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Fed-Chef Jerome Powell auf der Pressekonferenz am 30. Oktober, auf der er die erneut sinkenden Zinsen verkündete. | © Getty Images

Profis über die erneut gesenkten US-Zinsen

„Unabhängigkeit sieht anders aus“

Otmar Lang, Chefvolkswirt, Targobank

War das wirklich notwendig? Die Fed hat heute erwartungsgemäß noch einmal die Zinsen gesenkt. Und das obwohl sich bereits seit geraumer Zeit interner Widerstand gegen die geldpolitische Richtung regt. Möglicherweise haben Amerikas Währungshüter die bereits fest eingepreiste Zinssenkung aber auch nur durchgewunken, um unliebsame Marktreaktionen zu vermeiden.

Doch viel wichtiger ist die Frage: Was kommt jetzt noch? Wird die amerikanische Notenbank im Dezember noch einmal die Zinsen senken – trotz der vielen fundamentalen Argumente, die gegen eine weitere Lockerung der Geldpolitik sprechen?

  • Ein unter Ökonomen und Notenbankern gefürchteter Indikator für eine bevorstehende Rezession ist, wenn die Zinsstrukturkurve invers wird – also die Rendite der zweijährigen Staatsanleihen höher ist als die der zehnjährigen. Das ist seit kurzem nicht mehr der Fall.
  • Das von der Fed bevorzugte Inflationsmaß - die Kernrate für die persönlichen Verbraucherausgaben – ist zuletzt wieder gestiegen.
  • Die US-Arbeitslosigkeit ist weiter gesunken.
  • Der Außenwert des US-Dollars hat nachgegeben, was letztendlich höhere Inflationsraten begünstigt und den Warenexport unterstützt.
  • Auch die Entspannung im Handelskonflikt mit China sollte sich auf die amerikanischen Unternehmen übertragen und ihnen helfen, den Investitionsstau abzubauen. Vor diesem Hintergrund erwarten wir, dass die zuletzt noch gesunkenen US-Stimmungsindikatoren in den kommenden Monaten wieder nach oben zeigen. Das gilt nicht nur in den USA, sondern – auch aufgrund der Fortschritte beim Brexit – in der Euro-Zone.

Mag sein, dass all diese Argumente noch nicht solide genug sind, um für eine Kehrtwende in der Zinspolitik zu sprechen - zumindest aber sollte es kein „Weiter so“ geben. Geduldiges Abwarten lautet das Gebot der Stunde. Das hat auch den Vorteil, dass die Fed nicht wie ein Dackel dem US-Präsidenten hinterher hecheln muss.

Als abschreckendes Beispiel fungiert hier die Europäische Zentralbank: Bei einem Leitzins von minus 0,5 Prozent kann die EZB im Falle eines Konjunktureinbruchs nicht mehr wirklich nachlegen. Ganz so eng sieht es für die Fed zwar noch nicht aus; doch eine alte Faustregel besagt, dass für eine erfolgreiche Rezessionsbekämpfung Luft für Zinssenkungen von mindestens 3 Prozentpunkten vorhanden sein sollten. So sind auch die Ausführungen von US-Notenbank-Präsident Powell zu verstehen. Er könnte heute ganz vorsichtig einer abermaligen Zinswende den Weg geebnet haben.

Friedrich Heinemann, Leiter „Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft", ZEW Mannheim

Die erneute Fed-Zinssenkung trotz einer immer noch hervorragenden Lage an den Arbeitsmärkten und einer soliden Wachstumsrate der Wirtschaft ist problematisch, weil die Fed ohne Not ihren Bewegungsspielraum für eine echte Krise einengt. Das Timing kurz nach Bekanntgabe eines besorgniserregenden Haushaltsdefizits der US-Regierung in Höhe von 4,6 Prozent der Wirtschaftsleistung ist noch dazu äußerst unglücklich.

Die Fed erweckt zunehmend den Eindruck, als ob sie letztlich doch von der Trump-Administration gesteuert wird. Die Abkühlung der Industrie aufgrund des Handelskonflikts mit China und das Eine-Billionen-Staatsdefizit trotz Rekord-Beschäftigung sind beide von der US-Politik verursachte Probleme. Und die Fed muss nun gute Miene zum bösen Spiel machen und diese Fehler finanzieren. Eine echte Zentralbank-Unabhängigkeit sieht anders aus.

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