Ronald-Peter-Stöferle

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Ronald-Peter Stöferle: „Bei Gold sehen wir alles andere als Euphorie“

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DAS INVESTMENT.com: Welche Trends beobachten Sie gerade am Goldmarkt?

Ronald-Peter Stöferle:
Ich glaube, dass die seit September 2011 laufende Korrektur starke Ähnlichkeiten zur Mid-Cycle-Korrektur zwischen 1974 und 1976 aufweist. Diese Phase ähnelte der aktuellen Phase besonders aufgrund der ausgeprägten Disinflation, steigender Realzinsen und eines extrem hohen Pessimismus hinsichtlich Goldinvestments. Für mich als antizyklisch orientierten Investor ist dies ein attraktiver Einstiegszeitpunkt.

DAS INVESTMENT.com: Nach dem April-Preisrutsch könnte man meinen, dass insbesondere institutionelle Anleger den Preistrend beim Gold bestimmen. Ist es für Sie wichtig, den Kontakt zu diesen zu halten beziehungsweise deren Investitionsverhalten besonders im Blick zu haben? Bevorzugen Sie derzeit andere Edelmetalle als Gold?

Stöferle:
Definitiv. Sieht man sich das "smart money" anhand des Commitment of Traders-Reports an, so zeigt sich derzeit – aus der Perspektive des Contrarians – ein klar positives Bild. Der Terminmarktreport bestätigt, dass innerhalb der letzten Monate enorm viel Spekulation aus dem Sektor gewichen ist. Das aktuell steigende Interesse des smart moneys (Commercials) bestätigt dies. Die Commercials haben ihre Short-Positionen deutlich reduziert. Sie halten nun die geringsten Short-Bestände seit 2005. Dies bedeutet, dass die größten und am besten finanzierten und informierten Händler sich somit für höhere Goldpreise positioniert haben.

Im Vergleich zum August des Vorjahres, haben die „large speculators“ ihre Netto-Long Positionen um 60 Prozent verringert. Ähnliches gilt auch für die „small speculators“, die gemeinhin als „dumb money“ tituliert werden. Sie haben in einer regelrechten Verkaufspanik ihre Positionen auf den geringsten Stand seit 2001 liquidiert. Dies signalisiert meiner Meinung nach einen attraktiven antizyklischen Einstiegszeitpunkt. Die derzeitige Konstellation am Terminmarkt ist ein Rezept für eine ausgeprägte Preis-Rally.

DAS INVESTMENT.com: Wird der Goldpreis sich dieses Jahr noch erholen? Unter welchen Umständen ist eine Rückkehr über die 1.600-Dollar-Marke möglich?

Stöferle:
Im Zuge des Preiskollapses im April wurde massiver technischer Schaden angerichtet. Ich bin deshalb der festen Überzeugung, dass die Reparatur des Chartbildes einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Aufgrund des extrem negativen Sentiments, der eindeutig positiv zu interpretierenden CoT-Daten und des derzeit drehenden MACD-Histogramms, gehe ich davon aus, dass derzeit ein Doppelboden ausgebildet wird. Aus saisonaler Sicht dürfte bis August wenig Momentum zu erwarten sein.

Was die Stimmungslage betrifft, so sehen wir bei Gold alles andere als Euphorie. Skepsis, Angst und Panik sind nie der Endpunkt einer langfristigen Hausse. Deshalb gehe ich davon aus, dass mein bereits vor einigen Jahren formuliertes Langfrist-Ziel von 2.300 US-Dollar je Unze weiterhin realistisch ist.

DAS INVESTMENT.com: Welche „Game Changer“ könnten künftig den Goldpreis maßgeblich beeinflussen? Sind es die Zentralbanken, die zunehmend aufkaufen?

Stöferle:
Gemäß Austria Business Cycle Theory steigen im Zuge des Inflationierungsprozesses zuerst die Preise von Kapitalgütern (=Asset Price Inflation), während die Verbraucherpreisinflation (=Teuerung) erst später einsetzt. Die derzeit stattfindende Asset Price Inflation ist an vielen Symptomen erkennbar. Die Preise für Antiquitäten, teure Weine, Oldtimer aber auch Immobilien und Aktien stiegen zuletzt stark an. Insofern denke ich, dass sobald die Verbraucherpreisinflation wirklich startet, der Goldpreis wieder deutlich an Momentum aufnehmen wird.

