Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile: Auf diese Formel lässt sich ein Appell bringen, mit dem sich 46 Wissenschaftler an die Bundesregierung wenden. Unter dem Titel „Rentenreform: Nur das ganze Paket entfaltet die notwendige Wirkung!“ fordern sie, die 33 Empfehlungen der Alterssicherungskommission vollständig umzusetzen, während Union und SPD noch über Ausnahmen verhandeln. Zuerst hatte das „Handelsblatt“ darüber berichtet, inzwischen hat „Focus Online“ die vollständige Unterzeichnerliste veröffentlicht.

Auf der Liste stehen unter anderem die Mitglieder des Sachverständigenrats Monika Schnitzer, Gabriel Felbermayr und Martin Werding sowie die früheren Ratsvorsitzenden Lars Feld und Christoph M. Schmidt. Dazu kommen die Institutschefs Clemens Fuest (Ifo), Michael Hüther (IW), Reint Gropp (IWH), Moritz Schularick (Kiel Institut) und Nicola Fuchs-Schündeln (WZB). Ebenfalls unterzeichnet haben Axel Börsch-Supan, Bert Rürup und Franz Ruland, der frühere Geschäftsführer des Verbands Deutscher Rentenversicherungsträger.

Kommission verteidigt eigenes Werk

Bemerkenswert ist, wer hinter dem Aufruf steht. Initiiert haben ihn laut „Focus Online“ Schnitzer, ESMT-Präsident Jörg Rocholl, Werding und die Sozialrechtlerin Constanze Janda. Janda leitete die Alterssicherungskommission gemeinsam mit Frank-Jürgen Weise, Rocholl und Werding gehörten ihr als wissenschaftliche Mitglieder an. Mit Tabea Bucher-Koenen, Georg Cremer und Silke Übelmesser haben drei weitere Kommissionsmitglieder unterschrieben. Sechs der 13 Kommissionsmitglieder werben damit öffentlich für die Umsetzung ihres eigenen Berichts. 

Kein Buffet zum Auswählen

Inhaltlich argumentieren die Unterzeichner, die 33 Empfehlungen seien als aufeinander abgestimmtes Bündel angelegt. Einzelne Elemente lassen sich demnach nicht herausnehmen, ohne die Gesamtwirkung zu gefährden. Wer einen Baustein streichen will, muss laut dem Aufruf einen gleichwertigen Ersatz vorlegen. Andernfalls breche das Konzept zusammen, und die Finanzierungsprobleme würden erneut vertagt.

Zu den Bausteinen, die nach Ansicht der Unterzeichner ineinandergreifen, zählen:

  • die Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung,
  • ein wieder stärker wirkender Nachhaltigkeitsfaktor (Parameter „alpha“ von 0,25 auf 0,33),
  • eine kapitalgedeckte Komponente innerhalb der gesetzlichen Rente, finanziert über einen paritätischen Zusatzbeitrag von 2 Prozent des Bruttolohns,
  • ein breiterer Versichertenkreis einschließlich der Minijobs.

Streitpunkt Rente nach 45 Beitragsjahren

Am deutlichsten positionieren sich die Unterzeichner bei der abschlagsfreien Rente für besonders langjährig Versicherte, umgangssprachlich „Rente mit 63“ genannt. Die Kommission empfiehlt ihre Abschaffung. Sie sei eine sehr teure staatliche Sonderleistung, von der nach Daten der Deutschen Rentenversicherung überdurchschnittlich oft Männer, Gesündere und Besserverdienende profitieren, heißt es im Aufruf.

An ihre Stelle soll gezieltere Hilfe treten: für Menschen, die kurz vor dem Ruhestand aus gesundheitlichen Gründen ihren Beruf nicht mehr ausüben können, und für Versicherte, deren Rente trotz langer Beitragszeit nicht zum Leben reicht.

Politisch ist genau dieser Punkt umkämpft. Mehrere Ministerpräsidenten von CDU und SPD lehnen eine ersatzlose Abschaffung ab. Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hat Übergangsfristen und Ausnahmen ins Gespräch gebracht, Kanzler Friedrich Merz (CDU) hält grundsätzlich am Aus fest.

In den Koalitionsfraktionen wird laut „Bild“ über einen Kompromiss beraten, bei dem der abschlagsfreie Zugang erst nach 46 oder 47 Beitragsjahren möglich wäre. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann will die abschlagsfreie Rente künftig auf Härtefälle beschränken. Zusätzlichen Zündstoff liefert eine Modellrechnung der Bundesbank zu versicherungsmathematisch fairen Abschlägen.