Am Wochenende vor der Bilanzpressekonferenz hätten „die Telefone nicht stillgestanden“, sagte Armin Papperger, Vorstandsvorsitzender von Rheinmetall. Interessenten hätten nach Luftabwehr gefragt, der Krieg im Nahen Osten zeige den Bedarf durch enorme Drohnenangriffe — täglich schössen Rheinmetall-Systeme vor Ort Drohnen ab. Es ist das Bild eines Managers, den die Welt nicht in Ruhe lässt. Und eines Unternehmens, das gerade so stark nachgefragt wird wie nie zuvor in seiner Geschichte.

Und doch war der Mittwoch dieser Woche kein Freudentag für Rheinmetall-Aktionäre. Die Jahresbilanz liegt auf dem Tisch — und sie ist, je nach Perspektive, entweder bemerkenswert gut oder eine Enttäuschung.

Der Rekordumsatz liegt bei 9,9 Milliarden Euro, die Rekordmarge bei 18,5 Prozent, der Rekordauftragsbestand beträgt 63,8 Milliarden Euro. Und die Aktie fällt um 5 Prozent.

Was auf den ersten Blick absurd wirkt, hat einen rationalen Kern. Analysten hatten mehr erwartet: 10,1 Milliarden Euro Umsatz, eine Ebit-Marge von 19 Prozent. Die Börse bestraft nicht die Vergangenheit – sie bepreist die Zukunft. Und die Zukunft, die Konzernchef Armin Papperger versprochen hat, ist atemberaubend.

50 Milliarden Euro Umsatz bis zum Jahr 2030. Nicht 20, nicht 30 – 50. Eine Verfünffachung in fünf Jahren. Das ist kein Wachstumsziel. Das ist ein Transformationsversprechen. Und die Frage, die Investoren, Analysten und Europas Sicherheitspolitiker umtreibt, lautet: Kann Rheinmetall liefern?

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Die Arithmetik der Wette

Die Mathematik hinter Pappergers Versprechen ist schnell aufgestellt – und ernüchternd. Ausgangspunkt: 9,9 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2025. Zielpunkt: 50 Milliarden Euro im Jahr 2030. Das ergibt eine notwendige durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von rund 38 Prozent, fünf Jahre lang. Für einen kapitalintensiven Industriekonzern mit Panzern, Munition und Werften ist das eine Rate, die man sonst nur aus der Welt der Software-Start-ups kennt.

Noch im Jahr 2024 lag die mittelfristige Zielmarke bei 20 Milliarden Euro für 2027. Die massive Anhebung auf 50 Milliarden spiegelt die Erwartung eines dauerhaft erhöhten Verteidigungsniveaus in Europa – und die Expansion in neue Segmente wie Marine und Satellitentechnik. Die Analysten von mwb Research halten ein organisches Umsatzpotenzial von 40 bis 43 Milliarden Euro für realistisch. Die Lücke zu den 50 Milliarden müsste durch M&A, also jährliche Zukäufe im Umfang von rund einer Milliarde Euro geschlossen werden.

Ein Blick in die Geschichte der deutschen Leitindizes macht die Dimension greifbar. Eine Verfünffachung des Umsatzes innerhalb von fünf bis sechs Jahren war bei einem Milliarden-Konzern bislang nur durch massive Fusionen möglich – wie bei Daimler-Benz und Chrysler 1998, was allerdings keine organische Wachstumsstory war, sondern eine externe Konsolidierung. Rheinmetall bewegt sich somit auf historischem Neuland.

Armin Papperger, Vorstandsvorsitzender von Rheinmetall, während der Bilanzpressekonferenz in Düsseldorf am 11. März 2026
Armin Papperger, Vorstandsvorsitzender von Rheinmetall, während der Bilanzpressekonferenz in Düsseldorf am 11. März 2026 | Bildquelle: Imago Images / Sven Simon

Das 64-Milliarden-Backlog

Pappergers stärkstes Argument ist der Auftragsbestand. Zum Jahresende 2025 erreichte das sogenannte Rheinmetall-Backlog – bestehend aus festen Aufträgen, Rahmenverträgen und zivilen Potenzialen – einen Rekordwert von 63,8 Milliarden Euro. Der feste Auftragsbestand allein lag bei knapp 41 Milliarden Euro, nach 30,7 Milliarden ein Jahr zuvor. Rein rechnerisch ist Rheinmetall über sechs Jahre ausverkauft.

