Risiko-Roundtable Teil 1 „Mehrheit der Kunden will maximal 4 Prozent Verlust pro Jahr“

Die Teilnehmer des Roundtables, die im Gruppengespräch das Thema Risikomanagement diskutieren (von links): Oliver Gaedke, YouGov; Ufuk Boydak, Loys; Alexander Tavernaro, Invesco; Andreas Schmidt-von Rhein, Fereal, Charlotte Klinnert, Deutsches Rotes Kreuz; Ulrich Reitz, Focam; Martin Hellmich, Frankfurt School of Finance & Management; Martin Lück, BlackRock. Foto: Martin Kämper

Die Teilnehmer des Roundtables, die im Gruppengespräch das Thema Risikomanagement diskutieren (von links): Oliver Gaedke, YouGov; Ufuk Boydak, Loys; Alexander Tavernaro, Invesco; Andreas Schmidt-von Rhein, Fereal, Charlotte Klinnert, Deutsches Rotes Kreuz; Ulrich Reitz, Focam; Martin Hellmich, Frankfurt School of Finance & Management; Martin Lück, BlackRock. Foto: Martin Kämper

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Teilnehmer des Roundtables:

Oliver Gaedke
ist Vorstand bei YouGov Deutschland. YouGov ist ein an der Londoner Börse notiertes internationales Marktforschungs- und Beratungsinstitut.

Martin Hellmich
hat seit September 2012 die Karl Friedrich Hagenmüller Professur für Financial Risk Management an der Frankfurt School of Finance & Management inne.

Ufuk Boydak, CFA, ist Vorstand und Teilhaber der Loys AG, der er seit 2009 angehört. Er managt mehrere Fonds der Investmentboutique.

Ulrich Reitz ist Chief Investment Officer beim Frankfurter Multi Family Office Focam.

Martin Lück ist promovierter Volkswirt und Leiter Kapitalmarktstrategie Deutschland, Österreich und Osteuropa bei BlackRock.

Alexander Tavernaro, CFA, ist Mitglied des Portfolio Management Teams von Invesco Quantitative Strategies.

Andreas Schmidt-von Rhein ist Leiter Risikomanagement und Mitglied der Geschäftsleitung in der Fereal AG , in der die Alternative-Investment-Aktivitäten der Feri-Gruppe gebündelt sind.

Charlotte Klinnert ist Bank- und Diplomkauffrau, zertifizierte Börsenhändlerin und Wertapieranalystin. Sie ist Vorstand für Kapitalanlagen bei der Pensionskasse vom Deutschen Roten Kreuz.

DAS INVESTMENT: Herr Gaedeke, hat sich bei deutschen Privatanlegern beim Thema Risiko in den zurückliegenden Monaten etwas verändert?


Oliver Gaedeke: Allgemein ist man aufgrund der niedrigen Sparzinsen offener, sich mit neuen Anlageprodukten zu beschäftigen. Die Fixierung auf das Tagesgeld geht zurück. Doch auf die Frage, ob man plane, mehr in Aktien zu investieren, um höhere Renditen zu erzielen, stimmen nur 23 Prozent zu. Einen Durchbruch für Aktien sehen wir also nach wie vor nicht: Die Mehrheit der Privatkunden ist maximal bereit, minus 4 Prozent Verlust pro Jahr in Kauf zu nehmen.

Wie sieht die Aktienstrategie bei einer Pensionskasse aus, Frau Klinnert?

Charlotte Klinnert: Wir haben durchaus auch eine kleine Aktienquote, aber natürlich nicht in der Größenordnung, wie das in angelsächsischen Ländern der Fall ist. Wir praktizieren unsere Risikobetrachtung bereits nach Solvency-II-Kriterien: Wir schauen, dass wir alle Risiken möglichst komplett abgedeckt bekommen. Denn wir denken, dass auch für uns durch die europäische Aufsichtsbehörde EIPOA, in Zukunft noch mehr Regulierung in dieser Richtung kommen wird. Kapitalerhalt ist und bleibt also das oberste Gebot. Rendite ist nachgelagert. Wir versuchen trotzdem noch auskömmliche Renditen zu erwirtschaften, aber man muss auch bedenken, dass in der betrieblichen Altersvorsorge für den Begünstigten bereits der erste zugesagte Euro ein echter Zusatzertrag ist.

Ulrich Reitz: Uns allen macht die Tatsache zu schaffen, dass seit einigen Jahren die Bewegungen an den Kapitalmärkten wesentlich stärker durch die Maßnahmen der Notenbanken oder diesbezügliche Erwartungen ausgelöst werden. Früher haben fundamentale, realwirtschaftliche Dinge eine größere Rolle gespielt. Das wird heute durch die extreme Niedrigzinspolitik überlagert und führt auch zu Risiken in der Form, dass viele Anleger dies alles nur noch bedingt verstehen können. Wir versuchen, unsere Kunden auf die Basis zurückzuführen: etwa auf den langfristigen Zusammenhang zwischen Unternehmensgewinn- und Aktienmarktentwicklung. Daran wird sich nichts ändern, auch nicht durch die Eingriffe der Notenbanken. Ob wir aber ein Kurs-Gewinn-Verhältnis im Dax von 16 oder von 8 haben, hängt von vielen Faktoren ab – unter anderem auch von der Angst und Gier der Anleger.

Andreas Schmidt-von Rhein: An der Risikowahrnehmung sowohl bei Privatkunden als auch im institutionellen Bereich hat zudem die letzte Finanzkrise ihren gehörigen Anteil. Heute geht es nicht mehr nur vorrangig um das Marktpreisrisiko, gemessen etwa anhand der Volatilität, Value at Risk, Tracking Error oder Ähnlichem, sondern auch um Kontrahenten- oder Liquiditätsrisiken. Das führt zur Frage, was ist denn jetzt nachhaltig wichtig, wie erfasse und gewichte ich die Risiken zueinander? Darum haben wir bei FERI ein umfassendes Risikocontrolling aufgebaut und arbeiten im Portfoliomanagement seit einigen Jahren mit einer integrierten Risikosteuerung. Konkret: Ein eigenständiges Risikomanagementteam überwacht die eingegangenen Investmentrisiken der Kundenportfolios.

Um die neuen Risiken zu beschreiben, hat sich der Begriff der neuen Realität eingebürgert. Ist das wissenschaftlich gesehen eine passende Bezeichnung?

Martin Hellmich: Ja – doch muss man sagen, dass diese neue Realität sehr viele Facetten hat. Nehmen wir die Bankenregulierung von sogenannten Counterparty- Credit-Risiken: Die Konsequenz ist, dass Banken nur noch geringere Möglichkeiten haben werden , Risiken aus OTC-Derivaten auf die Handelsbücher zu nehmen. So können sie sich hier, ähnlich wie in den Aktienmärkten, fallenden Märkten weniger entgegenstellen. Eine weitere mögliche Konsequenz ist, dass in Zukunft weniger Market Maker in diesen Segmenten engagiert sind, was wiederum geringere Liquidität, ungünstigere Preisstellung für den Kunden und oligopolartige Strukturen in wichtigen Assetklassen nach sich ziehen könnte. So ist die Bildung der neuen Realität keineswegs abgeschlossen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass sich die Marktinfrastruktur auf den Finanzmärkten verschiebt, hin zu immer mehr Automatisierung, Elektronifizierung und Algorithmic Trading. Die Konsequenz wird sein: Der Faktor Mensch nimmt hier ab.