Ratinganbieter und Nachhaltigkeits-Resarch-Haus Rfu Research aus Wien hat vor einigen Jahren ein Modell entwickelt, das Rohstoffe nach Nachhaltigkeitskriterien bewertet – und damit eine Lücke bei ESG-Ratings geschlossen. Rohstofffonds, die solche Kriterien einbeziehen, sind eher die Ausnahme. Das Rfu-Modell wird unter anderem von Union Investment und Iqam Invest für einzelne Produkte genutzt.

Im Interview erläutert Christian Loy, der bei Rfu den Bereich Research leitet, wie die Ratings funktionieren, welche drei Rohstoffe auf die schlechtesten Bewertungen kommen, und wo er die größten Herausforderungen sieht.

DAS INVESTMENT: Sie bewerten Rohstoffe nach ESG-Kriterien – passt das überhaupt zusammen?

Christian Loy: Für uns stellt sich die Frage gar nicht, ob das zusammenpasst – Rohstoffe und Nachhaltigkeitsherausforderungen sind vielmehr an diversen Stellen eng miteinander verknüpft, das kann man nicht ignorieren. Wir bewerten derzeit 70 Rohstoffe aus den Bereichen Energie, Metalle sowie Land- und Forstwirtschaft. Schaut man sich allein die ökologischen Effekte an, sind diese Rohstoffe für weit über die Hälfte der globalen Klimaemissionen verantwortlich.

Hinzu kommen erhebliche Beiträge zu Entwaldung und Biodiversitätsverlust, aber auch soziale Themen. Wir sehen ein starkes Gefälle zwischen den Ländern des Globalen Nordens und Südens. Wer die Auswirkungen trägt und wer die Rohstoffe letztlich nutzt, klafft oft weit auseinander. Niedrige Arbeitsrechtsstandards, Menschenrechtsverletzungen und Korruption sind in diesen Branchen weit verbreitet. Wir haben eine Datenbank mit 4.000 Konflikten analysiert – ungefähr zwei Drittel davon sind auf die Rohstoffe zurückzuführen, die wir covern.

Seit wann beschäftigt sich Rfu Research systematisch mit Rohstoffen?

Loy: Die ersten konkreten Anfragen kamen vor etwa neun Jahren. Damals ging es vor allem um metallische Rohstoffe. Die Frage war, ob wir einzelne Wertschöpfungsketten gesondert bewerten können, ähnlich wie wir es für Unternehmen und Staaten schon getan haben. In den Jahren 2019 und 2020 gab es dann einen regelrechten Boom: Rohstoffe waren als Anlageklasse gefragt, und wir haben unsere Ratings von anfangs 15 auf mittlerweile 70 Rohstoffe ausgeweitet. In den letzten ein, zwei Jahren ist es insgesamt wieder ruhiger geworden – sowohl beim Nachhaltigkeitsdiskurs generell als auch bei Rohstoffen als Assetklasse.

Wie funktioniert Ihr Bewertungsmodell konkret?

Loy: Der Kniff ist: Wir stellen uns jeden Rohstoff so vor, als würde er von einem einzigen, hypothetischen Unternehmen hergestellt – bei Kupfer wäre das quasi die Weltkupfer AG. Das erlaubt uns, in der Logik unserer Unternehmens-Ratings zu bleiben. In das Modell fließen rund 60 bis 70 Länderindikatoren aus unserem eigenen Länder-Rating ein, das insgesamt knapp 200 Aspekte abdeckt. Wir schauen uns an, woher ein Rohstoff kommt, und rechnen dann das Menschenrechts-, Biodiversitäts-, Entwaldungs- oder Korruptionsrisiko für diesen Länder-Mix aus.

Woher stammen die Daten?

Loy: Insgesamt fließen etwa 2.000 Quellen ein – internationale Studien, UN-Daten, NGO-Berichte, wissenschaftliche Publikationen. Alle zwei Jahre machen wir zusätzlich eine Medienrecherche, um neue Konflikte, Technologien oder Governance-Entwicklungen einzuarbeiten. Am Ende steht ein Rating auf einer Skala von minus zehn bis plus zehn, mit Unter-Ratings für Produktion und Nutzung sowie für soziale und ökologische Aspekte.

Welche Rolle spielt die Nutzung eines Rohstoffs?

Loy: Wir betrachten die Produktions- und Nutzungsebene gemeinsam. Wie gerecht ist ein Rohstoff auf der Welt verteilt, welche Auswirkungen hat seine Verwendung? Bei der Gewichtung greifen wir auf die Methodik unserer Unternehmens-Ratings zurück – ein Verhältnis von etwa 60 Prozent Produktion zu 40 Prozent Nutzung. Negative Effekte beim Abbau können durch eine positive Verwendung also teilweise kompensiert werden – aber eben nur teilweise.

Gold ist bei den Metallen der Rohstoff mit dem schlechtesten Score.

Haben Sie ein Beispiel?