Die Backlog-to-Revenue-Ratio von 6,44 ist im Branchenvergleich außergewöhnlich hoch – doppelt so hoch wie der Schnitt der großen US-Rüstungskonzerne. RTX (ehemals Raytheon) kommt auf 3,0, BAE Systems auf 2,7, Boeing Defense auf 3,1. Für Investoren bedeutet das eine enorme Planungssicherheit. Für den Konzern offenbart es den enormen Druck auf die Kapazitäten: All diese Aufträge müssen in Umsatz verwandelt werden – und zwar schneller als bisher.

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„Die mittelfristigen Aussichten bleiben stark“, kommentierte George McWhirter von der Berenberg Bank die Zahlen gegenüber der „Tagesschau“. Doch die Durchlaufzeiten variieren erheblich. Munition braucht sechs bis zwölf Monate von der Bestellung bis zur Lieferung, ein Boxer-Radpanzer bis zu 18 Monate, ein Kampfpanzer rund zwei Jahre. Viele der großvolumigen Rahmenverträge sehen Abrufe über bis zu zehn Jahre vor. Um den Umsatz bis 2030 zu verfünffachen, müssen diese Fristen verkürzt und die Fertigungskapazitäten vervielfacht werden.

Wo die Fabriken fehlen

Rheinmetall baut – schnell und teuer. Im August 2025 ging in Unterlüß die größte Munitionsfabrik Europas in Betrieb. In Weeze entsteht eine Fabrik für F-35-Rumpfmittelstücke, die globale Lieferketten bedienen soll. In Ungarn, Litauen und Rumänien wachsen neue Standorte, die lokale Fertigung sicherstellen und bei staatlichen Beschaffungsprogrammen als Zuschlagskriterium gelten. Die Investitionen in Sachanlagen sind von 374 Millionen Euro im Jahr 2022 auf geschätzte 1,27 Milliarden Euro im Jahr 2025 gestiegen – eine Verdreifachung in drei Jahren.

Der Preis dieser Expansion ist sichtbar: Im ersten Halbjahr 2025 verbrannte Rheinmetall 644 Millionen Euro an operativem Free Cashflow. Auch die Cash Conversion Rate sank von 76 auf 66 Prozent. Analysten schätzen, dass die jährlichen Investitionen bis 2027 auf über 2,1 Milliarden Euro steigen müssen, um die nötigen Kapazitäten zu schaffen. Papperger argumentiert, diese Vorabinvestitionen würden zwischen 2028 und 2030 in hochprofitable Skaleneffekte umschlagen. Immerhin: Die Munitionssparte liefert schon jetzt eine operative Marge von fast 30 Prozent.

Die Engpässe liegen nicht nur in den eigenen Werkshallen. Die Verfügbarkeit von Vorprodukten ist der Flaschenhals der europäischen Rüstungsproduktion. Material für Panzerstahl ist knapp; die Branche warnt vor Exportbeschränkungen innerhalb der EU. Bei Speziallegierungen wie Yttrium, essenziell für Radar und Laser, besteht eine extreme Abhängigkeit von China93 Prozent der US-Importe stammen von dort. Die chinesischen Exportbeschränkungen von 2025 haben diese Verwundbarkeit verschärft. Und der Mangel an Schießpulver und Vorprodukten für Treibladungen ist ein globales Problem, das Rheinmetall durch den Bau eigener Nitrocellulose-Anlagen in Unterlüß zu lösen versucht.

Ein Bericht des International Institute for Strategic Studies von 2025 kommt zu dem Schluss, dass europäische Nato-Alliierte zwar Lücken adressieren, aber Zweifel an der Nachhaltigkeit des Momentums bestehen. Die Studie beziffert den Investitionsbedarf: Europa müsste bis 2035 rund eine Billion Dollar aufwenden, um US-Kernfähigkeiten im euro-atlantischen Raum vollumfänglich zu ersetzen. Das Nato-Ziel, 3,5 Prozent des BIP in Verteidigung und weitere 1,5 Prozent in verteidigungsnahe Bereiche zu investieren, bietet den finanziellen Rahmen. Doch die industrielle Umsetzung hinkt hinterher.

Ingenieure gesucht

Ein Umsatz von 50 Milliarden Euro lässt sich nicht allein durch Maschinen generieren. Von 2022 bis 2025 hat Rheinmetall die Belegschaft um fast 7.000 auf mehr als 32.000 Mitarbeiter aufgebaut – ein beachtliches Tempo. Doch für eine Verfünffachung des Umsatzes reicht das bei Weitem nicht. Entweder muss der Umsatz pro Mitarbeiter massiv steigen – was eine Abkehr von der rüstungstypischen Manufaktur hin zur automatisierten Serienfertigung voraussetzt. Oder die Belegschaft muss weiter wachsen, und zwar erheblich.

