Risikofaktor Schuldenberg Warum die Märkte das Schuldenproblem unterschätzen

Patrice Gautry ist Chefvolkswirt bei Union Bancaire Privée (UBP) | © UBP

Patrice Gautry ist Chefvolkswirt bei Union Bancaire Privée (UBP) Foto: UBP

Angesichts der beginnenden geldpolitischen Straffung ist die stetige Zunahme der weltweiten Gesamtverschuldung alarmierend. Das Tiefzinsumfeld und die reichlich vorhandene Liquidität förderten den Aufbau von Schulden und die Aufnahme von Fremdkapital. In den zehn Jahren seit der Krise ist die Gesamtverschuldung im Verhältnis zum BIP stark angestiegen. Insbesondere in den wichtigsten Finanzzentren ist die Verschuldung der Wirtschaftsakteure stärker gewachsen als anderswo, was zu einer Verschärfung der Unterschiede von Land zu Land und von Sektor zu Sektor sowie zu Schwachstellen in verschiedenen Bereichen geführt hat.

Was die USA betrifft, ist der IWF insbesondere über den Anstieg der Verschuldung der öffentlichen Hand besorgt, die deutlich über der Verschuldung der Unternehmen liegt. Letztere hält sich in Grenzen und sollte – solange die Rentabilität hoch ist – überschaubar bleiben. Die Schulden der privaten Haushalte nehmen moderat zu, werden aber dank den steigenden Löhnen problemlos bedient.

Die größte Schwäche des Euro-Raums ist die Staatsverschuldung, die im Verhältnis zum BIP seit der Finanzkrise hoch geblieben ist und erst seit 2016 leicht zurückgeht. Die Privatverschuldung im Verhältnis zum BIP ist leicht rückläufig, doch die Unternehmen nehmen mehr Fremdkapital auf und die privaten Haushalte sind aufgrund von Hypotheken stärker vom Immobilienmarkt abhängig. In China ist die Verschuldung der privaten Haushalte und der Unternehmen rasch angestiegen, da die Unternehmen weiter Fremdkapital aufnehmen. In anderen Schwellenländern ist ein ähnlicher Trend zu beobachten. Die Risiken in China im Zusammenhang mit dem unregulierten Bankensektor wurden eingepreist. Weitere Daten zeigen, dass die Staatsverschuldung in den Schwellenländern seit 2016 steigt, nachdem sie von 2007 bis 2015 stagnierte. Sie liegt aber immer noch unter 100 Prozent des BIP.

Die Struktur der weltweiten Verschuldung deutet darauf hin, dass eine unerwartet starke Straffung der Geldpolitik eine ernsthafte Bedrohung darstellen könnte, insbesondere für die öffentliche Hand, die bis anhin von den sehr niedrigen Zinsen profitiert hat. Außerdem sind die Industriestaaten nach wie vor stark auf ausländisches Kapital angewiesen – ebenso wie der Privatsektor in den Schwellenländern. Solange sich die Indikatoren für das Konsum- und Geschäftsklima behaupten können, haben die Kapitalmärkte nichts Besonderes zu befürchten. Doch obwohl die Geldpolitik gestrafft wird, sind die Langfristrenditen von Staatsanleihen immer noch sehr niedrig und die Kreditspreads sehr eng, sodass kaum Spielraum für eine Abfederung allfälliger Schocks oder einer eventuellen Verschlechterung der Bonität besteht.