Wiener Hofburg: Eine 100-jährige Staatsanleihe Österreichs verzeichnet seit Jahresbeginn einen Kursgewinn von mehr als 70 Prozent. | © Matthias Brinker / <a href='http://www.pixelio.de/' target='_blank'>pixelio.de</a>

Rallye am Anleihemarkt

Der Anlagenotstand nimmt immer kuriosere Formen an

Die Angst vor einer globalen Rezession treibt Investoren weiter in sichere Anlagen und hat eine Rallye am Anleihemarkt ausgelöst. Statt ihr Geld als unbesicherten Kredit auf dem Bankkonto zwischenzuparken, nehmen Investoren zunehmend eine negative Verzinsung in Kauf, um stattdessen in bonitätsstarke Anleihen zu investieren. Dadurch sind die durch die expansive Zentralbankpolitik ohnehin schon niedrigen Zinsen noch weiter gesunken und nehmen am Anleihemarkt immer kuriosere Formen an.

Negativzinsen als Normalzustand

Im August stieg das Volumen der Anleihen mit Renditen unter null auf weltweit 16 Billionen US-Dollar. Ihr Anteil am Gesamtmarkt weltweit beträgt mittlerweile mehr als ein Viertel. Allein in Europa weisen die Staatsanleihen von 18 Ländern laufende Negativrenditen aus. Allen voran die Schweiz, wo schon seit Längerem Anleihen aller Laufzeiten bis 50 Jahre negativ rentieren.

Zu Beginn dieses Monats weisen nun auch erstmals die 30-jährigen deutschen Bundesanleihen eine negative Rendite aus. Sie ist auf derzeit -0,7 Prozent abgerutscht. Die Renditen 10-jähriger Bundespapiere liegen schon länger im Minus und notieren derzeit bei etwa -0,3 Prozent. Sämtliche deutsche Anleihen sind damit nun erstmals negativ verzinst, der Staat bekommt also sogar Geld fürs Schulden machen. In Europa bringen es derzeit nur Anleihen aus Spanien, Portugal, Zypern, Italien und Griechenland auf eine positive Rendite.

Immer geringere Renditeaufschläge

Um mit Anleihen überhaupt noch laufende Erträge zu erzielen, müssen sich Anleger auf die Suche nach Renditeaufschlägen machen. Grundsätzlich können sie diese entweder durch längere Laufzeiten oder schlechtere Bonitäten erhalten. Doch die von den Zentralbanken ausgelöste Geldflut hat nicht nur zu einer Absenkung und Angleichung des allgemeinen Zinsniveaus bei allen Laufzeiten geführt, sondern auch zur Einengung der Risikoaufschläge für die Schuldnerqualität.

Dank der überbordenden Liquidität am Geldmarkt können sich auch Unternehmen, deren Geschäftsmodell nicht optimal ausgerichtet ist, leicht Kapital verschaffen. Sie hätten in einem normal funktionierenden Kreditwettbewerb mehr Probleme Kreditgeber zu überzeugen. Doch an Liquidität mangelt es derzeit nicht, da drücken Investoren in ihrem Anlagenotstand auch mal ein Auge zu, wo sie es früher nicht getan hätten. Zumindest hier droht derzeit von dieser Seite noch kein Ungemach. Solange die Wirtschaft stabil bleibt und die Zinsen nicht steigen, dürften Ausfallraten und Risikoaufschläge weiterhin überschaubar bleiben.

Lange Laufzeit wirkt als Hebel auf Preis 

Michael Scholtis, Plutos Vermögensverwaltung

Auf der Suche nach Rendite setzen Investoren vermehrt auf Bonds mit sehr langen Laufzeiten. Das hat sich in diesem Jahr als gute Strategie erwiesen: Anleiheinvestoren können im laufenden Jahr auf etwa 7 bis 8 Prozent Wertentwicklung zurückblicken. Diese haben sie allerdings weniger den Zinszahlungen, sondern dem Kursfeuerwerk am Anleihemarkt zu verdanken.

Für Furore sorgte kürzlich die 100-jährige österreichische Anleihe, die mit einem Kursplus von über 70 Prozent seit Jahresbeginn aus allen Anlageklassen herausragt. Bei Auflage 2017 rentierte die Anleihe noch mit einer Rendite von 2,1 Prozent, diese ist auf derzeit nicht einmal 0,7 Prozent zusammengeschmolzen. Die lange Laufzeit wirkt als Hebel auf den Preis der Anleihe und bescherte den glücklichen Zeichnern außerordentliche Kursgewinne.

Sollte sich die pessimistische Konjunktureinschätzung jedoch wieder lichten, müssen Inhaber langlaufender Anleihen auf der Hut ein. Dann dürften die Zinsen am langen Ende wieder steigen und die aufgelaufenen Kursgewinne dahinschmelzen. Übrig bliebe dann nichts als der nominale Mickerzins der Bonds und die Bindung an deren lange Laufzeit.

Noch keine Rückkehr zur Normalität

Neuinvestitionen in Anleihen behandeln wir unter den aktuellen Rahmenbedingungen eher restriktiv. Ein Kurscrash ist zwar nicht in Sicht, aber eine Entspannung der Anleihekurse bis zum Jahresende, die wieder bessere Einstiegsmöglichkeiten bereithalten sollte, ist wahrscheinlich. Der Druck auf die Anleihemärkte ist kurzfristig liquiditätsgetrieben und überdurchschnittlich hoch. Es sind viele Risiken am Markt präsent, zum Beispiel der ungeordnete Brexit oder ein Rezessionsszenario. Investoren haben ihr Kapital aus Sicherheitsaspekten in Anleihen umgeschichtet und damit die Kurse nach oben getrieben und die Renditen noch weiter gedrückt.

Diese Entwicklung dürfte sich bis zum Jahresende wieder normalisieren und wieder ein wenig Druck von den Kursen nehmen. Langfristig gibt es jedoch keine Anzeichen, dass sich die weltweite Zinslandschaft grundlegend ändert und steigende Zinsen ein Platzen der Anleiheblase verursachen könnten. Im Gegenteil, die Zentralbanken weltweit scheinen sich erneut in einem Zinssenkungs- und Währungsabwertungswettlauf zu verfangen. Das dürfte Anleihen weiterhin den nötigen Zulauf bescheren aber auch den Preisdruck auf reale Werte wie Immobilien, Aktien und Gold steigern.

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