Loy: Gold ist bei den Metallen der Rohstoff mit dem schlechtesten Score. Das liegt vor allem an der Produktion: Kaum ein anderer Rohstoff geht mit so vielen Menschenrechtsverletzungen und Auswirkungen auf lokale Gemeinschaften einher. Bei der Nutzung kommt hinzu, dass Gold größtenteils als Wertanlage oder Schmuck dient.

Silber dagegen hat einen wachsenden Anteil an gesellschaftlich relevantem Nutzen – etwa für die Photovoltaik. Der Silberanteil für erneuerbare Energien ist in den letzten zehn Jahren auf knapp 20 Prozent gestiegen. Das ist ein relevanter Anteil für ein gesellschaftlich wichtiges Produkt.

Gibt es Ratings, die Sie überrascht haben?

Loy: Was spannend war: Nuklearenergie hat bei uns ein relativ gutes Gesamtergebnis erzielt. Das liegt an dem vergleichsweise geringen Klimaeffekt – deckt sich aber nicht mit der öffentlichen Wahrnehmung. Auf der anderen Seite schneiden Biokraftstoffe und Forstprodukte wie Holz und Zellstoff eher schlecht ab, obwohl sie ‚nachwachsen‘. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten zehn, fünfzehn Jahre zeigen, dass man sie eben nicht per se als klimaneutral einstufen kann. Auffällig ist auch der Unterschied zwischen Solar- und Wasserkraft: Solarstrom schneidet bei uns deutlich besser ab als Wasserkraft, auch wegen lokaler Konflikte rund um Wasserkraftprojekte weltweit.

Agrarrohstoffe gelten als schwieriges Investment – wie sieht es damit aus?

Loy: Bei Lebensmitteln war für uns überraschend, wie schlecht Rindfleisch abschneidet – gemeinsam mit Gold und Kohle gehört es zu den drei Rohstoffen mit den schlechtesten Werten überhaupt. Weizen dagegen ist bei uns das landwirtschaftliche Produkt mit dem besten Rating, unter anderem weil die Produktion effizient ist, mit hohem Maschineneinsatz und wenigen arbeitsrechtlichen Problemen.

Sie bewerten auch das „Potenzial“ eines Rohstoffs. Was steckt dahinter?

Loy: Das ist unser Versuch, fünf bis zehn Jahre in die Zukunft zu schauen. Es geht dabei aber nicht um die reine Nachfrage, sondern darum, wie sich die Nachhaltigkeitsbewertung entwickelt. Bei Silber, Zink und Zinn etwa rechnen wir mit steigenden Ratings. Bei Rohstoffen, die für die Energiewende zentral sind – Nickel, Kupfer, Kobalt – sehen wir dagegen ein zweigeteiltes Bild: Die Nutzung verbessert sich zwar, aber ein schneller Nachfrageboom, kann auch neue Probleme mit sich bringen. Das haben wir zuletzt bei Nickel gesehen, dessen Boom – unter anderem für Akkus von E-Autos – einen rasanten Anstieg der Rodung von Urwäldern in Indonesien ausgelöst hat. Die positiven Effekte gehen – wenn die Entwicklung zu schnell ist – häufig mit mindestens ebenso starken negativen Effekten einher.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten ESG-Herausforderungen bei Rohstoffen?

Loy: Ein wichtiger Punkt: Wenn es um Lösungen geht, denken wir fast immer in technologischen Kategorien und viel seltener in Richtung Suffizienz, also weniger Verbrauch. Diese Schieflage spiegelt sich im Rohstoffsektor sehr deutlich wider. Wir müssen auch über Prioritäten sprechen: Bringt uns ein Elektroauto, das auf Individualverkehr setzt und global betrachtet nicht für alle möglich ist, wirklich weiter – oder wären Ausbau und Elektrifizierung eines öffentlichen Verkehrsnetzes die wirkungsvollere Antwort?

Grundsätzlich fällt auf, dass es sich bis heute kaum auszahlt, Rohstoffe nachhaltig zu extrahieren und am Markt anzubieten – obwohl das Thema schon so lange auf dem Tisch liegt. Da spielt auch das Thema Nähe mit rein. Wenn die Exploration von Rohstoffen wieder mehr nach Europa kommt, wird uns bewusst, welche Auswirkungen der Abbau hat. In Kärnten gibt es eine Lithium-Mine, die bislang kaum öffentlichen Widerstand ausgelöst hat – in Bosnien und Serbien dagegen gab es massive Protestbewegungen gegen ähnliche Projekte. Es wird spannend, welche gesellschaftlichen Diskussionen das in Europa noch auslösen wird und ob wir dann beginnen, das Ausmaß unseres Verbrauchs zu hinterfragen.

Über den Interviewten

Christian Loy

ist seit 2005 beim Wiener Ratinganbieter und Nachhaltigkeits-Resarch-Haus Rfu Research und seit mehr als zehn Jahren Leiter Research mit Verantwortung für die Konzeption und Weiterentwicklung der Rfu-Modelle.