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NFS-Netfonds-Chef Christian Hammer
Provisionsverbot: Was uns wirklich weiterbringt
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NFS-Netfonds-Chef Christian Hammer Provisionsverbot: Was uns wirklich weiterbringt

Christian Hammer von NFS Netfonds
Christian Hammer von NFS Netfonds: „Der Kern der Debatte sollte sich um die Frage drehen, ob Beratung durch ein Provisionsverbot besser wird.“ | Foto: NFS Netfonds

Grundsätzlich ist es sehr interessant, dass die Debatte rund um die Provision von den verschiedenen Interessengruppen stets sehr pointiert erfolgt. Wir sollten bei der Frage, wie eine Beratungsleistung in Bezug auf Vermögen und besonders die Wertpapieranlage bepreist wird, aber eine etwas breitere Sicht auf die Sachlage nehmen. Denn der Kern der Debatte sollte sich um die Frage drehen, ob Beratung durch ein Provisionsverbot besser wird. Und würde ein Verbot gewünschte und geschätzte Geschäftsmodelle „weg-regulieren“? Die Antworten auf solche Fragen sind vielfältig, denn wir dürfen bei den Gedankenspielen nicht den Fehler begehen, die Wünsche der Kunden und den Bezug auf die wirtschaftliche Realität aus den Augen zu verlieren. Und eins steht fest: eine schlechte Anlageberatung wird nicht besser durch die Art und Weise der Vergütung oder der Nichtvergütung

Wie es zur aktuellen Debatte um ein Provisionsverbot kam

Die aktuelle Diskussion nahm ihren Anfang bereits im Juli 2021, als die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde Esma darauf hinwies, dass sie sogenannte Paymemts for Orderflow (PFOF) für bedenklich halte. Bei PFOF handelt es sich um die Praxis von Brokern, Plattformen und Vermittlern, Zahlungen von Ausführungsplätzen für die Weiterleitung von Kundenaufträgen an diese zu erhalten. Durch solche Zahlungen – so die Esma – werde ein die Anlegerinteressen gefährdender Interessenkonflikt begründet. Die Esma vertrat ferner die Ansicht, die Vereinbarkeit der Entgegennahme derartiger Zahlungen wäre mit den Vorgaben der Mifid II unwahrscheinlich.

Kurzer Exkurs: Im November 2021 griff die EU-Kommission diese Gedanken grundsätzlich auf und präsentierte einen Entwurf der europäischen Verordnung Mifir, der ein Verbot von Payment for Orderflow vorsah, auch wenn es ihr weniger um die Anlegerinteressen als vielmehr die Markttransparenz und in der Folge die effiziente Preisbildung ging. Die Hoffnung war, dass durch das Verbot Orders weniger an systematische Internalisierung betreibende oder OTC (OTC = „Over the Counter“) ausführende Marketmaker weitergeleitet würden, sondern an transparente geregelte Märkte. Es entspann sich eine politische und wirtschaftliche Diskussion über die Sinnhaftigkeit eines solchen Verbots. Im Frühjahr 2022 schien das Vorhaben der Kommission gescheitert. Nicht zuletzt die deutsche Regierung hatte sich gegen die Neuerung positioniert, das Verbot von PFOW schien vom Tisch, Alternativen wie die Herstellung einer preislichen Transparenz zwischen offiziellen Börsen und der Ausführung über außerbörsliche Marketmaker wurden erörtert.

 

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Kurz vor Weihnachten 2022 ließ die zuständige EU-Kommissarin dann erkennen, dass sie sogar ein vollständiges Provisionsverbot für alle Finanzprodukte – also vor allem Geldanlagen und Versicherungen – mindestens im Bereich der Finanzberatung erwäge und Vor- und Nachteile abwäge. Dies war vor allem deshalb bemerkenswert, da sie als zuständige Kommissarin in 2023 eine sogenannte Retail Investment Strategy ausarbeitet, die die weitere Positionierung der EU Kommission zu Fragen rund um Provisionszahlungen im Finanzvertrieb definiert. Seither tobt die Debatte mit enormer Vehemenz, auch wenn bislang keine konkreten Pläne oder Positionen der Kommission bekannt geworden sind.

Provisionsverbot als Auslöser von Bankberaterflucht?

Die nächste relevante Entwicklung wird mit Vorlage der Retail Investment Strategy, die für Anfang Mai 2023 erwartet wird, eintreten. Ursprünglich sollte dies bereits Anfang April erfolgen, auf Grund des hohen Diskussionsbedarfs und heftigen Gegenwindes gerade aus Deutschland wurde der Termin aber verschoben. Der (vorläufige) Ausgang darf mit Spannung erwartet werden, wird aber wohl nicht das Ende der Debatte bedeuten. Denn nach einem Positionspapier wird es dessen Umsetzung in Normsetzungsakte bedürfen, genug Raum also für weitere Diskussionen und ein heftiges Ringen, um die Zukunft des provisionsbasierten Vertriebs.

Das hat auch konkrete Auswirkungen auf Haftungsdächer wie uns: Durch diese stetige Entwicklung Richtung Honorar haben wir unsere Berater seit Jahren in zweigleisigen Modellen zu Provisionen und Servicegebühren geschult. Unsere angebundenen Partner im Haftungsdach der NFS Netfonds sind zwar eigenständige Unternehmer und können selbst entscheiden, wie sie ihr Geschäftsmodell aufbauen, aber in der Gestaltung der individuellen Unternehmungen hat sich der Fokus der größtenteils ehemaligen Banker und Vermögensverwalter auf die wiederkehrenden Erträge durchgesetzt.

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