Renditefaktor positiv

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Anleger in Biotechnologie-Fonds mussten in den vergangenen Jahren bittere Pillen schlucken. Langfristig macht sich eine entsprechende Beimischung jedoch bezahlt.

Die einzige Hoffnung hieß Satraplatin. Einen jährlichen Umsatz von bis zu 500 Millionen Dollar traute GPC Biotech aus Martinsried bei München dem Medikament zur Behandlung von Prostatakrebs zu. Am 24. Juli 2007 äußerten Berater der US-Zulassungbehörde FDA jedoch massive Zweifel an der Wirksamkeit des Präparats und forderten Nachbesserungen. Der Aktienkurs des defizitären Unternehmens brach daraufhin ein und fiel von 20 auf 10 Euro.
Im November vergangenen Jahres zog GPC Biotech den Zulassungsantrag zurück. Die erneut vorgelegten Daten waren eine Katastrophe. Satraplatin hat in den klinischen Studien gegenüber einem Schein­me­dikament keinen positiven Effekt auf die Überlebenszeit von Patienten gehabt. Kurz vor Weihnachten kostete eine GPC-Aktie nur noch rund 3 Euro.

Wenig profitable Unternehmen


Etwa 600 Biotechnologie-Unternehmen gibt es weltweit, und gerade einmal 30 davon arbeiten profitabel. Gelingt den kleineren, vielfach auf nur ein Produkt fokussierten Unternehmen jedoch ein Durchbruch, geht auch der Aktienkurs durch die Decke. Das dänische Unternehmen Neurosearch etwa arbeitete an einem Präparat für Parkinson-Patienten. Die Ergebnisse der Testreihen waren eher mäßig, die Nebenwirkungen allerdings umso verheißungsvoller: Das Medikament zügelte massiv den Appetit der Probanden. Heute ist es als Antifettpille zugelassen, und der Aktienkurs des Unternehmens verdreifachte sich im Lauf der vergangenen fünf Jahre.
Diese zwei Beispiele sind symptomatisch für die weltweite Biotech-Branche. Zeigen sie doch, wie nah Krisen und Chancen in dieser extrem forschungs- und zeitintensiven Hightech-Branche beieinander liegen. Den Käufern von Biotechnologie-Fonds blieben Tiefschläge in der Größenordnung von GPC erspart; sie waren aber auch bei dem dänischen Highflyer nicht dabei. Nur sechs von derzeit 28 bei der Datenbank Eurofonds registrierten Fonds notieren auf Sicht der vergangenen zwölf Monate im Plus. Auch mit einer durchschnittlichen Performance von 5,2 Prozent haben Biotech-Fonds über die letzten fünf Jahre nicht überzeugen können.
„Biotechnologie-Werte sind Anfang des Jahrtausends mit dem Markt gefallen, haben aber den Kursaufschwung nach Ende der New Economy nicht in vollem Umfang mitgemacht“, erklärt Björn Drescher, Herausgeber des Informationsdienstes „Fonds im Visier“. Der Biotechnologie-Index an der US-Börse Nasdaq fiel 2002 von 900 auf 500 Punkte. Rund fünf Jahre später hat er die 900er-Marke noch nicht wieder erreicht (Stand: 26. Dezember 2007: 862 Punkte). Eine Absage an ein Investment in entsprechende Fonds ist diese Entwicklung für Drescher jedoch nicht; im Gegenteil: „Nicht zuletzt aufgrund der unterdurchschnittlichen Wertentwicklung sind Biotechnologie-Fonds langfristig sehr interessante und antizyklische Investments in einen Wachstumsmarkt.“

Pharma-Riesen steigen ein

Das sehen entsprechend ausgerichtete Fondsmanager natürlich ähnlich. „Die Bewertungen der Unternehmen sind niedrig, und ich rechne für die kommenden Jahre mit einem Umsatz- und Gewinnwachstum von voraussichtlich 20 Prozent jährlich“, sagt Michael Sjöström. Sjöströms Beratungsgesellschaft Sectoral Asset Management betreut den Biotech-Fonds der schweizerischen Privatbank Pictet; einen der erfolgreichsten Fonds der vergangenen Jahre (siehe Chart Seite 32 und Tabelle Seite 34).
Es gibt in der Tat gleich mehrere Argumente, die für ein Investment sprechen. Die weltweite Pharmaindustrie bringt kaum noch eigene Innovationen hervor und sieht sich reihenweise auslaufenden Patenten ihrer umsatzstärksten Medikamente gegenüber. „Über die Hälfte aller neu zugelassenen Präparate basiert bereits auf biotechnologischer Forschung“, sagt Drescher. Die Pipeline-Schwäche werde dazu führen, dass „Pharma-Riesen immer stärker an Übernahmen junger Biotechnologie-Firmen interessiert sein werden“.
Mitunter macht sich die Biotech-Branche selber interessant: Erst kürzlich haben die Unternehmen Biogen Idec und MGI Pharma zu erkennen gegeben, dass sie zum Verkauf stehen. Einen Schub erwartet die Branche auch von der Erforschung des menschlichen Genoms. Vor fast acht Jahren, im Juni 2000, haben Wissenschaftler die Entschlüsselung der DNS verkündet. Sieben bis zehn Jahre dauert die Entwicklungsphase eines Medikaments, folglich stehen die ersten Präparate, die sich diese wissenschaftliche Errungenschaft zunutze machen, kurz vor der Markteinführung. „Diese individualisierte Medizin ist ein Riesenthema und eine große Chance für Biotechnologie-Unternehmen“, sagt Markus Manns, Manager des Uni Sector Gen Tech von Union Investment.

