Geopolitische Risiken stehen wieder auf der Agenda der Kapitalmärkte. Dies wird durch den Krieg im Nahen Osten deutlich, der die Preise für Öl und Flüssiggas in die Höhe treibt. Die mittel- und langfristigen Folgen für die Energieversorgung, insbesondere in Asien und Europa, sind derzeit noch nicht abzusehen.
Militärische Auseinandersetzungen, Handelskonflikte und eine zunehmend fragmentierte Weltwirtschaft prägen das Umfeld für Unternehmen und Investoren gleichermaßen. Gleichzeitig wächst der Druck auf Staaten, ihre Energieversorgung umzubauen, Lieferketten abzusichern und ihre Infrastruktur auszubauen. Entsprechend positiv reagierte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf Vereinbarung einer Freihandelszone mit dem rohstoffreichen Australien.
In diesem Spannungsfeld erlebt eine Anlageklasse ein bemerkenswertes Comeback: Rohstoffe. Es gibt Hinweise darauf, dass sich derzeit die Grundlagen für einen neuen Superzyklus herausbilden, der nicht nur von der Konjunktur, sondern auch von tiefgreifenden strukturellen Veränderungen angetrieben wird.
Deglobalisierung und Infrastrukturboom als Nachfragefaktor
Die zunehmende strategische Neuordnung der Weltwirtschaft verändert die Nachfrage nach industriellen Rohstoffen nachhaltig. Investitionen in neue Produktionsstandorte, Stromnetze, Verteidigungstechnologie und Transportkapazitäten werden den Bedarf an Metallen wie Kupfer, Aluminium oder Nickel deutlich erhöhen.
Gleichzeitig begrenzen langwierige Genehmigungsverfahren, steigende Förderkosten sowie politische Unsicherheiten das Angebot. Bis ein neu entdecktes Rohstoffvorkommen die Produktion aufnimmt, vergehen mitunter zehn Jahre und mehr. Gleichzeitig sinkt seit Jahren beispielsweise der Anteil von Kupfer im Gestein der Minen, was die Kosten erhöht. Diese Entwicklungen können mittelfristig zu anhaltendem Preisdruck führen.
Energiewende als struktureller Treiber
Noch stärker wirkt sich die globale Transformation der Energieversorgung aus. Der Ausbau erneuerbarer Energien, der Aufbau von Stromspeichern sowie die Elektrifizierung von Industrie und Mobilität sind rohstoffintensiver, als von vielen Investoren bislang angenommen.
Kupfer gilt dabei als Schlüsselmetall der Energiewende. Auch Lithium, seltene Erden und andere strategische Ressourcen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Für die Produktion von Solarmodulen werden große Mengen Silber benötigt. Insgesamt entstehen durch diese Entwicklungen für die Kapitalmärkte langfristige Investmentstorys.
Gold als geopolitischer Stabilitätsanker
Parallel dazu rückt Gold wieder stärker in den Fokus. In Zeiten erhöhter Unsicherheit sind Anleger und Zentralbanken gleichermaßen auf der Suche nach werthaltigen Reserven. Die Diversifikation von Währungsreserven und die Berücksichtigung von Inflationsrisiken sorgen für eine stabile strukturelle Nachfrage. Vor allem das Misstrauen gegenüber dem US-Dollar hat durch die Beschlagnahmung der russischen Devisenreserven im Ausland und die steigenden Schulden der USA spürbar zugenommen.
Gold kann in Portfolios daher eine doppelte Funktion erfüllen: einerseits als Absicherung gegen politische Risiken und andererseits als potenzieller Schutz vor Kaufkraftverlust. Allerdings bedeutet eine steigende Inflation auch immer wieder höhere Zinsen, was Goldanleger nicht mögen.
Wie Anleger vom Rohstofftrend profitieren können
Für Investoren stellt sich weniger die Frage, ob Rohstoffe an Bedeutung gewinnen, sondern wie sich dieser Trend sinnvoll abbilden lässt. Eine Möglichkeit sind breit diversifizierte Rohstofffonds oder ETCs, die mehrere Segmente kombinieren und somit zyklische Schwankungen reduzieren können.
Darüber hinaus ermöglichen Aktien von Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette – etwa aus den Bereichen Bergbau, Energieinfrastruktur oder Rohstofftechnologie – eine indirekte Beteiligung an der steigenden Nachfrage. Auch eine strategische Beimischung von Gold kann dabei helfen, Portfolios robuster gegenüber geopolitischen und makroökonomischen Risiken aufzustellen.








Strategischer Baustein, statt kurzfristiger Trade
Ob tatsächlich ein neuer Rohstoff-Superzyklus bevorsteht, wird sich erst mit der Zeit zeigen. Eines ist jedoch klar: Die Kombination aus geopolitischer Neuordnung, Energiewende und wachsendem Infrastrukturbedarf wird die Rahmenbedingungen der Kapitalmärkte nachhaltig verändern.
Für langfristig orientierte Anleger könnte es sich daher lohnen, eine lange Zeit unterschätzte Anlageklasse wieder stärker als strategischen Portfoliobaustein zu betrachten.
Über den Autor

Nach Stationen bei der BW-Bank und bei Oddo BHF ist Michael Benz Anfang 2025 zur Qcoon-Gruppe gewechselt. Dort ist er im Single Family Office tätig und übernimmt Aufgaben in der Multi-Family-Office-Einheit.