„Bei Ihrer Bewertung haben Sie einen Market Cap von 200 Millionen und 110 Millionen Cash auf dem Konto. Da preist der Markt ja kaum noch operatives Geschäft ein." Roger Peeters' erste Frage an diesem Augustmorgen trifft ins Schwarze. Wolf Schmuhl von Trivago nickt. Es ist kurz vor zehn Uhr, Raum 806 im Emporio Tower mitten in Hamburg, und dies ist erst der Anfang eines langen Tages.
Ich begleite Peeters an diesem Tag für DAS INVESTMENT auf Schritt und Tritt – von Termin zu Termin, von Zahlenkolonnen zu persönlichen Eindrücken. Die Hamburger Investorentage sind eine Art Speed-Dating zwischen Unternehmen und Investoren. Zweimal im Jahr finden sie statt, Hunderte Fondsmanager, Finanzchefs, Vorstände und Analysten treffen sich dann hier für Keynotes wie Gespräche hinter verschlossenen Türen.
Für Peeters bedeuten sie alleine am ersten Tag acht Termine in sechs Stunden – acht Gelegenheiten, Vorständen von börsennotierten Firmen persönlich auf den Zahn zu fühlen und so wichtiges Primärresearch für Investitionen zu sammeln. Die Ergebnisse fließen in den Investmentprozess von pfp Advisory ein, die er mit seinem Partner Christoph Frank führt.
Beide beraten seit Start den DWS Concept Platow, einen der erfolgreichsten deutschen Aktienfonds. 300 Millionen Euro, verteilt auf etwa 50 Positionen. Die Performance spricht für sich: plus 26 Prozent seit Jahresbeginn, über fünf Jahre im Schnitt knapp 10 Prozent pro Jahr. Ähnlich gut läuft es derzeit beim kleineren Fonds der beiden, dem pfp Advisory Aktien Mittelstand Premium Fonds.
Wenn die Liquidität schrumpft
Raum 644, zwei Stunden später. Die Atmosphäre hat sich spürbar verändert. Private Assets, eine Restrukturierungsholding, steht Rede und Antwort. Firmenchef Sven Dübbers wirkt konzentriert, als er die Zahlen auf den Tisch legt: „Im ersten Halbjahr haben wir ein negatives Ebitda erzielt.“ Die Gießereien, in die seine Firma gemäß des Geschäftsmodells in einer schwierigen Situation übernommen hat und umstrukturiert werden, steckten im ersten Halbjahr noch immer in der Krise.
Peeters bohrt nach: „Die Vertragsvermögenswerte in der Bilanz – die liegen bei 27,7 Millionen, richtig? Ist da noch Berichtigungsbedarf?“ Dübbers verneint. Dann kommt die entscheidende Frage: „Wie ist die Liquidität?“
Die Antwort, zu diesem Zeitpunkt wenig erfreulich, präsentiert Dübbers mit der zu erwartenden Ernsthaftigkeit und wenig Amüsement.. Die Zahlungsmittel sind von 9 auf 3 Millionen Euro geschrumpft. In den verbleibenden Minuten hellt sich die Stimmung merklich auf als beide weitere Sanierungsfälle und neue Beteiligungsmodelle besprechen.
Und doch zeigt gerade dieses Gespräch, warum persönliche Treffen durch nichts zu ersetzen sind. „In den Zahlen sehe ich die Liquiditätskrise", erklärt Peeters. „Aber wie das Management damit umgeht, ob sie einen realistischen Plan haben oder nur Durchhalteparolen ausgeben – das erfahre ich hier sehr gut."
Das Luxusproblem der Energiewende
Der Nachmittag bringt einen kompletten Stimmungswechsel. Raum 712, Friedrich Vorwerk. Finanzchef Tim Hameister könnte kaum zuversichtlicher wirken. „Über eine Milliarde Euro Auftragsbestand", verkündet er mit einem Lächeln. Das Unternehmen baut Pipelines und Stromtrassen, profitiert massiv vom Infrastrukturpaket und der Energiewende. „Wir können mittlerweile sehr gezielt auswählen, welche Projekte wir übernehmen."
Peeters rechnet kurz nach: „Bei dieser Auslastung müssten Sie doch die EBITDA-Marge deutlich steigern können?"
