DAS INVESTMENT: Herr Arning, Sie haben bereits im Alter von zehn Jahren einen Silberbarren gekauft. Was hat Sie zu dieser Entscheidung animiert? Und hat sich dieses Investment ausgezahlt?
Dirk Arning: In den späten 1970er Jahren war Silber auch bei Privatanlegern ein allgegenwärtiges und kein so exotisches Thema wie es heute erscheint; Stichwort: Silber-Spekulation der Brüder Hunt. Einen Silberbarren konnte man als Zehn- oder Elfjähriger im buchstäblichen Sinne schon begreifen. Aktien waren in dem Alter wohl noch zu abstrakt; damit habe ich erst ein paar Jahre später angefangen.
Wenn ich auf dem Höhepunkt der Spekulationsblase ausgestiegen wäre, hätte ich meinen Einsatz mehr als verdoppelt. Aber ich habe den Silberbarren heute noch – als stete Mahnung, lieber antizyklisch, also gegen die vorherrschende Meinung zu handeln. Rückblickend hat es sich ausgezahlt, diese Lektion schon als Zwölfjähriger gelernt zu haben.
Welche Fehler begehen Anleger aus Ihrer Sicht am häufigsten, wenn Sie in Rohstoffe investieren? Beziehungsweise womit sollten sie bei Rohstoff-Investments rechnen?
Arning: Gerade das Thema Rohstoffe bietet immer wieder „Verknappungs-Märchen“: Der Menschheit geht das Öl aus, Lithium ist knapp und Seltene Erden gibt es nur in China. Wie bei anderen Investments auch, sind allzu einfache Storys meistens falsch. Bei Rohstoffpreisen sollten Anleger meines Erachtens von einer langfristigen realen Mittelwertrückkehr ausgehen. Mit dem richtigen Timing kann man gute Ergebnisse erzielen. Da sich aber viele Einflussfaktoren überlagern, sind Prognosen sehr schwierig.
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Sie sagen, dass Rohstoffe dazu neigen, zum Mittelwert zurückzukehren. Würden Sie bitte erläutern, was Sie damit meinen?
Arning: Typischerweise gehen von einem stark gestiegenen Rohstoffpreis hohe Anreize aus, die Produktion zu erhöhen. Exploration und Erschließung kosten viel Zeit und Geld. In Anlehnung an das Modell des Schweinezyklus kommt es mit einem Verzögerungseffekt zu einem steigenden Angebot, was den Preis dann wieder drückt.
Wenn man sich lange Zeitreihen mit Rohstoffpreisen ansieht, kommt man zu dem Eindruck, dass sie um einen Mittelwert pendeln, der sich ungefähr wie das allgemeine Preisniveau verhält, also um die Inflationsrate steigt. Real, also inflationsbereinigt, läge der Erwartungswert für die langfristige Rendite aus Rohstoffen damit nahe Null. Bei Rohstoff-Aktien dürft es etwas besser aussehen. Aber auch da ist das Timing entscheidend.
Welche Besonderheiten sollten Anleger beachten, wenn sie in Rohstoffe investieren möchten, Stichwort der eben schon erwähnte „Schweinezyklus“?
Arning: Wer mit dem Zyklus investieren will, muss den Markt engmaschig beobachten. Wie immer bei prozyklischen Investments muss man schnell genug auf Aufwärtstrends aufspringen. Und später sollte man sich zumindest gedanklich schon mal auf die Verkäuferseite stellen, wenn die Euphorie viele zu Käufen veranlasst.
Spätestens auf den Trendbruch sollte man mit dem Ausstieg reagieren. Und der Trendbruch kommt früher oder später immer. Wer es ruhiger angehen will, sollte als antizyklischer Investor bei Rohstoffen viel Geduld mitbringen.
Bezüglich Rohstoff-Aktien gilt: Wenn die Produzenten ihre freien Cashflows in die Ausweitung ihrer Kapazitäten investieren, weil die Rohstoffpreise gestiegen sind, ist es eigentlich schon zu spät. Historisch gesehen war es besser, vorher zu investieren, also während der Investitionsflauten. Dann sind diese Aktien unpopulär, bieten aber ein besseres Chance-Risiko-Verhältnis als später.
