Der Sommer 2024 bringt eine unerwartete Dynamik an den Aktienmärkten mit sich, die wir als „Schmelzhausse“ bezeichnen könnten – zumindest bis jetzt. So würde ich es bezeichnen, wenn die Aktienmärkte nach oben klettern (Hausse), aber dieser Aufwärtstrend von immer weniger Titeln getragen wird (Schmelze).

Bei den Marktbeobachtern mit einer optimistischen Sichtweise kursiert das Narrativ eines „Roaring 2020s“-Szenarios. Bei den ewigen Pessimisten überwiegen die Phantasien einer neuen Tech-Blase, sodass ein anderes Jahrzehnt zum (Vergleichs-) Narrativ wird, die 1990er Jahre. Wir haben die These überprüft, unter anderem mit Bewertungen des S&P 500 damals und heute und dem Battle „Cisco in den 90ern vs. Nvidia heute“. 

Überraschender Profiteur SMidCaps

Seit Juni erleben wir eine langsame, aber stetige Aufwärtsbewegung der Aktienkurse, trotz wirtschaftlicher Indikatoren, die schwächer sind als erwartet. Diese hatten die Wahrscheinlichkeit für Zinssenkungen durch die US-Notenbank bereits vor den jüngsten Inflationszahlen erhöht. Der Futures-Markt für den Federal Funds Rate signalisierte dadurch bereits zuvor vier Zinssenkungen um jeweils 25 Basispunkte innerhalb der nächsten zwölf Monate, nachdem es vor kurzem noch zwei waren und Anfang des Jahres mal sechs bis sieben.

Die insgesamt starken Wirtschaftszahlen in den USA lassen mich daran zweifeln, dass die Zinssenkungen tatsächlich gebraucht werden, aber sie werden sehr wahrscheinlich kommen. Fed-Chef Jerome Powells jüngste Aussagen vor dem Kongress verstärkten diese Aussicht. Nun sanken die Verbraucherpreise zudem um 0,1 Prozent und damit spürbar mehr als erwartet. darauf folgte eine signifikante Marktrotation – das erste Lebenssignal der „SMidCaps“ seit langem und damit eine mögliche Trendwende zum „Schmelzhausse“-Szenario.

Diese Entwicklung unterstützt unsere Erwartung, dass die aktuelle Marktrallye sich ausweiten bzw. verbreitern wird und sich nicht (mehr) nur auf die Magnificent 7 & Co beschränken wird. Dies könnte – nach langer Durststrecke – ein nachhaltiger Trend sein, insbesondere da rund 6 Billionen US-Dollar in Geldmarktfonds bereitstehen und bei sinkenden Zinsen schnell in den Aktienmarkt fließen könnten. Ein verstärkender Faktor für diesen Trend könnten aufkommende, überzeugende KI-Anwendungen sein, die tatsächlich die Produktivität in der Praxis steigern. Wenn dies eintritt, könnte sich die Marktbreite erhöhen, sogar ohne gleichzeitigen Crash in den hoch bewerteten Big-Tech-Companies.

Es bleibt jedoch ein Risiko bestehen, dass der Markt sich weiterhin auf wenige große Titel konzentriert und kleine und mittelgroße Unternehmen vernachlässigt werden. 

Historische Parallelen zu den 1990er-Jahren?

Es gibt Parallelen zwischen der aktuellen „Schmelzhausse“ und derjenigen der späten 1990er Jahre. Der Anteil von IT- und Kommunikationsdiensten am S&P 500 hat mit 42,4 Prozent den Höchststand von 40,7 Prozent im März 2000 übertroffen. Allerdings wird die heutige Entwicklung stärker durch Unternehmensgewinne unterstützt.

Die Dotcom-Blase platzte vor allem, weil die hohen Bewertungen nicht durch entsprechende Gewinne gedeckt waren, was zu einem drastischen Einbruch führte. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in den zugrunde liegenden Fundamentaldaten: Während der Gewinnanteil dieser Sektoren im Jahr 2000 deutlich niedriger war, tragen sie heute 33 Prozent zu den erwarteten zukünftigen Gewinnen des S&P 500 bei. Dies deutet darauf hin, dass die aktuellen hohen Bewertungen besser durch Unternehmensgewinne unterstützt werden – wenn die Bewertungen sich als (einigermaßen) korrekt herausstellen.

In den späten 1990er Jahren erreichte der S&P 500 seinen Höhepunkt mit einem Forward-Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 24,5 in der Woche vom 13. August 1999. Der aktuelle Forward-KGV des S&P 500 liegt noch bei etwa 20,9. Würde der Index erneut auf ein Forward-KGV von 24,5 steigen und gleichzeitig die erwarteten Gewinne pro Aktie von 270 USD erreichen, könnte der S&P 500 bis Ende dieses Jahres auf 6.600 Punkte klettern.

Zugpferde im Vergleich: Cisco (Dotcom-Blase) vs. Nvidia (KI-Boom)

Bei den Zugpferden der Entwicklungen von damals und heute sind Parallelen ebenfalls nicht von der Hand zu weisen: Cisco spielte beim Aufbau des Internets eine wesentliche Rolle und Nvidia bei der Entwicklung von KI-Technologien. Doch unter der Oberfläche zeigen sich signifikante Unterschiede, insbesondere in Bezug auf die Bewertungsdynamiken.

Ciscos Aktienkurs stieg von 10 US-Dollar auf 80 US-Dollar zwischen Anfang 1998 und Anfang 2000. Gleichzeitig erreichte sein Forward-KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) am 27. März 2000 einen Höchststand von etwa 131,0, was die extremen Erwartungen und Bewertungen dieser Zeit widerspiegelt. Heute sehen wir eine ähnliche Rallye bei Nvidia, dessen Aktienkurs von 11 US-Dollar Ende 2022 auf 114 US-Dollar aktuell gestiegen ist (mit einem Hoch bei 135 US-Dollar Mitte Juni). Im Gegensatz zu Cisco schwankt das Forward-KGV von Nvidia jedoch seit Anfang 2020 stark und bewegt sich zwischen 25,0 und 80,0.

Aktuell scheint der maßgebliche Erwartungshorizont, an dem sich die derzeitigen Bewertungen festmachen, noch auf 2024 begrenzt zu sein. Schon bald dürften die Narrative sich auf Erwartungen für das Jahr 2025 ausweiten. Dies dürfte zusammen mit dem Ausgang der US-Wahlen mehr Volatilität in die Märkte bringen.

Über den Autor:

Tobias Gabriel ist Vorstand der HAC Vermögensmanagement in Hamburg