„20 Prozent peilen wir an", bestätigt Hameister. Dann kommt das große Aber, das Paradox der deutschen Energiewende: „Wir haben über 200 offene Stellen. Wir müssen nahezu täglich Projekte ablehnen, weil uns die Leute fehlen."
Es ist ein Luxusproblem, aber ein echtes. Billionen-Investitionen sind für die Energiewende geplant, doch es mangelt an Fachkräften, die sie umsetzen können.
„Was passiert eigentlich bei vier Monaten Dauerregen?", fragt Peeters plötzlich. Eine ungewöhnliche Frage, die Hameister kurz aus dem Konzept bringt. „Bei sehr nassen Böden können wir tatsächlich nicht arbeiten", gibt er zu. „Dann müssen wir die Mannschaften auf andere Projekte umdirigieren. Das kostet Zeit und Geld."
Solche Details sind es, die Peeters interessieren. Nicht die große Vision von der Energiewende, sondern die operative Realität im Matsch und Schlamm.
Zwischen Dan Brown und Booktok
Nächste Station ist der Verlag Bastei Lübbe. Mit Dan Browns neuem Thriller hat man einen Bestseller in den Läden.
Finanzchef Mathis Gerkensmeyer zeigt sich reflektiert und zuversichtlich, als er über die Zukunft des Verlagsgeschäfts spricht.
„Letztes Jahr hatten wir einen Mega-Erfolg mit Maxton Hall“, erzählt er. „Dieses Jahr sind Dan Brown und Ken Follett zurück – nach mehreren Jahren Pause.“
Peeters fragt: „Wann verdienen Sie eigentlich mehr – an einem Dan Brown oder an einem Community-Titel aus der Booktok-Szene?“
Die Antwort überrascht: „Die Community-getriebenen Bücher haben häufig eine tolle Marge. Aber die Weltbestseller leisten über hohe Absatzzahlen starke Ergebnisbeiträge. Außerdem bringen sie Prestige, Reichweite und locken Käufer in die Buchhandlungen, die sonst nie kämen.“
Bedingt durch den Vorjahreserfolg von Maxton Hall sank der Umsatzanteil der Community-getriebenen Bücher im ersten Quartal 2025/26 temporär von 41 auf 31 Prozent – der generelle Trend hin zu Community-getriebenen Geschäftsmodellen sei aber ungebrochen. „Verlagsmarken wie Lyx lösen heutzutage eine große Begeisterung bei den Leserinnen und Lesern aus und man bildet zusammen eine treue Lyx-Community ", erklärt Gerkensmeyer. „Aber die Themen sind auch sprunghaft. Was gestern Vampire waren, ist heute vielleicht Sports Romance und in der Community bekommen wir ein Gespür, was es morgen sein könnte."
Die Methode hinter dem Erfolg
In der Mittagspause erklärt Peeters seine Philosophie. „Wir sind keine Trendjäger", sagt er bestimmt. Der DWS Concept Platow folgt seit Jahren derselben Strategie: deutsche Aktien, davon auch viele Nebenwerte, fundamental bewertet, regelbasiert ausgewählt. „Wir schauen auf viele Parameter gleichzeitig – Wachstum, Bewertung, Qualität, Momentum. Es gibt ein klares Raster. Nur wer da durchkommt, wird überhaupt investierbar."
Die Zusammenarbeit mit Partner Christoph Frank hat sich über Jahre eingespielt. Frank hat das quantitative Grundgerüst vor vielen Jahren entwickelt und verfeinert es ständig. Peeters hatte den Fonds ins Leben gerufen. Beide sind das ganze Jahr neben der quantitativen Analyse in stetem Austausch mit den Firmen.
Pro Jahr führen beide etwa 200 bis 250 solcher Gespräche auf Konferenzen, in Conference Calls, bei Roadshows oder auf sogenannten Capital Markets Days. Manche Unternehmen begleitet er seit Jahrzehnten durch Höhen und Tiefen. „Diese Konferenzen helfen, das Bild zu schärfen. Was gesagt wird, was verschwiegen wird, wie schnell jemand auf eine kritische Frage reagiert – das sind alles Mosaiksteine eines größeren Bildes."
