Als Martin Lücks Bruder, ein Physiker, die explodierende SpaceX-Rakete sah, sagte er: „Das war trotzdem ein Riesenerfolg – das Launchpad ist stehen geblieben.“ Diese kleine Anekdote fasst zusammen, woran es Deutschland am meisten mangelt: eine Kultur des Scheiterns. Nicht als Resignation, sondern als Innovationsmotor.

Beim Fondskongress in Mannheim trafen zwei Welten aufeinander: Robert Habeck, Ex-Wirtschaftsminister und ehemaliger Vizekanzler, und Martin Lück, Kapitalmarktexperte bei Franklin Templeton. Ihr Gespräch drehte sich weniger um parteipolitische Grabenkämpfe als um die fundamentale Frage: Wie kann Deutschland wieder schnell und mutig werden?

Malte Dreher (links), Robert Habeck und Martin Lück im Gespräch
Malte Dreher (links), Robert Habeck und Martin Lück im Gespräch | Bildquelle: Edelstoff Media

Wenn die Opposition die eigenen Ideen übernimmt

Investitionsprämien, Transformationshilfen, industriepolitische Flankierungen – was Habeck als Minister vorschlug, findet sich heute im Programm der Union wieder. Seine Reaktion darauf ist nüchtern: „Hauptsache es kommt.“ Kein Groll, keine Bitterkeit. Stattdessen eine pragmatische Analyse: In einer Welt, die sich so schnell dreht, sind programmatische Debatten Luxus, den sich Deutschland nicht leisten kann.

„Die energieintensive Industrie steht mit dem Rücken zur Wand“, sagt Habeck. Die chemische Industrie ist gebeutelt, die Stahlhersteller kämpfen mit Zolldiskussionen, und die Energiekosten bleiben ein Dauerthema. Was er als Minister vorschlug – etwa der Industriestrompreis für energieintensive Betriebe – sind „keine klassischen grünen Vorschläge“, wie er einräumt. „Das sind quasi Vorschläge gegen Klimaschutz. Aber in einem Industrieland, das so unter Druck steht wie Deutschland, muss man halt die Dinge so nehmen, wie sie sind.“

Unsicherheit ist Gift für Investoren

Martin Lück beobachtet aus Kapitalmarktsicht eine beunruhigende Entwicklung: „Die Unsicherheit in der Welt nehmen viele Kapitalmarktleute deutlich wahr. Und für Investoren ist nichts schädlicher als Unsicherheit – sie kreiert Volatilität, erhöht die Risiken im Portfolio und damit die Risikokosten.“

Ein breiterer politischer Konsens wäre aus seiner Sicht ein Stabilitätsgewinn. Nicht nur wirtschaftlich, auch demokratisch: Mit fünf Landtagswahlen in diesem Jahr und der Erstarkung extremer Ränder sei eine Annäherung der demokratischen Mitte „gut für den Standort und damit für die Investments“. Deutschland drohe in eine Polarisierung zu rutschen, wie sie die USA bereits erleben – „mit ungutem Beispiel“. 

Das deutsche Perfektionsproblem

„Wir neigen dazu, Dinge zu Ende zu denken, bevor wir sie umsetzen“, diagnostiziert Lück. Der amerikanische Ansatz sei ein anderer: „Let's do it – und dann kann man auf dem Weg noch nachjustieren.“ Deutschland hingegen versuche zu perfektionieren, bevor überhaupt mit der Umsetzung begonnen werde. Dazu komme eine „verselbstständigte Überbürokratisierung“ – etwa im Beschaffungswesen der Bundeswehr.

Das Parkinson-Gesetz der Ökonomie – die Selbstvergrößerung von Bürokratien – sei über Jahrzehnte wirksam gewesen. „Da müssen wir beherzt rangehen“, fordert Lück, räumt aber ein: „Das ist leicht gesagt. Daran hängen auch immer Menschen, Beschäftigung im öffentlichen Dienst. Da muss man behutsam vorgehen.“

Warum militärische Ausgaben keine Verschwendung sind

Ein Punkt, der beide eint: Verteidigungsausgaben sind keine reine Konsumausgabe, sondern können Innovationstreiber sein. „Das Internet ist letzten Endes aus einer militärischen Anwendung hervorgegangen“, erinnert Lück. Viele Politiker seien keine ausgebildeten Ökonomen und hätten „vielleicht mal ein volkswirtschaftliches Lehrbuch diagonal gelesen“. Dort stehe dann: Militärausgaben sind staatlicher Konsum. Aber die Realität sei komplexer.

