„Auf ein Glas mit" geht weiter, und diesmal sitzt uns jemand gegenüber, der Ruhe zur Strategie gemacht hat. Rebecca Polz managt bei Nvest in Hamburg Portfolios und Kundenbeziehungen, nach über 15 Jahren in der Vermögensberatung. Ihr Credo klingt fast unspektakulär: mit ruhiger Hand investieren, ohne Wetten, ohne Market Timing, ohne Tamtam. Wer genauer hinhört, merkt: Dahinter steckt Disziplin, und das ist bekanntlich die Eigenschaft, die an ihrem Job am meisten unterschätzt wird. Daneben hat sie einen Ausgleich, der so gar nicht nach ruhiger Hand klingt: Segeln auf der Ostsee, am liebsten mit viel Wind und Welle.
Im Glas an diesem Abend: ein Biondi-Santi Brunello di Montalcino Riserva 2015 – ein „Wein des Übergangs“, vinifiziert nach dem Tod von Franco Biondi-Santi, aber noch vor der EPI-Übernahme. Ein Wein, der sich nicht aufdrängt: 98+ Punkte bei Robert Parker, und trotzdem noch verschlossen. Zurückhaltende Komplexität, die Zeit braucht. Warum genau das ihn zur antizyklischen Wette macht und warum der Vergleichsjahrgang 2006 heute bei 577 Euro steht, erklärt wie immer Henrik Maaß von Liquid Grape im Anschluss.
Los geht es mit dem Gespräch. Dann widmen wir uns dem Wein. Los geht's.
DAS INVESTMENT: Frau Polz, womit haben Sie damals beim Wechsel zu Nvest angestoßen?
Rebecca Polz: Mit Bier – ganz klassisch, ich bin ja gebürtige Münchnerin. Allerdings mit einem Pils.
Ernsthaft? Kein Helles?
Polz: Ich bin hier oben ganz gut angekommen, glaube ich. Zumindest was den Biergeschmack angeht.
Sie sind bei Nvest als Portfoliomanagerin tätig. Was hat sich für Sie am stärksten verändert?
Polz: Der Blick auf Rendite und Risiko hat sich ehrlich gesagt kaum verändert. Ich habe mir bewusst einen Arbeitgeber gesucht, bei dem die Perspektive auf diese Themen mit meinen Vorstellungen übereinstimmt. Was sich geändert hat: Der Verantwortungsbereich ist größer geworden. Während ich früher Teil des Anlageausschusses war, kann ich das jetzt alleine verantworten – natürlich im Austausch mit unserem zweiten Portfoliomanager.
Wie fühlt sich das an, stärker selbst am Steuer zu sitzen?
Polz: Sehr gut. Wobei ich schon auch Respekt hatte. Aber das kommt ja nicht von heute auf morgen – ich habe mir das Wissen über die letzten 15 Jahre aufgebaut. Es ist eigentlich schön, die Verantwortung aufgrund der Erfahrung, die man sich über Jahre geschaffen hat, tatsächlich zu übernehmen. Das macht sehr viel Spaß.
Sie sind viel im Austausch mit Kollegen und Kunden. Gibt es Dinge, die Außenstehende an Ihrer Position unterschätzen?
Polz: Auf jeden Fall die Disziplin, die man im Portfoliomanagement haben muss. Ich merke auch bei Kollegen, dass sie sich gerne mal vom Markt leiten lassen. Das ist nicht mein Ansatz. Diszipliniert zu arbeiten war schon immer Teil meiner Strategie.
Heißt es nicht, Frauen seien da generell besser?
Polz: Wir werden sehen.
Wie würden Sie den Investmentansatz bei Nvest beschreiben?
Polz: Mit ruhiger Hand investieren – ohne Wetten, Market Timing und ohne Tamtam. Was ich jetzt stärker einbringe, ist das passive Investieren. Wir haben bereits drei erfolgreiche Fondsstrategien, und ich erweitere das nun mit der Vermögensverwaltung, die ich wieder aufbaue. Das gibt mir die Möglichkeit, meinen eigenen Ansatz einzubringen und das passive Investieren dort zu integrieren, wo es passt.
Was beschäftigt Sie im Alltag am meisten? Makro-Themen wie Trump oder eher Einzeltitel?
Polz: Makro-Themen kommen natürlich vor, die wilden Schlagzeilen sieht man ja. Aber ich versuche bewusst, mich davon nicht leiten zu lassen und das Medienwirrwarr auszublenden. Meine Strategien sind so gestaltet, dass sie robust sind und Marktschwankungen aushalten.
Was haben Sie mit dem Job gelernt, fachlich wie persönlich?
Polz: Persönlich habe ich gelernt, dass ich dem vertrauen kann, was ich mir über die Jahre erarbeitet habe – meinen Stärken und wie ich sie einsetze. Dazu gehört auch, zwischendurch ein bisschen Mut zu zeigen.
