DAS INVESTMENT: Anleger hatten mit Schwellenländer-Investments nicht überall Grund zum Jubeln. Womit hadern Investoren dort?

Stefan Grünwald: Die Performance von Emerging Markets war aus Investorensicht immer schon von globalen Themen und Risiken geprägt. Neben Ereignissen wie dem Rohstoffboom der Nullerjahre, der globale Finanzkrise, der Covid-Pandemie oder dem Aufstieg Chinas hat speziell die Zinspolitik der Fed die Kapitalströme in die Emerging Markets immer wieder sehr stark beeinflusst. Auch die massiven Zinsanhebungen der Fed in den vergangenen zwei Jahren und die global hohe Inflation hat Schwellenländern massiv zugesetzt. Auch wenn die Inflationsraten inzwischen wieder rückläufig sind, hat dieser Rückgang jüngst doch an Dynamik verloren.

 

Was heißt das für Ihren Ausblick?

Grünwald: Für die Emerging-Markets-Anleihenmärkte bedeutet das, dass die erhoffte Trendwende vorläufig einmal abgesagt ist und man sich auf ein Höher-für-länger-Szenario einrichtet, also auf Anleiherenditen und Leitzinsen, die länger auf erhöhten Niveaus verharren werden als ursprünglich angenommen. Der zuletzt disinflationäre Effekt dürfte bald vorbei sein, da die globale Güterpreisinflation wieder leicht anzieht. Betrachtet man das globale Wachstumsbild so hat sich das Wachstumsdifferenzial der Schwellenländer im Vergleich zu den entwickelten Märkten nach 2021 und 2022 wieder ausgeweitet.

 

 

 

China spielt für die Emerging Marktes eine zentrale Rolle. Derzeit stottert aber auch dort der Motor. Mit welchen Konsequenzen?

Grünwald: Trotz des rückgängigen Wachstums in China bleibt Asien die globale Lokomotive. Es gibt zunehmend Anzeichen dafür, dass Chinas Konjunktur die Talsohle durchschritten hat. Wachstumsraten jenseits der 5 bis 6 Prozent wird es aufgrund der Probleme auf dem chinesischen Immobilienmarkt zwar nicht mehr geben, aber auch ein deutlich moderateres Wirtschaftswachstum wird angesichts der schieren Größe der chinesischen Volkswirtschaft noch immer positiv auf andere Schwellenländer und die Welt ausstrahlen.

 

Wie reagieren Anleger auf diese Entwicklung?

Grünwald: In den vergangenen Monaten setzen sich die Abflüsse bei Schwellenländer-Anleihen fort. Nachdem lange Zeit vor allem Lokalwährungsanleihen vom Rückzug der Investoren betroffen waren, werden seit Juli auch zunehmende Verkäufe bei Hartwährungsanleihen registriert. Die US-Dollar-Finanzierungsmöglichkeiten und die Liquiditätssituation von schwächeren Emerging-Markets-Ländern hat sich daher in den letzten Monaten verschlechtert.

In den aktuellen Renditen und Währungsbewertungen werden jedoch die Risiken und zu erwartenden Umschuldungen durch den Kapitalmarkt größtenteils vorweggenommen und bieten daher attraktive Bewertungsniveaus für langfristige Veranlagungen. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an Ländern und Währungen, in die investiert werden kann. Diese breite Differenzierung bietet immer wieder Chancen für Anleger.

Wie sieht das Bild für Aktionäre aus?

Jürgen Maier: Auch aktienseitig befinden wir uns aktuell in einer Durststrecke, die leider schon einige Jahre andauert. Die relative Performance der Emerging-Markets-Aktien im Vergleich zu den entwickelten Märkten war in den letzten zehn Jahren enttäuschend. Die Phasen von Out- und Underperformance waren in den letzten 35 Jahren langandauernde Zyklen und aktuell befinden wir uns in einem Abwärtstrend, dessen Hauptursache die Aktienmarktschwäche Chinas ist.

 

Wo liegen denn derzeit die größten Investmentchancen?

Maier: Betrachtet man einzelne Branchen und Unternehmen, gibt es positive Entwicklungen speziell im Hinblick auf ESG. China ist global führend bei Investments in erneuerbare Energien, aber auch beim Thema Elektromobilität. Das Land hat mit E-Mobilität schon vor Jahren auf das richtige Pferd gesetzt und ist dort auch in Sachen Software und Entertainment innovativer als viele globale Mitbewerber. Auch preislich sind chinesische Hersteller – beispielsweise gegenüber europäischen Mitbewerbern – mehr als konkurrenzfähig. China hat sich daher zu einem wichtigen Auto-Exportland entwickelt. Dort finden sich für Investoren sehr interessante und gut aufgestellte Unternehmen.

 

Sie haben aber noch mehr nachhaltige Länder-Favoriten?

Maier: Ja, aus ESG-Sicht ist auch Indien ein sehr spannender Markt für Aktieninvestments. Das Land könnte schon bald China als Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft ablösen. Beim Bevölkerungswachstum hat Indien jedenfalls eindeutig die Nase vorn. In Indien gefallen uns besonders Finanztitel, die Kredite für leistbaren Wohnraum bereitstellen.

Auch IT-Outsourcing ist aus nachhaltiger Sicht für uns ein sehr interessanter Geschäftszweig. Hier zählten die größten indischen Unternehmen in dieser Branche zu den ersten, die in Indien eine Mutterschutz-Regelung etabliert haben, die inzwischen für andere Industrien Vorbildfunktion hat. Sehr positive Effekte hat gerade auch die Geschäftsstrategie „China plus One“. Dabei wird mit Blick auf die Lieferketten versucht, den Bau neuer Fertigungshallen in China zu vermeiden und in andere Regionen wie zum Beispiel Indien und Mexiko zu verlagern.