Neue Chefs, neue Strategien
Bei Freenet geht es um Transformation. Nach dem Abgang des langjährigen CEOs Christoph Vilanek setzt der neue Chef Robin Harries auf Digitalisierung und KI. „Unsere Kunden werden bald nicht mehr merken, ob sie mit einem Menschen oder einer Maschine sprechen", verspricht Finanzchef Ingo Arnold.
Peeters fragt systematisch nach Kostenstrukturen, Abwanderungsraten, Synergien im Mobilfunkgeschäft. Das Gespräch bleibt sachlich, fast nüchtern. Freenet ist mit 3,5 Prozent im Portfolio – „solide Dividende, stabiles Geschäft", erläutert Peeters. „Aber die Wachstumsfantasie fehlt. Und von KI reden derzeit alle. Das muss man fast ignorieren."
Mehr Spannung verspricht das Gespräch bei Stock3. Das Finanzportal wandelt sich vom Content-Anbieter zum Broker-Vermittler. „Die Abwanderungsrate haben wir um 20 Prozent gesenkt", so Firmenchef Robert Abend.
„20 Prozent oder 20 Prozentpunkte?", hakt Peeters nach. „Und von welchem Niveau sprechen wir?"
Abend weicht aus, nennt keine absolute Zahl. Stattdessen spricht er über neue Features und Zielgruppenstrategien. Peeters notiert eifrig.
Echte Emotionen schlagen Algorithmen
Bei Cewe trifft Peeters auf die neue Finanzchefin Sirka Hintze. Der Oldenburger Fotodienstleister hat eine bemerkenswerte Transformation hinter sich: vom Analogfilm über die Digitalfotografie zum heute dominierenden Fotobuch-Geschäft.
„Was ist eigentlich mit dem Hype um KI-generierte Bilder?", fragt Peeters. „Werden die Leute in Zukunft überhaupt noch Fotobücher von echten Erlebnissen machen wollen?"
Hintze lächelt souverän: „Die Menschen wollen Erinnerungen festhalten. Echte Momente. Unser Geschäft lebt nicht von Perfektion, sondern von Authentizität." Und von Innovation. Als Anschauungsobjekt liegt ein großformatiges Panoramabuch auf dem Tisch, das man wieder und wieder ausklappen kann. Peeters blättert im Buch, hakt nach. „Nur wir können derzeit solche Bücher produzieren“, erklärt Axel Weber, Leiter Investor Relations, Planung & Reporting.
Die Bilanz eines langen Tages
17 Uhr, der letzte Termin ist beendet. Delignit, ein Spezialist für Holzwerkstoffe, hat seine Chance bekommen. Acht Unternehmen, acht verschiedene Geschichten. Von den Herausforderungen bei Private Assets bis zum Auftragsboom bei Friedrich Vorwerk. Von der digitalen Veränderung bei Stock3 bis zur analogen Renaissance bei Cewe. Es ist diese Vielfalt, die den deutschen Mittelstand ausmacht – und die Herausforderung für einen Fondsmanager oder -berater definiert.
Die rund 26 Prozent Performance des DWS Concept Platow in diesem Jahr kommen nicht von ungefähr. Sie sind das Resultat akribischer Arbeit: Hunderte Gespräche, tausende Datenpunkte, unzählige Stunden der Analyse. In einer Welt, die zunehmend von Algorithmen und KI dominiert wird, verlassen sich Peeters und Frank auf eine altmodische Tugend: Fleiß.
Wenn Peeters im November beim Eigenkapitalforum in Frankfurt wieder seine Fragenliste abarbeitet, wird er nach demselben Muster suchen: dem nervösen Fingertipp auf den Tisch, dem zu schnellen „Das ist kein Problem“, dem Blick, der bei der Frage nach der Marge kurz zur Seite wandert.
Denn die persönlichen Eindrücke aus Raum 644 oder Raum 712 sind die wertvolle Bausteine, um Eindrücke zu Firmenlenkern, Unternehmen und Aktien zu vervollständigen. Eindrücke, die die bloße Lektüre von Geschäftsberichten nicht bieten.
Das letzte One-on-One-Gespräch ist vorbei. Zügig läuft er über die Gänge, grüßt die Kollegen, bahnt sich den Weg durch die Menge. Der Fahrstuhl steht bereit. Peeters nimmt die Treppe – wie immer. „Ich sitze den ganzen Tag genug.“ Es ist diese Haltung, die sich in seinen Fonds übersetzt.