Papperger plant, 10.000 Menschen pro Jahr einzustellen. Das klingt nach einem Personalbüro im Dauerbetrieb – und ist es auch. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kommentierte, solche Wachstumsprozesse müsse man auch in einem Dax-Konzern erst einmal etablieren. Dass es intern nicht immer reibungslos läuft, zeigte der schnelle Abgang einer Personalchefin im vergangenen Jahr.

Das demografische Risiko verschärft die Lage. In Deutschland könnten bis 2030 rund fünf Millionen Fachkräfte fehlen, warnen Studien. Allein im öffentlichen Sektor und Sicherheitsbereich prognostiziert PwC eine Lücke von über einer Million Personen. Die größten Engpässe bestehen in Informatik, Elektrotechnik und Ingenieurwesen – genau die Bereiche, die Rheinmetall für den Wandel zum digitalen Systemhaus, zur sogenannten Software-Defined Defense, am dringendsten braucht. Die Strategie: verstärkt in Ländern mit verfügbaren Fachkräften produzieren – Ungarn, Rumänien, USA – und durch Kooperationen mit Tech-Start-ups externes Know-how einbinden.

Vom Panzer zum Satelliten

Die 50-Milliarden-Wette basiert auf einer grundlegenden Neuausrichtung. Rheinmetall trennt sich vom zivilen Geschäft der Autozulieferung; der Verkauf soll in der ersten Jahreshälfte 2026 abgeschlossen sein. Stattdessen drängt der Konzern in jede militärische Domäne: zu Wasser, an Land, in der Luft, im Weltraum. Mit dem Einstieg in die Marineschifffahrt durch die Übernahme der Militärsparte von Lürssen adressiert Rheinmetall ein Segment, das langfristig stabile Erlöse verspricht. Das Umsatzziel für die Marinesparte liegt bei rund 5 Milliarden Euro bis 2030, wobei das F126-Fregattenprogramm als Haupttreiber fungiert.

Ambitionierter noch ist der Griff nach den Sternen. Per Direktvergabe erhielt Rheinmetall einen Auftrag über 1,7 Milliarden Euro für Radarsatelliten der Bundeswehr, gefertigt in einem Joint Venture mit dem finnischen Start-up Iceye am Standort Neuss. Dazu kommt die Entwicklung von Kommunikationssatelliten gemeinsam mit dem Bremer Spezialisten OHB – ein Auftragsvolumen von möglicherweise 10 Milliarden Euro. Airbus, ursprünglich mit einem Gegenangebot angetreten, soll nun als Kooperationspartner eingebunden werden. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Die Kommunikationssatelliten sollen bereits in drei Jahren zur Verfügung stehen.

Das nächste Milliardengeschäft sollen Drohnen werden. 40.000 Stück im Jahr will Rheinmetall in Deutschland und Italien bauen, zu Stückpreisen zwischen 60.000 und 80.000 Euro. Papperger setzt auf die Munitionsexpertise des Konzerns und die komplett in Deutschland gefertigte Drohne FV-014. Damit konkurriert er nicht nur mit etablierten Rivalen wie Airbus, sondern auch mit agilen Jungfirmen wie Helsing und Quantum Systems, die bereits Aufträge der Bundeswehr halten.

Die Breite der Expansion ist Rheinmetalls größte Chance – und zugleich sein größtes Risiko. Denn die Wette hängt an drei Bedingungen, die allesamt außerhalb der vollen Kontrolle des Managements liegen.

  • Erstens die industrielle Skalierung: Gelingt der Übergang von der Manufaktur zur automatisierten Serienfertigung, um das gewaltige Backlog zeitgerecht abzuarbeiten?
  • Zweitens die Fachkräftesicherung: Findet der Konzern genug Ingenieure und IT-Spezialisten, um die technologische Transformation zum Software-Haus zu vollziehen?
  • Drittens die politische Kontinuität: Bleiben die europäischen Regierungen bei ihrem Versprechen, die Verteidigungsausgaben dauerhaft auf einem Niveau von über 2 Prozent des BIP zu halten – oder kippt die Stimmung, sobald die Sondervermögen aufgebraucht sind?

Ob Rheinmetall die 50 Milliarden 2030 erreicht oder erst 2032, ist für die langfristige Bewertung zweitrangig. Entscheidend ist, ob der Konzern die Transformation vom Landspezialisten zum Multi-Domain-Player schafft, die bereits in vollem Gange ist. Was Papperger in Unterlüß versprochen hat, ist am Ende mehr als eine Unternehmensstrategie. Es ist ein Indikator dafür, ob Europa die industrielle Souveränität besitzt, die es in einer neuen Ära der Systemkonkurrenz braucht.

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