Es war eine Frage, die das Publikum spaltete – und das Panel vereinte: Sind Benchmarks noch sinnvoll? Mehr als 60 Prozent der Zuhörer beim private banking kongress in Köln stimmten mit Ja. Die vier Experten auf dem Podium hingegen sahen das deutlich kritischer. Dieses Spannungsfeld zwischen Praxis und Theorie, zwischen Sicherheit und Flexibilität, zwischen Bewährtem und Notwendigem war das rote Band des Abends.

Das Panel „Rendite unter Restriktionen – Perspektiven für Kapitalanlagen 2026" war der zweite große Panel des Tages in Köln. Die beiden „For Professional Investors Only“-Hosts Christoph Fröhlich und Malte Dreher hatten vier ausgewiesene Marktkenner eingeladen: Philipp Prömm, Vertriebsvorstand bei Shareholder Value und überzeugter Aktienmann, Kevin Dunzel von Natixis Investment Managers als Multi-Asset-Stratege, Philip Meier von Gramercy (Gramercy ist ein EM-Debt-Spezialist und der mandatierte Manager für die GAM EM-Debt-Fonds ) als Emerging-Markets-Debt-Spezialist sowie Alessandro Tentori von BNP Paribas Asset Management für die Makroperspektive. Aufgezeichnet wurde das Gespräch noch vor dem Ausbruch des Iran-Krieges – was ihm eine eigentümliche Zeitlosigkeit verleiht.

Aktien: Der Konsens hält – aber mit Einschränkungen

Die erste Abstimmungsfrage ließ wenig Raum für Überraschungen: Als wichtigster Renditetreiber 2026 sehen 42 Prozent des Publikums Aktien aus Industrieländern. Das Panel nickte zustimmend – zumindest grundsätzlich.

„Aktien waren langfristig immer die attraktivste Anlageklasse", sagte Philipp Prömm. „Ich sehe da keine wirklichen Alternativen." Gold sei gut gelaufen, man wisse aber nicht, ob man da noch oben draufklettern müsse. Krypto sei sowieso außen vor – Bitcoin hält er schlicht für überflüssig.

Kevin Dunzel von Natixis schätzte das ähnlich ein, betonte aber eine wichtige Nuance: Aktien seien zwar Haupt-Performancetreiber, aber man müsse 2026 deutlich differenzierter schauen. „Man muss sich vielleicht auch regional anders aufstellen. USA wird häufig besprochen. Vielleicht ist es wirklich endlich an der Zeit, dass man Europa auch mehr gegen USA stellen kann."

Philip Meier von Gramercy plädierte für eine Kombination aus Emerging Markets und alternativen Assets: „Wenn man das jetzt intelligent strukturiert, Emerging Markets als alternative Assetklasse – die beiden zusammen sind da ganz oben."

Und Alessandro Tentori brachte eine risikoadjustierte Perspektive ein: „Absolut gesehen sind das Aktien, keine Frage. Risikobereinigt sind es wahrscheinlich High-Yield-Anleihen."

Die unterschätzte Gefahr: Marktverengung

Spannender als die Renditefrage wurde es beim Thema Risiken. „Wo wird das größte Risiko unterschätzt?" wollte das Panel vom Publikum wissen. Das verteilte sich fast gleichmäßig auf Wachstumseinbruch, Geopolitik und Fiskalrisiken – jeweils rund 26 bis 28 Prozent.

Kevin Dunzel aber lenkte den Fokus auf ein Thema, das in der Abstimmung kaum auftauchte und ihm sichtlich unter den Nägeln brannte: die zunehmende Marktverengung. „In vielen Bereichen, in Indizes, haben wir eigentlich mittlerweile nur noch eine Scheindiversifikation. Die Sektorverteilung ist irrelevant. Die Haupt-Performancetreiber der Unternehmen sind nur noch sehr wenige – und das über mehrere Sektoren hinweg."

Wer heute passiv in breite Indizes investiere, so sein Argument, übernehme deren volle Konzentration und damit deren volle Volatilität. Das sei das eigentliche Risiko – nicht die nächste geopolitische Eskalation, sondern die strukturelle Fragilität der Märkte selbst.

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Philip Meier ergänzte mit einem Gedanken, der als Faustformel taugt: „Die Sache, die eine Krise wirklich auslöst, ist meistens das, was nicht so unbedingt auf der Agenda ist und was die Leute nicht wissen."

KI-Revolution: Wer profitiert wirklich?

Kein Panel zu Kapitalanlagen 2026 ohne Künstliche Intelligenz – und hier wurde das Gespräch besonders lebendig. Alessandro Tentori sieht in der KI vor allem einen Produktivitätsmotor, der Bewertungsmaßstäbe verschiebt. „Die Adoptionsrate von KI ist wesentlich schneller als andere bahnbrechende Technologien. Das heißt, wir sehen heute die Zahlen, die wir sonst in 15 Jahren gesehen hätten."

Sein entscheidender Hinweis für Investoren: Nicht alle Branchen profitieren gleich. Der eigentliche KI-Gewinn liege in arbeitsintensiven Sektoren – also dort, wo viele Mitarbeiter durch Mensch-Maschine-Kooperationen ersetzt oder ergänzt werden können. Europäische Small Caps und Consumer-Sektoren hätten deshalb strukturelle Vorteile gegenüber technologielastigen Indizes, in denen ohnehin nur wenige Menschen beschäftigt sind.

