In einem Streitgespräch diskutieren Barbara Claus von Scope und Analyst Ali Masarwah von Envestor die Vor- und Nachteile von Dividendenfonds. Während Claus die Vorzüge regelmäßiger Ausschüttungen betont, plädiert Masarwah für alternative Anlagestrategien. Ein Schlagabtausch, der die Komplexität moderner Anlageentscheidungen offenbart. 

DAS INVESTMENT: Dividendenfonds erfreuen sich seit Jahren großer Beliebtheit bei Anlegern. Doch sind sie wirklich der Königsweg für ein stabiles Einkommen aus Aktieninvestments? Frau Claus, lassen Sie uns mit Ihnen beginnen. Warum sind Dividendenfonds Ihrer Meinung nach eine kluge Wahl für Anleger? 

Barbara Claus: Dividendenfonds bieten mehrere überzeugende Vorteile. Zunächst einmal motivieren die regelmäßigen Ausschüttungen Menschen dazu, überhaupt Geld anzulegen. Das ist in Zeiten, in denen viele noch immer zu viel Bargeld horten, ein nicht zu unterschätzender Faktor. Darüber hinaus sind Dividendenfonds ideal für Anleger, die einen zusätzlichen Einkommensstrom benötigen, sei es für die Rente oder um vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. Die regelmäßigen Zahlungen geben eine gewisse Planungssicherheit.

Herr Masarwah, Sie sehen das offensichtlich kritischer. Was sind Ihre Einwände?

Ali Masarwah: In der aktuellen Zinslandschaft halte ich kurzlaufende Rentenfonds für die bessere Wahl. Sie bringen je nach Anlageuniversum 4 bis 4,5 Prozent Rendite. Darauf kann man einen Auszahlplan setzen und hat ein verlässliches Einkommen, ohne sich Sorgen um Aktienmarktrisiken machen zu müssen. Zudem sind Anleihen in der Kapitalstruktur vorrangig gegenüber Aktien. Bei einer Unternehmensinsolvenz werden zuerst die Anleihegläubiger bedient.

Claus: Anleihen haben sicherlich ihre Vorzüge, insbesondere in Zeiten attraktiver Zinsen. Allerdings sehe ich auch ein Wiederanlagerisiko. Was ist in zwei Jahren, wenn die Anleihen auslaufen und ich wieder anlegen muss? Vorausgesetzt, wir haben den Inflations-Peak gesehen und das Wachstum schwächelt – bleiben die Zinsen dann wirklich auf dem aktuellen Niveau? Bei Dividendenaktien kaufe ich heute zu einem bestimmten Kurs und sichere mir die aktuelle Dividendenrendite. Zudem haben Aktien langfristig das Potenzial für Kurssteigerungen, was bei Anleihen fehlt.

 

Masarwah: Was das angeht, habe ich Bedenken, die gleich an mehreren Punkten ansetzen. Zunächst einmal müssen sich Anleger, die auf regelmäßige Ausschüttungen setzen, bewusst sein, welches Risiko sie eingehen. Eine Dividendenrendite von 3,5 Prozent mag verlockend klingen, aber sie hilft wenig, wenn der Markt gleichzeitig um 20 Prozent einbricht. Dann nämlich schmilzt die Kapitalbasis dahin, von der diese Ausschüttungen kommen sollen.

Claus: Ich verstehe den Punkt, den Herr Masarwah hier macht, aber ich denke, er vernachlässigt einen wichtigen Aspekt: Aktien sind grundsätzlich Eigenkapital. Idealerweise legt man sein Geld langfristig an, sagen wir für zehn Jahre oder länger, und kassiert in dieser Zeit die Dividenden. Dabei haben Dividendenausschüttungen historisch gesehen die Tendenz, über die Zeit zu steigen. Zusätzlich besteht das Potenzial für Kursgewinne. Bei einer Anleihe weiß man zwar genau, was man bekommt, aber der Gewinn ist nach oben gedeckelt.

Herr Masarwah, wie erklären Sie sich überhaupt die Popularität von Dividendenfonds?

Masarwah: Hier haben die Marketingabteilungen der Branche einfach gute Arbeit geleistet.

Können Sie das näher erläutern?

Masarwah: Viele Anleger wurden meiner Meinung nach durch das Null-Zins-Umfeld in Dividendenfonds getrieben. „Dividenden sind die neuen Zinsen“ war ein populäres, aber irreführendes Argument. Heute können wir Anlegern zu viel niedrigeren Risiken zuverlässigere Ausschüttungsprofile bieten. Ich fürchte, viele Anleger verstehen den Unterschied zwischen Anleihen und Aktien nicht wirklich.

Claus: Ich würde das nicht als reinen Marketingtrick abtun. Der Null-Zins war tatsächlich eine Herausforderung für Anleger, und Dividendenstrategien boten eine sinnvolle Alternative. Schauen Sie sich europäische Dividenden-ETFs an – da sind immer noch Dividendenrenditen von 4 bis 5 Prozent zu finden. Das ist nach wie vor attraktiv, insbesondere wenn man bedenkt, dass viele dieser Unternehmen ihre Dividenden über Jahre hinweg stetig erhöht haben.

Herr Masarwah, hat Frau Claus nicht einen validen Punkt?

Masarwah: Meiner Meinung wird übersehen, dass viele Anleger, die auf Dividendenfonds setzen, eben genau diese Ausschüttungen für ihren Lebensunterhalt benötigen. In diesem Fall gibt es keinen Zinseszinseffekt, weil die Dividenden eben nicht reinvestiert werden. Zudem wird bei der Berechnung der Performance von Dividendenfonds oft eine Wiederanlage unterstellt, die in der Realität gar nicht stattfindet.