Inwieweit haben geopolitische Faktoren einen Einfluss auf Rohstoffe?
Arning: Ein offensichtliches Beispiel ist die Rolle der Opec für den Ölpreis. Ein jetzt aktuelles Beispiel liefert Gold: Während private Gold-Anleger auf den Goldpreisanstieg mit Gewinnmitnahmen reagierten, traten Zentralbanken verstärkt als Käufer auf. Sie waren für den Anstieg auf neue Rekordhöhen verantwortlich. Während private Marktteilnehmer mit Gewinnerzielungsabsicht handeln, agieren staatliche Marktteilnehmer aus politischen Motiven. Oft sitzen sie am längeren Hebel.
In einem Vortrag neulich sagten Sie, dass Rohstoff-Investments positive Diversifikationseffekte, besonders gegenüber Anleihen, haben. Warum ist das so?
Arning: Einzelne Rohstoffe mögen zu Aktien eine geringe Korrelation aufweisen, beispielsweise Gold. Wenn man aber die Korrelationen von Rohstoffpreisindizes zu Aktienindizes berechnet, wird man meistens eine positive Korrelation feststellen. Als Aktienanleger muss ich also damit rechnen, dass Aktien und Rohstoffe gleichzeitig verlieren.
Gegenüber Anleihen hat sich langfristig eine negative Korrelation gezeigt. Eine gegenläufige Kursentwicklung würde die Wertentwicklung eines Gesamtportfolios natürlich stabilisieren. 2022, als Aktien und Anleihen gleichzeitig ein schlechtes Jahr hatten, erwiesen sich Rohstoffe als gute Depotbeimischung: Der Bloomberg Commodity Index verzeichnete im Kalenderjahr einen Anstieg um rund 14 Prozent.
Sind Rohstoffe aus Ihrer Sicht ein stabiles Investment?
Arning: Im Gegensatz zu verzinslichen Anlagen sind Rohstoffe ein Sachwert und bieten insofern einen gewissen Inflationsschutz. Ich spreche ja von einer realen Mittelwertrückkehr, also inflationsbereinigt. Reicht das, um ein „stabiles Investment“ zu sein? Lassen Sie mich klar sagen: Langfristig sind Rohstoffe der Anlage in Produktivvermögen, also Aktien, unterlegen.
Im Zusammenhang mit Rohstoffen wird häufig von einem sogenannten „Super-Zyklus“ gesprochen. Was ist damit gemeint? Und was ist der Unterschied zu „super zyklisch“?
Arning: Das Wort „Super-Zyklus“ meint ja im lateinischen Wortsinn „jenseits/über einen normalen Zyklus hinausgehend“. Bei jedem zyklischen Rohstoffpreisanstieg der Vergangenheit gab es Stimmen, die den Preisanstieg für dauerhaft erklärten – und sich irrten.
Was sagen Sie zu den jüngsten Preisanstiegen bei Gold und Kupfer?
Arning: Der Kupferpreisanstieg ist insofern bemerkenswert, als dass sich die Weltwirtschaft ja nicht gerade in einem Boom befindet. Hier dürfte wirklich das knappere und teurere Angebot eine Rolle spielen, also die stark steigenden Produktionskosten.
Allerdings konnte der Kupferpreis zuletzt das Rekordniveau nicht halten. Die Entwicklung bleibt spannend. Und das gilt auch für die Edelmetalle einschließlich Gold: Wie gesagt, waren Zentralbankkäufe entscheidend für die Rekordjagd. Allein darauf zu setzen, erscheint mir für die Zukunft gewagt. Ich sehe bei den anderen Edelmetallen Aufholpotenzial, auch weil dort die industrielle Nachfrage wichtig ist. Aber wer Rohstoffe antizyklisch kauft, muss Geduld mitbringen.
Über den Interviewten:
Dirk Arning ist Vorstand bei Drescher & Cie.