Kevin Dunzel warnte dagegen vor dem typischen Hype-Zyklus: „Wir neigen dazu, entweder alles in den Himmel zu loben – und dann kommt mal wieder ein Tag, wo alles extrem fällt." Als Illustration diente der Fall Meta: Als das Unternehmen vor einigen Jahren 40 Milliarden Dollar in KI investieren wollte, verlor die Aktie rund 20 Prozent – und damit knapp 200 Milliarden an Marktwert. Die 40 Milliarden wurden also nicht nur abgestraft, „sondern der Funken übersprang und ein Fünftel des Unternehmens verbrannte".

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Heute seien die Investitionssummen der Magnificent Seven auf bis zu 200 Milliarden Dollar gestiegen. Das mache solche Überreaktionen nicht kleiner – es macht sie wahrscheinlicher.

Philipp Prömm sieht in dieser Dynamik auch eine Branchenverschiebung: „Es gibt Firmen, die stark von der KI-Revolution profitieren. Und es werden Firmen, die möglicherweise komplett überflüssig werden." Die Konsequenz: Stockpicking und Branchenselektion werden wichtiger denn je. Wer nur auf Benchmarks setzt, kauft die Verlierer gleich mit.

Anleihen: Weniger attraktiv – aber nicht irrelevant

Dass 60 Prozent des Kölner Publikums Anleihen als „weniger attraktiv" als Aktien einstufte, überraschte wenig. Die Debatte auf dem Podium war aber differenzierter.

Kevin Dunzel stellte die Vergleichsbasis in Frage: „Die Frage ist ein Stück weit unfair formuliert. Gegenüber Aktien natürlich weniger attraktiv – aber Anleihen haben im Portfolio absolut ihre Daseinsberechtigung." Klare Chancen sehe Natixis im europäischen Investment-Grade-Bereich. Im High-Yield-Segment und in den USA hingegen: eher zurückhaltend.

Alessandro Tentori sprach sich deutlich gegen Staatsanleihen und lange Duration aus. „Ich weiß nur eines: Es wird morgen mehr Bonds geben als heute. Mehr Bonds heißt Preise fallen." Die Zentralbanken kaufen nicht mehr, die Japaner kaufen keine Bunds mehr, und Solvency-getriebene Käufer sind weitgehend eingedeckt. Sein Fazit: Den Income-Teil des Fixed-Income-Universums bevorzugen – Corporate Bonds, spezifisch gelistete Instrumente.

Philip Meier brachte eine regionale Perspektive: Emerging-Markets-Lokalanleihen hatten 2025 ein grandioses Jahr – mit Rückenwind sowohl von der Währungs- als auch von der Zinskomponente. „Blend-Strategien" im Emerging-Markets-Segment – also flexible Ansätze, die zwischen Hard Currency, Lokalwährung, High Yield und Investment Grade wechseln – seien seiner Meinung nach genau das Richtige für das aktuelle Umfeld.

Benchmarks: Das Publikum widerspricht dem Panel

Die Benchmark-Debatte war der Höhepunkt der Diskussion. Malte Dreher brachte die steile These aufs Tableau: „Ich habe aus dem Panel-Gespräch eine Aussage mitgenommen, dass Benchmarks in den vergangenen 20 Jahren mehr Schaden angerichtet haben als Gutes getan."

Philip Meier stimmte klar zu: „Benchmarks haben mehr Schaden angerichtet in den letzten 20 Jahren, als dass sie Gutes getan haben."

Kevin Dunzel schloss sich an: Die Indizes seien so einseitig geworden, dass Flexibilität und aktives Risiko heute unerlässlich seien. „Man muss wirklich mehr agieren, aktiver sein und ein höheres aktives Risiko eingehen, um sowohl Risiko zu reduzieren als auch Performance-Treiber zu identifizieren."

Und dann das Votum: Knapp zwei Drittel des Publikums erklärten Benchmarks für wichtig oder sehr wichtig. Eine Reaktion, die zeigte, wie weit Praxis und Podium mitunter auseinanderdriften – oder wie tief das Bedürfnis nach Orientierung sitzt, selbst bei professionellen Investoren.

Christoph Fröhlich fasste den Widerspruch zusammen: „Das war vielleicht der spannendste Kontrast des ganzen Panels."

Fazit: Kein Autopilot für 2026

Was nimmt man mit aus zwei Stunden Panel in Köln? Dass das Anlagejahr 2026 kein Jahr für Autopiloten wird. Aktien bleiben Pflicht im Portfolio – aber selektiv, regional differenziert und mit einem klaren Blick auf KI-Gewinner und -Verlierer. Anleihen verdienen ihren Platz, aber nicht in jeder Form: Staatsanleihen mit langer Duration sind out, europäisches Investment Grade und flexible Emerging-Markets-Strategien sind in.

„nd das größte unterschätzte Risiko? Vielleicht nicht Iran, nicht Inflation, nicht die Zentralbanken – sondern die Illusion, mit einem passiven Marktindex wirklich diversifiziert zu sein. Wer aktiv selektiert, muss aber auch wissen, wann er wieder raus muss. „Kaufen", so Philipp Prömm, „ist immer viel einfacher als verkaufen." Das war vielleicht der unangenehmste Satz des Abends – weil er für alle gilt.