrauenskrisen sind in Brasilien nichts Neues. Bereits dem im Jahr 2002 gewählten Präsidenten Lula da Silva traute man nicht viel zu. Schließlich legte aber das brasilianische Bruttoinlandsprodukt in seiner zweiten Amtszeit dank sinkender Staatsverschuldung, rückläufiger Zinsen und des damaligen Rohstoff-Booms um beeindruckende 4,5 Prozent zu. Lulas Nachfolgerin, die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff, begann ihre erste Amtsperiode gestützt auf dieses politische Kapital. Zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums setzte sie auf eine staatliche Interventionspolitik – mit fatalen Folgen. So änderte sie einseitig langlaufende Konzessionsverträge mit Versorgern, um die Stromtarife zu senken und zwang Banken, Kredite zu niedrigeren Zinsen zu vergeben. In der Folge brach das Vertrauen der Investoren ein und erschwerte den Zugang zu dringend benötigtem Kapital für die Finanzierung von Infrastrukturprojekten.

Nachdem die Wähler Dilma Rousseff im Herbst 2014 mit hauchdünner Mehrheit im Amt bestätigt haben, nähert sie sich wieder der politischen Mitte an. Mit der Ernennung eines konservativeren Finanzministers deutet sich die Rückkehr zur fiskalischen Glaubwürdigkeit an. Unterdessen hat das neue Wirtschaftsteam diverse Maßnahmen angekündigt, mit denen Steuereinnahmen erhöht und die Ausgaben gesenkt werden sollen. Parallel dazu hat die Zentralbank die Zinsen angehoben, um die Inflationsrate wieder auf ein annehmbares Maß zurückzuführen. Eine restriktivere Haushalts- und Geldpolitik werden zwar vermutlich das Wachstum weiter bremsen, mit Folgen für den Konsum und die Beschäftigung. Aber die aktuellen Anpassungen werden vom Markt sehr wohl verstanden und sind zudem weitgehend in den Gewinnen der Unternehmen eingepreist.

Neben diesen makroökonomischen Kurskorrekturen erwarten wir, dass Dilma Rousseff nun eine marktfreundlichere Investitionspolitik verfolgen wird. So hat die Brasilianische Entwicklungsbank bereits angedeutet, dass sie Krediten für Infrastrukturprojekte künftig Vorrang einräumen wird. Investitionen in die Infrastruktur machen sich oft erst nach Jahren bezahlt. Mittelfristig sind sie jedoch eine entscheidende Voraussetzung für mehr Wachstum. Auch die Aufregung um Petrobras wird sich legen. Aus der aktuellen Krise wird das Unternehmen stärker und transparenter denn je hervorgehen.

Zwar hat Brasilien zwei Schritte nach vorn und einen zurück gemacht. Wir sind jedoch überzeugt, dass die Richtung stimmt. Unabhängig von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gibt es unseres Erachtens attraktive Chancen für Anleger. Wichtigen brasilianischen Großunternehmen wie Ambev, Itau und Cielo ist es 2014 gelungen, den Gewinn gegenüber dem Vorjahr deutlich zu steigern. Nach wie vor lassen sich in Brasilien Qualitätsunternehmen mit starken Fundamentaldaten finden. Anleger müssen nur ein wenig tiefer graben, um sie zu entdecken. Investmentideen kommen in Zyklen. Erinnern wir uns, wie pessimistisch Anleger noch vor 18 Monaten den Ausblick für Indien eingeschätzt haben. Wir werden unser Engagement in Brasilien jedenfalls weiter aufstocken.


Manu Vandenbulck, Manager des ING Invest Emerging Markets High Dividend

Das Wachstumspotenzial Brasiliens ist in den vergangenen Jahren stark gesunken. Steigende Löhne, Umverteilung und der Einfluss der Regierung auf die Wirtschaft haben die Wettbewerbsposition des Landes verschlechtert und das Investitionsklima getrübt. Die Nachfrage nach brasilianischen Produkten im Ausland ist schwach, und der Verfall der Rohstoffnotierungen trifft die Wirtschaft hart.

