„Psychologisch wichtiges Niveau“

1,35 Dollar als entscheidende Draghi-Marke

Die entscheidende Marke für Mario Draghi und die Konjunkturerholung in der Eurozone liegt bei 1,35 Dollar.

Diesen Kursstand des Euro sehen Händler von UBS bis zu JPMorgan Chase & Co. als Trennlinie zwischen Erfolg und Scheitern der neuen EZB-Maßnahmen zur Wachstumsförderung und Vermeidung einer Deflation an.

Als die Europäische Zentralbank am 5. Juni als erste große Notenbank einen ihrer Benchmarksätze unter Null absenkte, sackte der Euro bis auf 1,3503 Dollar ab. Die Marke von 1,35 Dollar liegt außerdem knapp über dem diesjährigen Euro-Tief von 1,3477 Dollar im Februar. Ein Rückgang unter dieses Niveau würde laut Einschätzung von Strategen weitere Verluste nach sich ziehen. Sollte der Euro diese Marke jedoch anhaltend verteidigen, würde dies das Tor zu einer weiteren Aufwärtsbewegung öffnen.

“1,35 Dollar ist ein sehr wichtiger Punkt - es ist das Tief nach dem EZB-Zinsentscheid”, erklärte Niall O’Connor, technischer Analyst bei JPMorgan in New York. Die US-Bank rechnet mit einem Absinken des Euro auf 1,30 Dollar bis zum Jahresende, von aktuell 1,3563 Dollar.

Die EZB setzt auf eine schwächere Währung, um eine Deflation zu verhindern und den Exporteuren zu helfen. Im Mai erklärte Notenbankchef Draghi, der starke Euro gebe “Anlass zu ernsthafter Sorge” angesichts langsamer Preisanstiege und eines schwachen Wachstums. Die Inflation liegt immer noch bei einem Viertel der von der EZB angepeilten 2 Prozent.

Entscheidend dürfte die Marke von 1,35 Dollar auch deswegen sein, weil dort vermutlich zahlreiche Kauf- und Verkaufsaufträge platziert sind, erklärt Richard Cochinos von Citigroup Inc., dem weltgrößten Devisenhändler. “Es ist ein starkes Niveau, was die Stimmung angeht, und es war das Tief am EZB-Tag”, führt er aus.

“Die entscheidende Frage ist, ob wir uns in einer Spanne bewegen oder der Markt einen Trend findet”, sagte Marc Chandler, Chef-Devisenstratege bei Brown Brothers Harriman & Co. in New York, vergangene Woche im Telefoninterview. “1,35 Dollar ist das augenfällige Niveau, das Tief in der unmittelbaren Reaktion auf die EZB-Entscheidung. Wenn es weiter nach unten geht, wäre das gravierend.”

Nachdem die EZB am 5. Juni den Leitzinssatz auf 0,15 Prozent und den Einlagensatz auf minus 0,1 Prozent senkte, verzeichnete der Euro die stärksten Kursschwankungen seit über zwei Monaten. Eine Messzahl für die Volatilität beim Euro kletterte am 11. Juni auf 5,9 Prozent, nach 4,02 Prozent eine Woche zuvor.

Während Pessimisten argumentieren, dass die Zinssenkungen der EZB die Währung abwerten werden, indem sie die Kreditaufnahme und den Verkauf des Euro gegen höher rentierliche Währungen verbilligen, rechnen Optimisten damit, dass die Maßnahmen europäische Anleihen stützen und internationale Investoren anziehen. Vergangene Woche rutschten die Renditen zehnjähriger spanischer Bonds unter die vergleichbarer US-Staatsanleihen.

“Die ultraniedrigen Zinssätze werden Anleger ermutigen, sich zu engagieren, sagte Eimear Daly, Leiterin Marktanalyse bei dem Broker Monex Europe, in einem Telefoninterview vergangene Woche. Sie geht davon aus, dass sich der Euro vom ‘‘psychologisch wichtigen Niveau’’ von 1,35 Dollar um den Anfang des nächsten Jahres auf über 1,40 Dollar erholt.

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