Die Produktentwickler haben die Unfallversicherung derzeit besonders im Blick. Das freut das Herz des Experten. Nahtlos schließt sich jetzt Adam Riese, der Online-Versicherer der Wüstenrot & Württembergische (W&W), an.

W&W-Tochter Adam Riese hat sich am Markt etabliert

Das Corporate-Start-up des fusionierten Konzerns startete 2017 als rein digitaler Versicherer den Vertrieb über Vergleichsportale, Makler und die eigene Website. Zielgruppe von Adam Riese sind, typisch Insurtech, zumeist junge Kunden, die sich wesentlich auf Preis und Leistung eines Produkts konzentrieren und Anbieter entsprechend vergleichen wollen. Das Stuttgarter Unternehmen hat sich seinen Platz im digitalen Abschluss-Universum erkämpft, die ersten Erfolge kamen vor allem mit einer Privathaftpflicht.

Unfallversicherung wird differenziert nach Vertriebskanälen angeboten

Nun versucht man auch in der komplexeren Materie der Unfallversicherung mit einer umfassenden Erweiterung der bestehenden Angebote Fuß zu fassen. Interessant ist dabei die Differenzierung nach Vertriebskanälen. Die aktualisierten Tariflinien „L“; „XL“ und „XXL“ werden über Vergleichsportale angeboten sowie die Linien „XL“ und „XXL“ über den Direktkundenkanal auf der Website des Insurtechs. 

Der Top-Tarif „Riesig“ kann nur über Makler abgeschlossen werden. Informationen zu diesem Tarif können potenzielle Kunden auch in der Adam-Riese-App abrufen, geht es aber um den richtigen Abschluss der Zusatzbausteine (Unfall­rente, Krankenhaus­tagegeld, Todesfall­leistung, Gips­geld) ist der Fachprofi gefragt.

Viele Neuheiten eher unwichtig für den Kunden

Der Tarif „Riesig“ ist ohne die Beantwortung von Gesundheits­fragen abzuschließen. Hier stellt sich aber die Frage, ob schwere bestehende Erkrankungen wie zum Beispiel Diabetes, Adipositas oder körperliche Beeinträchtigungen (Knochenstruktur) nicht wirklich zu nennen sind.

Daneben sind eher ungewöhnliche Leistungsparameter wie die Verdoppelung der Todesfallleistung beim gleichzeitigen Versterben beider Elternteile, die psychologische Unterstützung bei schweren Unfällen, ein moderner erweiterter Unfallbegriff in puncto Schlafwandeln, Erschrecken, Übermüdung nur vermeintliche Highlights. Sie werden bei einem Mitwirkungsanteil (75 Prozent) oder dem Zusammenspiel des Unfallereignisses zum Übergang in eine Pflegebedürftigkeit eher zu unwichtigen Highlights, die von nicht gut durchdachten, wichtigen Leistungen ablenken. 

 

Leider kommt meines Erachtens die neue Erweiterung eher abgekupfert von bekannten Unfallanbietern wie der Baloise oder Inter Risk daher. So „riecht“ die Besserstellung von fehlenden Leistungsparametern, die sofort zum Einsatz kommen, auch wenn der Abschluss der Unfallversicherung von Adam Riese in der Zukunft liegt und die eine Million Euro bei Bergungskosten oder kosmetischen Operation stark nach dem bekannten Schweizern Unfallversicherer. Die Tarife bieten zudem die Aufnahme von erweiterten, zusätzlichen Gliedertaxen an. Das hatte die Inter Risk schon vor Jahren im Leistungsspektrum.

Produkt dürfte wenig Marktchancen haben

„Nur das, was zählt“ (Slogan der Adam Riese) wird hier fehlinterpretiert. Ich würde empfehlen, die Aktuare, Fach- und Marketingabteilung nochmal über das Produkt schauen zu lassen. Der Bereich Unfall bei Adam Riese bleibt zudem durch die fehlende Ziergruppenausrichtung, der nicht vorhandenen Präsens bei Maklern und seiner Zugangswege (zu Anfang nur über wenige Portale abschließbar) wohl ein Nischenfüller bei der W&W-Gruppe.

Warum sich Unfallversicherungen digital nicht durchsetzen

Entlastend kann man allerdings feststellen, dass es digitalen Versicherern generell bisher nicht gelungen ist, die einfachen Abschlusswege ihrer Produkte auf den Bereich von Unfallversicherungen zu übertragen. Die Thematik ist wohl zu komplex und zu umfangreich für die Entwickler.  Leistungsparameter im Zusammenspiel mit Unfallereignissen, Nachwirkungen der Ansprüche, Invaliditätsgraden oder das Thema Haftung sind nur einige Stolpersteine, die verhindern eine „Unfall-App“ erfolgreich zu etablieren.

Über den Autor

Pierre Esser wurde 1968 geboren. Nach einer Karriere im Handwerk stieg er mit einer Ausbildung zum Versicherungsfachmann Anfang der 2000er in die Assekuranz ein. Esser war für mehrere Versicherer als Agenturvertreter tätig. Seit 2006 ist er als Versicherungsmakler selbstständig. Seit 2019 arbeitet er in Kooperation mit der Fonds Finanz, seit kurzem als Regionaldirektor.