Brasilien, das Bodenschätze und Öl exportiert, ist durch sinkende Rohstoffpreise besonders verwundbar: Allein der Anteil des Energiesektors am Bruttoinlandsprodukt beträgt über 10 Prozent. Der brasilianische Aktienindex Bovespa büßte im vergangenen Jahr in Landeswährung knapp 3 Prozent ein, die Indexschwergewichte Petrobras (Öl) und Vale (Bergbau) verloren über ein Drittel ihres Wertes.

Erschwerend kommt hinzu, dass immer wieder Korruptionsskandale das Vertrauen in Regierung und Institutionen untergaben. Beim staatlich kontrolliertem Ölkonzern Petrobras etwa sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft durch ein großes Schmiergeldsystem zwischen 2004 und 2012 mindestens 2,1 Milliarden Real – umgerechnet rund 700 Millionen Euro – veruntreut worden. Es sollen dabei nicht nur Lieferanten und Bauunternehmer für Aufträge Schmiergelder gezahlt haben. Ein ehemaliger Petrobras-Manager hat auch ausgesagt, dass Geld an politische Parteien geflossen sei.

Die Popularität von Präsidentin Dilma Rousseff ging schon im vergangenen Jahr zurück, obwohl große Teile der brasilianischen Bevölkerung von Subventionsplänen und Steuererleichterungen profitiert haben und der Mindestlohn während ihrer Amtszeit um 33 Prozent gestiegen ist. Das Wirtschaftswachstum aber hat sich verlangsamt, und nach Jahren mit Beschäftigungszuwächsen wurden Stellen gekürzt.

Die Hoffnung vieler Investoren richtete sich darauf, dass der konservative Herausforderer Aécio Neves die linke Regierungschefin bei den Wahlen im Oktober 2014 ablösen würde. Ihm wurde zugetraut, den Einfluss des Staates auf die Wirtschaft zu verringern und durch fiskalpolitische Reformen die strukturell hohen Inflationsraten und Zinssätze in den Griff zu bekommen. Für das potenzielle BIP-Wachstum und die Unternehmensgewinne wäre ein Wahlsieg von Neves gut gewesen.

Doch es kam anders, Rousseff wurde für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Eine Politik, die die hohen Zinsen und Inflationsraten senkt und das Leistungsbilanzdefizit Brasiliens verringert, ist damit in die Ferne gerückt. Allerdings gibt es bereits Anzeichen für einen Kurswechsel. So hat Rousseff als Finanzminister den in Chicago promovierten Investmentbanker Joaquim Levy eingesetzt, und kürzlich hat die Regierung damit begonnen, Energiesubventionen und zinsverbilligte Kredite zurückzufahren.

Dennoch bleiben Zweifel, ob Präsidentin Rousseff es ernst meint. Wir haben den Eindruck, dass die Regierung gerade genug tut, um eine Rating-Herabstufung zu verhindern, aber weiter wenig Bereitschaft zeigt zu Reformen, die das Investitionsklima und die Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Deshalb bleibt unser Wachstumsausblick negativ, ebenso unsere Einstufung des Marktes mit „Untergewichten“.

Um wieder nach vorne zu kommen, muss Brasilien auch gegen externe Faktoren kämpfen, etwa die sich anbahnende Zinswende in den USA. Je höher die Dollarschulden und das Leistungsbilanzdefizit eines Landes sind, umso stärker gerät die Landeswährung unter Druck, wenn die US-Zinsen steigen. Der brasilianischen Landeswährung Real, die zum US-Dollar bereits den tiefsten Stand seit neun Jahren erreicht hat, dürften schwierige Zeiten bevorstehen: Brasiliens Leistungsbilanzdefizit lag nach Daten der Weltbank zuletzt bei knapp 4 Prozent, und die ausstehenden Dollar-Anleihen des Landes entsprechen gut einem Zehntel seiner jährlichen Wirtschaftsleistung.


Aktuelle Hintergrundartikel zum Thema:

Investoren zweifeln an Brasilien (Wirtschaftsblatt.at vom 3. Februar)

Brasiliens Zentralbank erhöht die Leitzinsen (NZZ Online vom 23. Januar)

Bric-Staaten: Auf die richtigen Gewinner setzen (Finanzen.net vom 14. Januar 2014)

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