Die Aktienkurse steigen wieder, doch ein Boom bleibt aus. Wurzelt das verhaltene Wachstum in den steigenden Zinsen? Oder wirkt das schlechte Börsenjahr 2022 immer noch nach? Vieles spricht dafür, dass Anleger sich aus Angst vor Verlusten zurückhalten.
Die Deutschen investieren wieder – zumindest könnte man das meinen. Seit Beginn dieses Jahres ist der Dax auf Wachstumskurs. Trotz kleinerer Rückschläge entwickelte sich der Aktienindex in den vergangenen Monaten recht konstant: Um ganze 1.274,54 Punkte legte er 2023 zu*. Wirft man einen Blick auf den Euwax Sentiment Index, ist diese Entwicklung überraschend. Denn laut diesem setzen Anleger eher auf einen fallenden Dax. Das Sentiment lag in den vergangenen zwölf Monaten beinahe kontinuierlich unter Null. Damit zeigt es vor allem eines: Privatanleger blicken eher pessimistisch auf die Märkte*.
Ukraine-Krieg, Bankenkrise, eine schwächelnde Konjunktur und Inflation – es gibt viele schlechte Nachrichten, die uns fast täglich erreichen. Es ist schwer, in einem solchen Umfeld Vertrauen aufzubauen. Gerade nach dem katastrophalen Börsenjahr 2022 – laut Whitebox Rendite Radar mit den höchsten Verlusten seit der Finanzkrise 2008 – möchten Anleger Verluste vermeiden. Doch gerade diese Verlustaversion bremst mehr aus, als dass sie nützlich ist. Sie schränkt die Kapazität ein, den Markt richtig einzuschätzen. Die Gefahr, schlechte Entscheidungen zu treffen, steigt.
Verluste wiegen schwerer als Gewinne
Verlustaversion bildet einen Schwerpunkt der Prospect Theory. Sie besagt, dass Menschen auf Verluste emotional intensiver reagieren als auf Gewinne. Anleger mit Verlustaversion haben eine tief verwurzelte Angst davor, ihr Geld zu verlieren. Das beeinflusst ihre Entscheidungsprozesse erheblich. So zeigen Experimente von den Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky, dass ein Verlust von 100 Euro ungefähr doppelt so viel schmerzt wie die Freude über einen Gewinn von 100 Euro, weshalb wir dadurch stärker motiviert sind, einen (potenziellen) Verlust zu vermeiden, als einen Gewinn herbeizuführen.
„Lieber auf Nummer sicher gehen” lautet die Devise in den Köpfen der meisten Anleger. Sie halten an einer schlecht laufenden Investition fest, statt den Verlust zu akzeptieren und ihr Geld anderweitig zu investieren. Die Verlustaversion führt auf der anderen Seite aber auch zum voreiligen Verkauf von Investments – wie kürzlich bei Aktien europäischer Banken gut zu beobachten war, nachdem einige Kreditinstitute in den USA Totalausfälle verzeichneten. Oder das Ersparte landet unter dem Kopfkissen und wird gar nicht mehr investiert.
Anleger verpassen Chancen
Damit vermeiden Anleger zwar mögliche Verluste – vor allem aber entgehen ihnen Chancen. Chancen, die sich mit etwas mehr Rationalität gut ergreifen lassen. Nehmen wir als Beispiel das schlechte Börsenjahr 2022. Betrachtet man die Entwicklung des MSCI World Index der vergangenen 50 Jahre, stellen man fest: Seit 1977 gab es einige Kurseinbrüche, aber keine Krise dauerte ewig.
Ein prominentes Beispiel ist die Finanzkrise in den Jahren 2007 bis 2009. Innerhalb der zwei Jahre verzeichnete der MSCI World Index einen Drawdown von minus 59 Prozent. Bereits ein Jahr später war der Index jedoch wieder um 70 Prozent gestiegen. Nur bei sechs der vergangenen Tiefpunkte des Index hat es länger als ein Jahr gedauert, bis das ursprüngliche Allzeithoch wieder erreicht wurde. Aber: Auch in diesen Fällen wurde es erreicht. Das zeigt: Eine Perspektive, die über den aktuellen Moment hinausgeht, hilft, die Bedeutung vorübergehender Verluste zu relativieren.
Damit Verlustaversion nicht unser Urteilsvermögen trübt, braucht es im ersten Schritt Verständnis und Selbsterkenntnis über die eigene emotionale Reaktion auf Verluste. Danach lässt sich der Verlustaversion mit mehreren Maßnahmen entgegenwirken: Nicht nur ein langfristiger Anlagehorizont, auch eine breite Diversifikation des Portfolios über verschiedene Anlageklassen und Regionen hinweg kann Verlustrisiken mildern. Eine gut durchdachte Risikomanagementstrategie, die den individuellen Zielen und der Risikobereitschaft entspricht, hilft ebenfalls, der Verlustaversion die Stirn zu bieten.
Grundsätzlich gilt: Anleger sollten versuchen, rationale Entscheidungen auf Grundlage von Fakten und Informationen zu treffen, anstatt von emotionalen Reaktionen auf Verluste beeinflusst zu werden. Eine gründliche Analyse und Bewertung von Chancen und Risiken kann dazu beitragen, bessere Entscheidungen zu treffen.
In Krisen einen kühlen Kopf zu bewahren und Verlustaversionen zu überwinden, ist kein einfacher Prozess. Es erfordert Zeit und Übung. Eine Kombination aus Selbstreflexion, Rationalität, strategischer Planung und professioneller Unterstützung kann jedoch dabei helfen, die Auswirkungen der Verlustaversion zu minimieren und mehr Rationalität an den Märkten zu schaffen. Vielleicht klappt es dann auch wieder mit der Anlegerstimmung im Euwax Sentiment.
*Stand: 26. Mai 2023