Thomas Böckelmann, Manager des Euroswitch Substantial Markets OP

Derzeit scheint ein positiver Ausblick auf den europäischen Aktienmarkt unter den Anlegern Konsens zu sein. In der Argumentation wird im Wesentlichen auf den Bewertungsabstand zwischen US-amerikanischen und europäischen Aktien hingewiesen, der sich auf Basis der von Analysten erwarteten Gewinne für die kommenden 12 Monate noch ausdehnen soll. Dadurch scheine der US-Markt bei neuen Höchstständen bereits ausgereizt und Europa biete im Vergleich zu historischen Durchschnittswerten noch deutliches Potential. Während die USA voraussichtlich vor einer Zinswende stehen, erwarten in Europa viele Experten von der Europäischen Notenbank und der Politik weitere Liquiditätsspritzen und Investitionsprogramme, die direkt und indirekt die Kursentwicklung an den Börsen unterstützen sollen.

Wir finden jedoch, dass diese Betrachtungsweise zu einseitig ist. Die genannten Argumente und Thesen sollten vielmehr im Kontext mit anderen globalen Entwicklungen betrachtet werden. Hier mengt sich durchaus Wasser mit Wein und eine Portion Zurückhaltung und Vorsicht scheint aus unserer Sicht daher angebracht.

Unabhängig von den aktuellen Turbulenzen drohen der Eurozone erneut Unsicherheiten. So ist der Fall Griechenland alles andere als gelöst und dürfte bald wieder auf die Agenda kommen. Durch die Debatten sind tiefe Gräben zwischen den einzelnen Euroländern untereinander, aber auch in der Beziehung zum Internationalen Währungsfonds entstanden. Die Ursachen liegen in abweichenden wirtschaftlichen Auffassungen und Wertesystemen, aber auch in der unterschiedlichen Auslegung der Europäischen Idee und Vision. Hier gilt es neue Brücken zu bauen. Dabei werden die internationalen Marktteilnehmer genau auf die Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit europäischer Politik achten.

Davon losgelöst kann die massive Krise an den regionalen chinesischen Festlandsbörsen negative Wirkungen auf die Gesamtwirtschaft in Europa entfalten. Mit einem Anteil von fast einem Fünftel an der globalen Wertschöpfung ist das Land seit Jahren der Schlüsselmarkt für die exportorientierten europäischen Unternehmen. Eine Absatzschwäche in China wäre durch andere Märkte kaum zu kompensieren. Angesichts des Lärms um Griechenland und China sind die geopolitischen Probleme an den Grenzen der Europäischen Union bei vielen Anlegern vom Radar verschwunden. Die Konflikte in den Regionen Ukraine-Russland sowie Türkei-Syrien bergen unverändert die Risiken weiterer Eskalationen in direkter Nachbarschaft.

Weiteres Unheil könnte Europa von den Zinsmärkten drohen. Zwar scheint es rational, angesichts der Wachstumsschwäche in der Eurozone ein nachhaltig niedriges Zinsniveau zu unterstellen. Die Verwerfungen seit April haben jedoch verdeutlicht, dass die Zinsänderungsrisiken dramatisch gestiegen sind und scheinbar sicheren Anleihen aktienähnliche Verluste drohen können. Über die Auswirkungen einer tatsächlichen Zinswende in den USA oder weiterer politischer Verwerfungen in der Eurozone kann daher nur spekuliert werden.

Als aktienorientierte Investoren sehen auch wir die aktuellen Vorteile Europas auf Basis der entstandenen Bewertungslücke zu US-Aktien, aber auch aufgrund der unterschiedlichen Positionen im konjunkturellen Zyklus. Jedoch dürfen die Risiken und potentiell entstehenden Unsicherheiten an den Märkten nicht unterschätzt werden. So erscheint aus heutiger Sicht jede Reserve der europäischen Geld- und Fiskalpolitik bereits ausgeschöpft und eine Gegenwehr bei erneuten rezessiven Tendenzen nur sehr eingeschränkt möglich. Gestiegene Aktienbewertungen einerseits sowie potentielle Gefahren andererseits verlangen daher eine stark selektive Betrachtung des grundsätzlich attraktiv erscheinenden europäischen Marktsegments.

Aktuelle Hintergrundartikel zum Thema:

Europa taumelt vorwärts (NZZ Online vom 15. August 2015)

Der EZB ist locker vielleicht nicht locker genug (Handelsblatt Online vom 13. August 2015)

Umfrage in sieben Ländern – Bürger einig: Politiker haben bei Eurorettung versagt (Wirtschaftswoche Online vom 13. August 2015)

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