Sie sind in Hamburg, abseits der großen Finanzzentren. Ist das für Sie ein Vorteil?
Polz: Auf jeden Fall. Die Banken-Konzernwelt hat mich ehrlich gesagt nie wirklich interessiert. Das Thema fand ich spannend, wenn ich darüber in Büchern gelesen habe. Aber für mich ist Geld eine persönliche Sache. Ich bin in einer kleinen Vermögensberatung groß geworden, immer nah am Kunden. Und durch mein ehrenamtliches Engagement bin ich mit Vorträgen und Workshops unterwegs – für Menschen, die keinen Bezug zu Geld haben.
Was wollen Sie sich in den kommenden Jahren erarbeiten?
Polz: Meine Strategien weiter ausbauen, professionalisieren, vielleicht auch den einen oder anderen Mitarbeiter ausbilden und das Thema Frauen und Geldanlage weiter vorantreiben. Das ist wirklich ein Herzensprojekt von mir.
In eigener Form oder hier bei Nvest?
Polz: Das eine muss das andere nicht ausschließen, ich kann mir sehr gut vorstellen, in diese Richtung auch unternehmerisch tätig zu werden. Auf jeden Fall weiterzumachen und etwas aufzubauen.
Abschlussfrage: Sie kriegen einen freien Nachmittag geschenkt, alle Kunden sind glücklich. Womit verbringen Sie die Zeit?
Polz: Ich würde sofort die Segelklamotten einpacken und an die Ostsee fahren.
Sie segeln selbst?
Polz: Seit ich in Hamburg bin, versuche ich jede freie Minute am Wasser zu verbringen. Am liebsten mit viel Wind und Welle.
Und auf dem Boot gibt es Bier?
Polz: Meistens, ja. So schließt sich der Kreis.
Vom Pils auf dem Boot zum Brunello im Glas: Der Sprung ist kleiner, als er klingt. Denn was Rebecca Polz im Depot predigt, steht an diesem Abend auch auf dem Tisch: ein Wein, der auf Disziplin, Geduld und den langen Horizont setzt statt auf den schnellen Effekt.
Biondi-Santi Brunello di Montalcino Riserva 2015
Im Glas zeigt sich tiefes Granat mit kupfernen Reflexen. Die Nase gibt sich wortkarg: Balsamico, Trüffel, Erde, getrocknete Feige. Mit Geduld öffnen sich Amarena-Kirsche und Zwetschge. Am Gaumen wirkt der Wein erdgebunden und komplex, die Tannine präsent, die Frucht versteckt. Das Finale würzig und tiefgründig, aber verschlossen. James Suckling bringt es auf den Punkt: „Understated complexity that will need time to bloom. Hold until 2026."
Der Wein sitzt zwischen zwei Stühlen; zu alt für jugendliche Frucht, zu jung für gereifte Komplexität.
Wein des Übergangs
Die Entstehung war von Übergängen geprägt. Vinifiziert nach Franco Biondi-Santis Tod, aber vor der EPI-Übernahme 2016. Sohn Jacopo steuerte bereits moderner: Lesebeginn am 21. September, historisch spät für Biondi-Santi. Ziel laut Decanter: zugänglichere Weine. Die französische Luxusgruppe EPI – neben Charles Heidsieck, Piper-Heidsieck und Isole e Olena – investiert seither massiv in Qualität und Distribution. Doch während Kritiker den 2015er feiern (98+ Punkte Robert Parker, 97 Punkte James Suckling), bleibt der Markt kühl.
„The Biondi-Santi 2015 Brunello di Montalcino Riserva is initially a reticent wine and one that does not immediately subscribe to the overstated abundance and exuberance of the vintage. Give it time." Monica Larner – Wine Advocate
Aktueller Liv-Ex Market Price: 294 Euro – der zweitgünstigste Riserva-Jahrgang der letzten 25 Jahre. Zum Vergleich: Der 2016er kostet 407 Euro. Unser Vergleichsjahrgang 2006 mit einer leicht niedrigeren Bewertung (98 Punkte Robert Parker) steht aktuell bei 577 Euro auf der Weinbörse Liv-Ex. Dieser hat sich innerhalb der letzten zehn Jahre trotz jüngster Korrektur um 45 Prozent im Wert gesteigert.
Chance oder Warnung
Für Investoren stellt sich die Frage: Ist die Preisschwäche strukturell oder zyklisch?
Dafür: Herausragender Jahrgang, Trinkfenster bis 2046, EPI-Investitionen.
Dagegen: Aktuelle Verschlossenheit schreckt Käufer ab. Konkurrenz durch höher bewerteten 2016er (99 Punkte Wine Advocate).
Biondi-Santi 2015 ist ein Wein für Anleger mit mindestens zehnjährigem Horizont. Wer antizyklisch kauft, kann profitieren, auch wenn Phasen manchmal länger dauern als gedacht.
Von Henrik Maaß, Liquid Grape