Europäische Aktien starten enorm stark ins Jahr 2025. Der deutsche Leitindex Dax markiert im Januar mit mehr als 21.000 Punkten bereits neue Allzeithochs. Sein euroländisches Pendant Euro Stoxx 50 erreicht mit mehr als 5.200 Punkten Niveaus wie seit zehn Jahren nicht mehr, es fehlt nicht mehr viel bis zur Bestmarke von 5.464 Punkten vom 6. März 2000.
Seit dem Jahresstart legte der Dax schon um 6,9 Prozent zu (siehe Chart). Der Euro Stoxx 50 steht dem mit 6,1 Prozent kaum nach. Der US-Aktienindex S&P 500 schaffte im gleichen Zeitraum lediglich ein Plus von 4,3 Prozent.
Finanzexperten wie Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank, zeigen sich wenig überrascht und nennen Gründe, die für eine Fortsetzung sprechen.
Chart: Aktienindizes Deutschland, Eurozone und USA im Vergleich
„2025 läuft für viele europäische Aktienmärkte bisher hervorragend. Der Dax kletterte gestern auf ein neues Allzeithoch. Der Euro Stoxx 50 hat mit einem Kursplus von rund sechs Prozent sogar einen der besten Starts seiner Geschichte hingelegt und damit selbst den S&P 500 abgehängt“, erklärt Stephan.
Dabei hätten Analysten ihre Prognosen für die Gewinne europäischer Unternehmen in diesem Jahr sogar leicht gesenkt, während sie die Schätzungen für die USA unverändert ließen.
Was steckt also hinter dem europäischen Höhenflug? Wir nennen fünf Faktoren.
1. Gewinnrevisionen sprechen für Eurozone
Für die Chancen europäischer Börsentitel spräche jedoch die sogenannte Gewinnrevisionsrate, so der Chefstratege: „Die Zahl der Netto-Positivrevisionen im Verhältnis zu den gesamten Revisionen hat sich in Europa deutlich verbessert, während sie in den USA jüngst gefallen ist.“
„Der Höhenflug europäischer Aktien kann sicherlich noch weitergehen, schließlich sind sie nicht gerade ambitioniert bewertet.“
Ulrich Stephan, Deutsche Bank
Die Bewertungen zeigen nach dem Höhenflug der US-Titel und allen voran der Technologiekonzerne in den vergangenen Jahren große Unterschiede: Während das Kurs-Gewinn-Verhältnis des Euro Stoxx 50 bei lediglich 15 liegt, beträgt es bei S&P-500-Titeln rund 30.
Aus Sicht von Stephan durchaus ein Argument für weitere Kursgewinne: „Der Höhenflug europäischer Aktien kann sicherlich noch anhalten, schließlich sind sie nicht gerade ambitioniert bewertet. Nach dem starken Jahresstart werden kleinere Rücksetzer jedoch wahrscheinlicher.“
2. Verbesserte Stimmung im Euro-Raum
Dazu kommt, dass die Stimmung in den Chefetagen des Euroraums steigt. So ist etwa der kombinierte Einkaufsmanagerindex für die Industrie und den Dienstleistungssektor der Eurozone von 49,6 auf 50,2 Punkte gestiegen, bereits der zweite Monat in Folge mit einem Zuwachs.
Hier finden Sie die Übersicht aller Aktienfonds mit Anlageuniversum in der Eurozone.
„Der Index liegt zwar immer noch auf einem niedrigen Niveau, hat aber die Erwartungen der Markteilnehmer übertroffen“, sagt Vincent Stamer, Researcher bei der Commerzbank.
Der erneute Anstieg den zweiten Monat in Folge mache Hoffnung, dass die Wirtschaft nach einem schwachen vierten Quartal 2024 in diesem Jahr aufblüht: „Der Stimmungsindikator liegt nun in dem Bereich, in dem die Euroraum-Wirtschaft in der Vergangenheit zumeist moderat gewachsen ist.“
Der positive Trend gehe wohl vor allem von Frankreich und Deutschland aus.
„Wir haben Tauwetter in der Wirtschaft, der Hochsommer ist aber noch nicht in Sicht.“
Vincent Stamer, Commerzbank
3. Starke Unternehmenszahlen
Hierzulande sind es vor allem der Sportartikelhersteller Adidas sowie das Software-Unternehmen SAP, die mit starken Kursanstiegen glänzen. Beide Unternehmen sind sowohl in Dax als auch Euro Stoxx 50 gelistet und haben ihren Aktienkurs allein in den zurückliegenden drei Monaten um jeweils rund 20 Prozent gesteigert.
Auf Sicht eines Jahres ist das Duo ebenfalls ein wichtiges Zugpferd: Adidas legt in diesem Zeitraum um mehr als 50 Prozent, SAP um mehr als 75 Prozent zu.
