Probleme mit der Kohle

Chinas Aufschwung auf Pump

Li Taishan hatte gedacht, er bekäme 10 Prozent Rendite auf eine risikofreie Anlage. Denn die Vertriebsfrau hatte es ihm so erklärt und ihn überzeugt, umgerechnet 350.000 Euro in den Jilin Trust zu stecken. Der leitete das Geld per Kredit weiter an die Kohlebergbau-Firma Shanxi Liansheng Energy. Nur kann die jetzt ihre Raten nicht mehr zahlen, geschweige denn die Restschuld. Wenn kein Wunder geschieht, kann Li sein Geld abschreiben.

Er ist ein Beispiel dafür, wie sich seit etwa 2009 eine geheime Kreditindustrie in China gebaut hat. Sparer waren mit ihrem gesetzlichen Zins von 3 Prozent nicht mehr zufrieden, er gleicht nicht einmal die Inflation aus. 90 Prozent aller Unternehmen bekamen keine Kredite bei den einzigen vier zugelassenen Großbanken. In der Schattenwelt aus Trusts und Wealth Management Products (WMP), also neu verpackten Unternehmenskrediten, fanden sie zueinander. Und Großbanken mischten im Vertrieb kräftig mit. Li Taishan ist Kunde der China Construction Bank.

Genaue Zahlen gibt es nicht, aber die Schätzungen für das Schattenbanksystem reichen von bescheidenen 440 Milliarden Euro (Fitch) bis zu Furcht einflößenden 4,7 Billionen Euro (J.P. Morgan). Sie tauchen in keiner Bankbilanz oder offiziellen Statistik auf. Ein Schwarzmarkt für Geld, gegen den die 2,8 Billionen Euro Devisenreserven der Zentralbank überschaubar wirken.

Der erste Trust mit Problemen war der Gold #1. Auch er finanzierte ein Kohleunternehmen, das inzwischen in Konkurs ist. Der Geschäftsführer sitzt im Knast. Allerdings tauchte plötzlich ein geheimnisvoller Investor auf, der den Trust übernahm und Anleger rettete. Ein Schelm, der dahinter die Regierung vermutet.

Noch in diesem Jahr werden Trusts im Wert von 620 Milliarden Euro fällig, schätzt man bei Haitong Securities. Die Unternehmen müssen sich somit ausgerechnet in einer Zeit neu refinanzieren, in der Anleger skeptisch gegenüber Trusts werden.

Im Grunde tat China über die Jahre dasselbe wie die westlichen Länder: Es finanzierte seinen Aufschwung mit Krediten. Und zwar heimlich. Als die Zentralbank Geld aus dem Markt ziehen wollte, drehte der Interbankenmarkt durch. Die Zinssätze, zu denen sich Banken untereinander Geld leihen, schossen zuweilen auf über 10 Prozent.



Damit musste auch die Zentralbank Geld drucken und so den Markt fluten. Die Schuldenstände von Unternehmen erreichen inzwischen 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In Deutschland liegt die vergleichbare Quote bei 101 Prozent.

Die große Frage ist, wie die Regierung das Problem löst. Ein guter Schritt wäre es, die im November angekündigten Reformen umzusetzen. Dann würde es mehr Banken geben, Zinssätze würden sich nach Markt, Konkurrenz und Inflation richten und Anleger und kreditbedürftige Unternehmen aus dem Schattenmarkt herausziehen.

Es würde auch mehr Unternehmen geben, der Kurs des Renminbi könnte freier schwingen, ebenso wie die Preise für Güter. Der Markt könnte gesunde Gleichgewichte finden. Nur muss Premierminister Li Keqiang das erst einmal alles gegen den Willen vieler konservativer Parteikollegen durchsetzen.

Keine zweite Subprime-Krise

Immerhin sieht es nicht danach aus, dass es eine neue Weltfinanzkrise à la Subprime gäbe. So stellte der Journalist Felix Lee in seinem Blog auf „Zeit Online“ fest, dass ausschließlich reiche Chinesen ihr Geld in Trusts gesteckt hätten.

Während Subprime-Papiere weltweit auch Kleinsparer und Banken in den hintersten Winkeln erwischten, trifft es in China nur Anleger, die es sich leisten können. Schmerzhaft genug, aber eben nicht systemgefährdend. Lees Fazit: „Eine Kettenreaktion dürfte ausbleiben.“

Was dagegen wahrscheinlich wird: Die Wachstumsraten der Wirtschaft sinken weiter. Weil Firmen Schulden abzahlen müssen oder pleitegehen, weil staatliche Ausgabenprogramme wegfallen, weil Reformen Zeit brauchen. Das wird Wachstumsfanatiker enttäuschen. Aber jeder Punkt davon ist ein wichtiger Baustein für eine sichere Zukunft.

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