Claus: Ich stimme zu, dass der Zinseszinseffekt entfällt, wenn die Ausschüttungen verbraucht werden. Allerdings muss man auch bedenken, dass Dividenden historisch gesehen tendenziell steigen. Eine Coca-Cola-Aktie, die man vor 20 Jahren gekauft hat, schüttet heute wesentlich mehr aus als damals. Das ist eine Art natürlicher Inflationsschutz.

Lassen Sie uns noch einen Moment bei den Risiken bleiben. Banken waren früher sichere Dividendenzahler, dann kam das Jahr 2008. Auch Immobilienaktien standen schon einmal besser da. Ist das nicht ein Argument für breite Streuung statt Fokussierung auf Dividendentitel?

Masarwah: Absolut. Das ist genau mein Punkt. Die vermeintliche Stabilität von Dividendentiteln ist oft eine Illusion. Wer sich zu sehr auf bestimmte Sektoren oder vermeintlich sichere Dividendenzahler konzentriert, kann böse Überraschungen erleben. Ein breit gestreutes Portfolio, das nicht nur auf Dividenden fixiert ist, kann hier Vorteile bieten.

Frau Claus, wie sehen Sie das Thema Diversifikation im Kontext von Dividendenstrategien?

Claus: Diversifikation ist in der Tat entscheidend. Allerdings bieten viele moderne Dividendenfonds oder -ETFs bereits eine breite Streuung. Es geht nicht darum, nur auf die höchsten Dividendenrenditen zu setzen, sondern auf Unternehmen mit nachhaltigen Geschäftsmodellen und der Fähigkeit, Dividenden langfristig zu zahlen und idealerweise zu steigern. Ein gutes Management achtet auf Qualitätskriterien wie Ertragskraft, Verschuldungsgrad und Ausschüttungsquote.

Herr Masarwah, Sie nicken.

Masarwah: Absolut. Ich stimme zu, dass Dividenden ein wichtiger Bestandteil der Gesamtrendite von Aktien sind. Mein Hauptkritikpunkt ist, dass viele Anleger den Trugschluss ziehen, dass eine höhere Dividendenrendite automatisch eine bessere Performance bedeutet. Stattdessen sollten Anleger meiner Meinung nach mehr auf Cashflows achten – sie sind die Voraussetzung für nachhaltige Dividendenzahlungen.

Claus: Da kann ich Herrn Masarwah nur beipflichten. Ein Unternehmen muss erst einmal in der Lage sein, stabile Cashflows zu generieren, bevor es überhaupt an Dividendenzahlungen denken kann. Insofern ist der Blick auf die Cashflow-Situation definitiv wichtig. Allerdings berücksichtigen das gute Dividendenstrategien.

 

Wir nähern uns dem Ende unseres Gesprächs. Lassen Sie uns noch einen Blick in die Zukunft werfen. Wie sehen Sie die Rolle von Dividendenfonds in den kommenden Jahren, gerade angesichts der aktuellen Zinsentwicklung?

Claus: Ich denke, Dividendenfonds werden auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Auch wenn die Zinsen aktuell wieder attraktiver geworden sind, bieten Dividendenstrategien nach wie vor Vorteile. Sie ermöglichen eine Partizipation am Unternehmenserfolg und bieten oft einen Inflationsschutz, da viele Unternehmen ihre Dividenden im Laufe der Zeit erhöhen. Zudem sehe ich gerade in Europa noch attraktiv bewertete Dividendentitel.

Masarwah: Ich sehe die Zukunft etwas kritischer. Mit einer Dividendenstrategie verzichtet man auf die wenigen Growth-Inseln, die Europa noch zu bieten hat, zugunsten einer noch enger begrenzten Value-Strategie. Schließlich sind Dividenden eine Untergruppe des Value-Stils. Mit steigenden Zinsen werden Anleihen wieder attraktiver, was den Druck auf Dividendentitel erhöhen könnte. Zudem müssen wir bedenken, dass viele Unternehmen in den kommenden Jahren vor großen Herausforderungen stehen – Stichwort Digitalisierung und Klimawandel. Das könnte die Fähigkeit, hohe Dividenden zu zahlen, beeinträchtigen. 

Zum Abschluss: Welchen Rat würden Sie Anlegern geben, die vor der Entscheidung stehen, in Dividendenfonds zu investieren? 

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Claus: Mein Rat wäre, genau hinzuschauen und nicht blind auf hohe Dividendenrenditen zu setzen. Achten Sie auf Qualitätskriterien wie stabile Cashflows, moderate Ausschüttungsquoten und Unternehmen mit Preissetzungsmacht. Dividendenfonds können ein sinnvoller Baustein im Portfolio sein, sollten aber nicht die einzige Strategie darstellen. 

Masarwah: Ich würde Anlegern raten, ihre Ziele genau zu definieren. Wenn es um regelmäßiges Einkommen geht, können derzeit auch Anleihenstrategien interessant sein. Wer langfristig Vermögen aufbauen will, sollte meiner Meinung nach eher auf Gesamtrendite als auf Dividenden allein schauen. Und ganz wichtig: Verstehen Sie, was Sie kaufen. Die Risiken von Aktien – auch von Dividendenaktien – sollten nicht unterschätzt werden. 

Eine letzte Frage: Gibt es etwas, worin Sie beide übereinstimmen? 

Claus: Ich denke, wir sind uns einig, dass eine fundierte Analyse und ein diversifizierter Ansatz entscheidend sind, egal ob man nun auf Dividenden oder andere Strategien setzt. 

Masarwah: Absolut. Und ich würde hinzufügen, dass kontinuierliche Bildung in Finanzfragen für alle Anleger wichtig ist. Die Märkte ändern sich ständig, und was gestern eine gute Strategie war, muss es morgen nicht mehr sein.