„Verteidigungsfähigkeit ist ein Garant für einen Rahmen, in dem eine Volkswirtschaft besser funktionieren kann“, argumentiert Lück. Deutschland und Europa könnten der „bessere Westen“ werden, wenn sich die USA weiter demontieren. „Wir wollen nicht nur die Soft Power, wir wollen die Hard Power. Und dafür brauchen wir militärische Verteidigungsfähigkeit. Das ist eine Investition darin, dass der Standort resilienter ist.“

Das DARPA-Modell und die Angst vor Misserfolgen

Habeck bringt ein konkretes Beispiel: die amerikanische Innovationsagentur DARPA. Sie schreibe keine Lösungen aus, sondern Probleme. Unternehmen bekommen viel Geld und mehrere Jahre Zeit. „Wenn die Unternehmen nicht mit einer technischen Lösung kommen, sagt die DARPA: Das ist trotzdem ein Erfolg. Das Geld ist nicht umsonst ausgegeben, denn jetzt wissen wir, wie es nicht geht.“

In Deutschland undenkbar. „Stellen Sie sich vor, Friedrich Merz stellt sich hin und sagt: Das Geld ist trotzdem gut investiert gewesen, weil Forschung da reingeflossen ist“, sagt Habeck. „Die Überschriften kann man sich nicht vorstellen. Jeder wird geteert und gefedert.“

Das sei das Kernproblem: „Das Mindset, etwas zu riskieren, bedeutet, es gibt keine 100-prozentige Sicherheit. Fünf Prozent der Dinge gehen schief. Im Moment ist die politische Welt nicht geduldig damit. Die sagt nicht: Fünf Prozent heißt, 95 Prozent haben gut geklappt, machen wir weiter. Sondern das ist der Killer.“

Politiker wüssten das. Deshalb herrsche ein Sicherheitsdenken vor: möglichst nichts falsch machen. „So kommen wir aber nicht voran.“

Wachstum durch Innovation fehlt seit 2018

Habeck spricht von einem messbaren Problem seit 2018 – also lange vor der Ampel-Koalition: „Wachstum durch Innovation fehlt. Das Kapital geht ins Ausland, die Gelder werden festgehalten.“ Investitionen führten in der Regel zu Innovation. „Da muss der Booster nochmal angesetzt werden.“

Das sei komplizierter als Sondervermögen für die Bundeswehr oder den Autobahnausbau. „Man muss wirklich zusammen mit den Unternehmen Marktbedingungen schaffen, wo investiert wird. Da sind wir leider noch nicht.“

Das Gespräch gibt es auch als Video
Das Gespräch mit Robert Habeck und Martin Lück gibt es auch als Video | Bildquelle: Edelstoff Media

Die Energiewende: Fortschritt oder Standortnachteil?

Die Energiewende wurde beschleunigt – gleichzeitig klagt die Industrie über Standortnachteile. Habeck sieht das differenziert: „Einen echten Standortnachteil haben wir uns selbst zugefügt durch die Abhängigkeit von russischem Gas.“ Die Energiewende sei notwendig, aber zu langsam vorangetrieben worden. „Wir haben das Gas aus Russland zu lange genutzt und hätten viel schneller umstellen müssen.“

Das zentrale Problem sei nicht die Energiewende selbst, sondern die Geschwindigkeit: „Wir müssen lernen, schneller zu reagieren und pragmatischer voranzugehen.“

Keine Angst vor der nächsten Wahl

Auf die Frage, was Deutschland konkret tun müsse, um wirtschaftlich wieder handlungsfähig zu sein, gibt Habeck eine ungewöhnliche Antwort: „Keine Angst zu haben, nicht wieder gewählt zu werden.“ Das klinge nicht konkret, sei aber „wahrscheinlich die Konsequenz aus meinen vielen Jahren in der Politik“.

Martin Lück ergänzt: „Wir müssen eine Kultur des Scheiterns entwickeln. Wir müssen sehen, dass Scheitern etwas Gutes ist und dass man aus Fehlschlägen mehr lernt als aus Erfolgen.“ Das sei leicht gesagt, in der Politik vielleicht Wunschdenken. „Aber neben dem Abräumen von Bürokratie und der Digitalisierung ist das vielleicht mal etwas, worauf wir uns fokussieren müssen.“

Der Hinweis auf die explodierenden SpaceX-Raketen war kein Zufall. „Die Amerikaner machen das die ganze Zeit, da wird viel probiert“, sagt Lück. Deutschland müsse lernen, dass Fehlschläge kein Makel, sondern Teil des Fortschritts sind.

Fazit: Deutschland braucht mehr Mut

Das Gespräch in Mannheim zeigt: Die größte Herausforderung für Deutschland ist nicht fehlendes Geld oder fehlende Ideen. Es ist die Angst vor dem Scheitern – in der Politik, in der Verwaltung, in der Gesellschaft. Solange jeder Misserfolg als persönliches Versagen gewertet wird, bleibt Innovation aus.

Vielleicht ist das die wichtigste Lehre aus diesem Gespräch: Deutschland braucht nicht nur mehr Investitionen in Innovation, sondern auch mehr Geduld mit Fehlschlägen. Denn wie Martin Lücks Bruder es formulierte: Manchmal ist es schon ein Erfolg, wenn das Launchpad stehen bleibt.