Wir stehen am Beginn eines neuen Zeitalters. Die von regel-basiertem Multilateralismus geprägte Nachkriegsära wird abgelöst durch eine Zeit, die bestimmt ist von multipolarer Rivalität und einem daraus resultierenden Anstieg geopolitischer Spannungen in einer zunehmend unsicheren Welt. Im Zentrum dieser multipolaren Rivalität steht der Kampf zwischen den USA und China um die Vorherrschaft. Dabei geht es in erster Linie um die Technologieführerschaft – insbesondere im Bereich künstliche Intelligenz (KI). Der Kampf der Supermächte um die digitale Vormachtstellung umfasst auch den Wettbewerb um die Ressourcen, die für den Aufbau der KI-Wirtschaft benötigt werden. Der fragile Waffenstillstand im Handelskonflikt deutet auf ein hochgradig angespanntes Umfeld hin, in dem die „Ressourcensouveränität“ zum entscheidenden Faktor wird.

Die Erosion des Multilateralismus und der damit verbundenen Schutzmechanismen einer globalisierten, regelbasierten Weltordnung treibt einen strukturellen Wandel hin zu mehr Regionalismus voran. Mittelmächte versuchen, kritische Industrien und Lieferketten vor Eingriffen von außen zu schützen. Im politischen Diskurs entwickelter Volkswirtschaften sind Konzepte wie Reshoring und Friend-Shoring mittlerweile zu zentralen Themen geworden. Doch Regierungen wollen die Produktion sofern möglich wieder ins eigene Land zurückholen. Sie wollen ihre strategische Unabhängigkeit stärken – von der Energie- und Lebensmittelversorgung über kritische Rohstoffe und das Finanzsystem bis hin zu den Lieferketten.

Die Abkehr der USA von ihrer Rolle als globale Ordnungsmacht hin zu einem „America First“-Ansatz verstärkt das Streben nach strategischer Autonomie. Regierungen erhöhen die Staatsausgaben für Verteidigung und Infrastruktur und richten ihre Wirtschaft auf die Chancen der Zukunft aus.

Wettlauf um Energie und kritische Rohstoffe

Bislang war Öl der Motor der Wirtschaft. Heute sind es Daten. KI, Quantencomputing und Cybersicherheit werden dabei eine Schlüsselrolle spielen. Zudem werden sich in der Wirtschaft von morgen neue Chancen im Weltraumsektor eröffnen.

Eine besonders wichtige Rolle spielen hier die Infrastruktur und die Ressourcen, die für eine datengetriebene elektrifizierte Wirtschaft benötigt werden. Die Sicherung des Zugangs zu Energie und kritischen Rohstoffen, einschliesslich seltener Erden, wird für Regierungen zu einer zunehmend wichtigen wirtschafts- und industriepolitischen Priorität. Regionen wie Europa stehen aufgrund der ungleichen Verteilung dieser kritischen Rohstoffe vor besonderen Herausforderungen.

Mit dem Voranschreiten der Energiewende von fossilen Brennstoffen hin zur Elektrifizierung kommt es zu einer grundlegenden strukturellen Veränderung bei der Rohstoffnachfrage, mit weitreichenden Folgen nicht nur für die wirtschaftliche Resilienz und die Inflationsentwicklung in aller Welt, sondern auch für den geopolitischen Einfluss der einzelnen Länder.

Zunehmende Ressourcenknappheit

Die Weltwirtschaft hat sich als bemerkenswert robust erwiesen, selbst angesichts des grössten Energieschocks aller Zeiten. Gleichwohl bleibt sie anfällig für immer häufigere und schwerere Angebotsschocks. Dieses unsichere Umfeld dürfte zu stärkeren Preisschwankungen führen, kurzfristig noch verschärft durch die „Techflation“, also den zunehmenden Inflationsdruck durch die Nachfrage nach Rohstoffen für den KI-Boom. 

Längerfristig sollte sich KI positiv auf die Produktivität auswirken und disinflationär wirken. Allerdings treiben Ressourcenknappheit, Deglobalisierung, demografischer Wandel, Dekarbonisierung und die Dominanz der Fiskalpolitik gleichzeitig die Inflation nach oben. 

Die Ressourcenknappheit wird zusätzlich dadurch verschärft, dass Unternehmen in einen neuen Investitionszyklus eintreten, um sich an die aufkommende Welt der agentischen KI anzupassen. Zugleich müssen die Staaten Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung, die technologische Transformation und demografiebedingt steigende Sozialausgaben finanzieren. Die Folge ist ein Wettbewerb um Kapital, mit dem sowohl die Ambitionen der Unternehmen als auch die politischen Prioritäten der Staaten finanziert werden sollen – mit Auswirkungen auf die Finanzierungskosten.