Reisebericht China Warum Chinas Gesundheitswesen weltweit führend werden könnte

Warteschlange an einem Krankenhaus in China, fotografiert von Anna Mulholland, Senior Investment Manager. | © Anna Mulholland

Warteschlange an einem Krankenhaus in China, fotografiert von Anna Mulholland, Senior Investment Manager. Foto: Anna Mulholland

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Anna Mulholland, Senior Investment Manager Pictet AM

Als ich vor kurzem ein modernes Krankenhaus in Peking besichtigt habe, wollte ich mir auch gerne dessen Abteilung für traditionelle chinesische Medizin anschauen. Wie viele Besucher aus dem Westen bin ich neugierig und skeptisch zugleich, was exotische Heilmethoden angeht. Im Scherz fragte ich, ob es vielleicht auch ein Mittel gegen Jetlag gibt. Man nahm meine Frage jedoch ernst, beriet mich sofort und gab mir zwei Fläschchen mit einer Arznei. Was mich am meisten überraschte, war die Reaktion meines Investor Relations-Begleiters, einem Millennial: ungläubiges Erstaunen, dass ich das Mittel tatsächlich ausprobieren würde. Er ist keine Ausnahme. Chinesische Millennials scheinen generell überrascht zu sein, dass sich der Westen für ihre traditionellen Behandlungsmethoden interessiert.

Krebs ist in China die häufigste Todesursache

Ich nehme an, dass diese Reaktion auf die Bemühungen Chinas zurückzuführen ist, westliche Medizin attraktiv zu machen. Die große und zunehmend wohlhabende, im Allgemeinen aber unterversorgte Bevölkerung des Landes bildet einen riesigen Markt für moderne Behandlungsmethoden. Ich habe auf meiner Reise nach Shanghai, Peking, Hongkong und Seoul etwa 30 Unternehmen besichtigt, die an der Wertschöpfungskette der Gesundheitswirtschaft beteiligt sind.

China will – und braucht dringend – ein nachhaltiges und sich selbst tragendes System der Gesundheitsversorgung. Im Zuge dieser Bemühungen wird das Land sicherlich eine weltweite Führungsrolle bei der Gesundheitsversorgung übernehmen. Dass beides dringend geschehen muss, ist bei den „traditionellen“ Pharmaunternehmen und umso mehr bei Biologika- oder Biopharmaunternehmen spürbar.

Der Patientenpool ist riesig und ihr potenzieller klinischer Bedarf enorm. Egal bei welcher Krankheit oder Erkrankung – die Zahlen sind gewaltig. Krebs ist seit 2010 die häufigste Todesursache in China. Im vergangenen Jahr wurde bei vier Millionen Menschen Krebs festgestellt und mehr als zwei Millionen starben daran. Lungenkrebs ist die häufigste Krebsart, gefolgt von Magen- und Leberkrebs – weltweit entfällt mehr als die Hälfte der Fälle auf China. 100 Millionen Menschen in China haben Diabetes. 200 Millionen Menschen leiden unter Bluthochdruck. Jedes Jahr erleiden mehr als zwei Millionen Menschen einen Schlaganfall.

Es lauern zudem weitere, weniger offensichtliche Gefahren: In einem System, das unter akutem Ärztemangel leidet, werden überschnell Diagnosen gestellt. Überverschreibung ist ebenso gang und gäbe wie Arzneimittelresistenz. Der Finanzvorstand eines Biotech-Unternehmens warnte davor, dass sich in China viele Supererreger entwickeln und schnell in der ganzen Welt ausbreiten werden. Um die notwendige Medizin und Versorgung zu gewährleisten, müssen zwei große Hürden überwunden werden: Zugänglichkeit und Bezahlbarkeit. Um diese Hürden zu meistern, hat sich die Regierung entschlossen, die Zulassung neuer Medikamente zu beschleunigen und Kostenübernahmeregelungen zu verbessern. Dies soll auch ein Anreiz für erfolgreiche Innovation sein.