„Europäische Aktien erleben in den Portfolios professioneller Anleger den größten Anstieg seit 2015. Tatsächlich ist der Dax in diesem Jahr so etwas wie der heimliche Star unter den Aktienindizes“, urteilt Börsenkenner Robert Halver von der Baader Bank. Jetzt bekämen sogar konjunkturabhängige Aktien aus Europa Zulauf, die doch eigentlich von der deutschen und europäischen Wirtschaftsschwäche wenig begünstigt seien.
Und auf den ersten Blick könnten die Unternehmen keine Aufbruchstimmung in Amerika erwarten, wo doch Repressalien auf sie warten, so Halver: „Doch hilft es zum Beispiel deutschen Autobauern, wenn sie in Amerika investieren, wo die Standortwiesen eindeutig grüner sind. Vor allem jedoch haben sie dort Ruhe vor Trumps Zorn. Der eine findet es gut, dem anderen ist geholfen. Lieber von Trump fest gedrückt als fest gewürgt.“
4. Niedrige Bewertungen auf dem Kontinent
Ein klarer Aufholfaktor sind zudem die bereits genannten niedrigen KGVs in der Eurozone, die gerade einmal halb so hoch wie die entsprechenden US-Kennzahlen ausfallen. Dem Gros der Analysten zufolge beruht diese enorme Diskrepanz auf großen Tech-Aktien-Hausse der vergangenen Jahre, von der insbesondere US-Giganten wie Apple, Amazon & Co. profitierten.
5. Erwartete Zinssenkungen
Das Makro-Umfeld leistet sein Übriges: Während im Euroraum der Zinspfad konsequent nach unten zeigt, ist in den USA wieder Unsicherheit auf dem Vormarsch. Noch vor wenigen Monaten diskutierten Marktteilnehmer nur die Zahl der Zinssenkungen, doch inzwischen halten nicht wenige auch steigende Leitzinsen in den kommenden Monaten für möglich. Damit bekäme der Euro-Aktienmarkt deutlich mehr Anschub als die Börsenplätze jenseits des Atlantiks.
Dass Investoren in Europa ein weit ruhigeres Fahrwasser erwarten können als in den USA unter einer Trump-Regierung oder in China angesichts der mauen Konjunktur, klingt verglichen mit den bereits genannten Argumenten nach einem weichen Faktor, der aber auch eine Rolle spielen kann.
Eurozonen-Aktienkurse: Es gibt auch Zweifel
Es gibt aber auch Zweifel an einer ungetrübten Fortsetzung dieser Erfolgsgeschichte, wie Commerzbank-Experte Stamer feststellt: „Insgesamt sind die Zahlen ein Hoffnungszeichen für eine baldige Kehrtwende zum Besseren in der europäischen Wirtschaft. Da die Stimmungsindikatoren aber noch immer auf niedrigem Niveau liegen und der heutige Anstieg wohl von den südeuropäischen Staaten nicht mitgetragen wurde, gehen wir lediglich von einer moderaten Entwicklung der Euro-Wirtschaft aus.“
Erst im zweiten Halbjahr dürfte sich der positive Effekt von niedrigeren Leitzinsen vollumfänglich entfalten und die Wirtschaft etwas kräftiger anziehen.
Und es gibt auch kritische Stimmen, die Europa insbesondere bei der Schlüsseltechnologie KI langfristig ohne Chance sehen. Die KI-Revolution finde außerhalb der EU statt und das bleibe auch so, erklärte Marcel Oldenkott, Investmentchef bei Bit Capital, gegenüber DAS INVESTMENT: „Wir haben einen unfassbaren strukturellen Nachteil, und das sind die Energiekosten.“
Hier geht es zum kompletten Investmentausblick 2025 von Bit Capital.
Zu ihrem Home-Bias stehen dagegen die Investment-Profis von Shareholder Value Management. „Wir kommen aus der DACH-Region und haben hier unsere größte Expertise, besonders bei kleineren Titeln“, sagt Vorstand Philipp Prömm.
Dies sei eine Herausforderung, da der MSCI World 75 Prozent USA-Anteil hat: „Da ist man normalerweise immer Underperformer, wenn der Dollar läuft und man in Europa stärker investiert ist. Aber wir sind überzeugt: Alpha können wir dort erzielen, wo wir uns am besten auskennen, wo wir zu Hause sind.“
Aktuell fließe zwar viel Geld in passive Produkte, die wiederum in die prominenten US-Aktien investieren und deren Bewertungen immer weiter nach oben treiben. „Gerade in Europa, besonders bei den kleineren Titeln, sehen wir dagegen noch vernünftig bewertete Unternehmen mit viel Potenzial“, so Prömm im Gespräch mit DAS INVESTMENT.


