Während die meisten Experten für 2024 mit steigenden Kursen und sinkenden Zinsen im größeren Ausmaß rechnen, bleibt Ralph Gasser von GAM Investments skeptisch. Im Gespräch erklärt er, warum etwas mehr Nüchternheit angezeigt ist. Das aktuelle Umfeld biete jedoch auch Chancen fernab von Staatsanleihen und Co.
DAS INVESTMENT: Herr Gasser, Ende 2023 drehten die Börsen ins Plus, knacken seitdem Rekord um Rekord. Sie dagegen sind skeptisch, halten die Euphorie für zu groß. Wie kommen Sie zu Ihrer Einschätzung?
Ralph Gasser: Es herrscht tatsächlich viel Zuversicht unter Anlegern, welche die Rally zum Jahresende hin befeuerte. Aber diese Hoffnung basiert meiner Meinung nach auf falschen Annahmen bei den Leitzinsen und der Inflation.
Nahezu der gesamte Markt erwartet sinkende Zinsen. Warum sollten alle falsch liegen?
Gasser: Ich rechne ebenfalls mit fallenden Leitzinsen, jedoch in dosiertem Tempo und Ausmaß. Um verspieltes Vertrauen zurückzugewinnen, steht für die Zentralbanken das Wiedererlangen der Preisstabilität eindeutig an erster Stelle. Dies ist aktuell angesichts hartnäckiger Preissteigerungen bei Dienstleistungen und in der zweiten Jahreshälfte wohl auslaufender Basiseffekte bei anderen Inflationskomponenten jedoch noch nicht gesichert. Zudem übertreffen speziell die Wirtschaftszahlen in den USA nach wie vor die Markterwartungen. Die Zentralbanken werden sich hüten, überstürzt zu handeln. Und erfahrungsgemäß agieren Zentralbanken nicht vor, sondern hinter der Kurve. Erwartungen von Zinssenkungen in Höhe von 150 Basispunkten wie Ende 2023 gesehen erscheinen mir wenig realistisch.
Mal konkret nachgefragt: Mit welchem Zinsniveau rechnen Sie denn in den USA und Europa in den nächsten 12 Monaten, wenn die von allen erwartende Zinswende ausbleibt?
Gasser: Für die USA erwarte ich Ende des Jahres 75 bis 100 Basispunkte tiefere Leitzinsen, für die Eurozone um die 100 Basispunkte. Viel mehr Spielraum ist meines Erachtens nicht drin.
Wenn dem so ist: Wie sollen sich Anleger aktuell am besten positionieren?
Gasser: Das heißt ja nicht, dass man nun sein gesamtes bestehendes Renten-Portfolio über Bord werfen soll. Das wäre unseriös. Aber man sollte sich nach attraktiven Alternativen umsehen ...
Welche wären das?
Gasser: Ich sehe beispielsweise Potenzial bei Schwellenländer-Anleihen in Lokalwährung. Die Währungen sind derzeit sehr günstig bewertet und der hoch bewertete US-Dollar dürfte sich nicht weiter aufwerten. Die Zinsniveaus sind deutlich höher und aufgrund der mehrheitlich hohen Realzinsen ist das Potential für fallende Zinsen ausgeprägter als in den Industrieländern. Eine weitere interessante Anlageklasse sind meines Erachtens Katastrophenanleihen.
Was macht Cat Bonds so interessant?
Gasser: Diese bieten einerseits eine gute Diversifikation, schließlich hängen sie von Naturkatastrophen und nicht von den Launen der Zentralbanken ab. Das unterscheidet sie signifikant von vielen anderen Assetklassen. Im aktuellen Umfeld halten wir hier Renditen von 10 Prozent oder mehr auf 1-Jahressicht für realistisch.
Das klingt ja fast zu schön, um wahr zu sein. Wo ist der Haken?
Gasser: Natürlich besteht bei solchen Bonds immer das Risiko, dass tatsächlich ein schwerer Hurrikan oder Erdbeben passiert. Dann kann es zu Ausfällen kommen. Im historischen Mittel lagen die Verluste bei Cat Bonds insgesamt aber lediglich bei 1 Prozent pro Jahr in den letzten 20 Jahren, beziehungsweise innerhalb einer Bandbreite von 0 bis 4 Prozent. Angesichts der hohen laufenden Verzinsung ist das meines Erachtens ein sehr attraktives Chance-Risiko-Profil. Und es gibt einen Bereich, den ich ebenfalls für interessant halte.
Nämlich?
Gasser: Hypothekenanleihen, konkret aus dem US-Wohnimmobilienmarkt. Die Risikoprämien für nicht staatlich garantierte Hypothekaranleihen sind nach wie vor hoch, nicht zuletzt im Vergleich zu Unternehmensanleihen mit ähnlichem Risikoprofil. Entscheidend ist aus meiner Sicht jedoch, dass man das Zinsänderungsrisiko begrenzt. Hier sollte man auf entsprechend aktiv gemanagte Fonds wählen.
Noch eine letzte Frage: Wie schätzen Sie die Situation am Markt für Unternehmensanleihen ein? Lohnt sich da aktuell der Einstieg?
Gasser: Auch hier würde ich eher zur Vorsicht raten. Die Risikokompensation fällt hier deutlich zu gering aus und wäre für ein Umfeld mit 4 Prozent Wirtschaftswachstum angebracht, jedoch nicht für ein Abschwung-Szenario mit potenziell steigenden Kreditausfällen. Ähnliches gilt für die Hartwährungsanleihen von Schwellenländern. In diesem Bereich sehen wir jedoch attraktive Chancen bei Länder-spezifischen Spezialsituationen, wie wir das 2023 beispielsweise mit Sri Lanka, Sambia oder der Ukraine hatten.