Immer dicker und älter

Auch gesellschaftliche Phänomene sprechen nach wie vor für Biotechnologie. Die Menschen werden immer älter, Alters­krank­heiten wie Diabetes und Alzheimer nehmen zu. Diese immer noch als unheilbar geltenden Krankheiten werden besonders durch gentechnisch hergestellte Medikamente zunehmend therapierbarer. Auch sogenannte Zivilisationskrankheiten wie Depressionen und Fettleibigkeit stellen die Biotechnologie vor neue Herausforderungen.
Jedoch brauchen Branche und Anleger Zeit. „In der Biotechnologie gibt es immer wieder sehr starke Aufwärtstrends, dann wird es wieder ruhig, und es folgen einzelne Abstürze“, sagt Thomas Portig. Für den Leiter der Fondsanalyse bei der Beratungsgesellschaft H.C.M. Capital Management sind die Branchenfonds daher etwas „von Spezialisten für Spezialisten“ und sicher „nichts für Privatanleger ohne jegliche Kenntnisse“. Besonders gilt diese Aussage Portig zufolge für Biotechnologie-Fonds, die sich auf einzelne Regionen oder Sektoren wie die Krebsforschung spezialisiert haben. „Der Anteil von Branchenfonds innerhalb eines Portfolios sollte höchstens 20 Prozent betragen“, empfiehlt der Fondsexperte.
Wie stark es rauf und auch wieder runtergehen kann, zeigt die jüngere Historie des Pictet-Fonds. Im Kalenderjahr 2002 ging es für den Fonds um 43 Prozent bergab. 2003 legte er im Gesamtjahr um über 50 Prozent zu. Was sich kurzfristig als extrem volatil erweist, ist langfristig jedoch sehr ertragreich: Seit der Auflegung im Dezember 1995 legte die Dollar-Variante des derzeit 1,3 Milliarden Euro schweren Fonds um durchschnittlich 15,1 Prozent pro Jahr zu. Durchhaltevermögen hat sich demnach ausgezahlt. „Das Research des Fonds­managements ist ausgezeichnet“, sagt Natalia Wolfstetter, Fondsanalystin bei der Rating-Agentur Morningstar.

Hohes Währungsrisiko bei Fonds

Da 80 Prozent der weltweiten Biotech-Unternehmen in den USA sitzen, weisen die Fonds ein nicht unerhebliches Währungsrisiko auf. Nur Pictet-Manager Sjöström hat sich in den vergangenen zwölf Monaten bei der Euro-Variante des Fonds völlig dagegen abgesichert. Nicht oder nur zaghaft haben sich die Verwalter der übrigen Fonds vor dem Renditefraß geschützt. Unter den Drei-Jahres-Spitzenreitern besonders stark getroffen hat die Dollarschwäche den Uni Sector Gen Tech. Anleger sollten deshalb nicht nur eine eigene Meinung zur Dollar-Euro-Entwicklung haben, sie sollten auch entsprechende Fonds gemäß ihren Erwartungen auswählen. Ein Exot unter den global investierenden Biotech-Fonds kommt von der österreichischen Erste-Sparinvest (Espa). Fondsmanager Hans Leitner hält derzeit mehr als 30 Prozent seines Portfolios in südkoreanischen Unternehmen. Der größte Teil davon hat sich auf Vitaminpräparate und Nahrungsergänzungsmittel spezialisiert. „Das waren früher Zulieferbetriebe für US-Firmen; heute machen sie das selber“, erklärt Leitner. Ohne Risiko ist diese Gewichtung jedoch nicht. Branchentypische Gefahren und Schwellenländer-Titel sind ein recht heikles Konzentrat.

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