Die Notenbanken spielen sicherlich eine Rolle, sind aber für die Preisentwicklung nicht entscheidend. Im letzten Jahr beliefen sich die Notenbankkäufe auf 534 Tonnen. Dies bedeutet den höchsten Wert seit 1964. Besonders die Schwellenländer zeigen vermehrtes Selbstbewusstsein hinsichtlich der eigenen (wirtschafts-) politischen Stärke, andererseits aber auch steigendes Misstrauen gegenüber den etablierten Reservewährungen.

Aufgrund zahlreicher Daten gehe ich davon aus, dass die chinesische Zentralbank ihre Goldbestände derzeit massiv ausbaut und über weitaus höhere Reserven, als die offiziell ausgewiesenen 1.054 Tonnen, verfügt. Ich halte es für realistisch, dass China mittlerweile über 4.000-6.000 Tonnen und damit die zweithöchsten Goldbestände weltweit verfügt.

DAS INVESTMENT.com:
Was sollte man derzeit kaufen: Goldaktien oder doch lieber den Barren? Warum?

Stöferle:
Grundsätzlich möchte ich betonen, dass ich Gold als Währung und somit Form des Sparens sehe, während Goldaktien ein Investment sind. Goldaktien sind derzeit eine extrem antizyklische Spekulation mit starker Hebelwirkung auf den Goldpreis. Es gibt keinen Sektor, der seitens der Investment-Community stärker untergewichtet wird.

So notiert zum Beispiel der Barrons Gold Mining Index derzeit auf dem niedrigsten Stand in Relation zu Gold seit mehr als 70 Jahren. Die derzeit stattfindende Fokussierung auf Kapitaldisziplin und Rentabilität ist eine wesentliche – wenngleich auch sehr späte – Einsicht des Sektors. Ob diese neue Fokussierung ein reines Lippenbekenntnis darstellt, oder nicht, wird sich in den nächsten Quartalen weisen.

DAS INVESTMENT.com: Der kleine Bruder: Wie sehen Sie Silber-Investments? Hat das Edelmetall derzeit/von Zeit zu Zeit Investitionsvorteile gegenüber Gold?

Stöferle:
Bezüglich anderer Metalle muss ich Mut zur Lücke beweisen. Ich analysiere in erster Linie Gold und sehe Silber als „volatile Ableitung“ auf Gold. Nur Gold und Silber haben (aufgrund ihres hohen stock-to-flow-Ratios) einen monetären Charakter, Palladium oder Platin hatten niemals eine monetäre Bedeutung.

Nachdem wir derzeit weiterhin starke deflationäre Kräfte sehen, denke ich, dass kurz-und mittelfristig Gold auf relativer Basis besser performen wird als Silber (das heißt das Gold/Silber-Ratio wird steigen). Längerfristig, denke ich, dass Silber das attraktivere Chance/Risikoprofil aufweist. Allerdings benötigt man hier – aufgrund der enormen Volatilität – Nerven wie Drahtseile.

DAS INVESTMENT.com: Was ist Ihrer Meinung nach das größte Vorurteil/Missverständnis in Bezug auf Gold, das im breiten Markt besteht?

Stöferle:
Ich glaube die Tatsache, dass Gold als Rohstoff gesehen wird ist das größte Missverständnis im Goldsektor. Ich sehe Gold als monetäres Gut. Als Geld, dass sich im Laufe der Menschheitsgeschichte in einem mehr als 5000-jährigen „trial and error“-Prozess als optimales Geld durchgesetzt hat.

Jährlich wächst der Goldbestand um circa 1,5 Prozent und somit weitaus langsamer als alle Geldmengenaggregate rund um den Globus. Das Wachstum entspricht in etwa dem Bevölkerungswachstum. Das Vertrauen in die aktuelle und zukünftige Kaufkraft von Geld hängt maßgeblich davon ab, wie viel Geld derzeit vorhanden ist und wie sich die Quantität im Laufe der Zukunft verändern wird.

Vergleicht man dies mit der derzeitigen monetären Großwetterlage, so erkennt man die relative Knappheit in Relation zu beliebig vermehrbaren Fiat-Currencies. Das aktuelle Quantitative Easing (QE)-Programm ist der massivste Put, den Ben Bernanke bislang geschrieben hat. Sowohl Umfang der Aanlagekäufe als auch zeitlicher Horizont sind unbegrenzt. Auch die Bank of Japan wird zunehmend expansiv und verdoppelt innerhalb der nächsten zwei Jahre die Geldmenge, um 2 Prozent Teuerung zu produzieren.

In Relation zur Wirtschaftsleistung ist das japanische QE-Paket in Höhe von 7,5 Billionen Yen pro Monat circa doppelt so groß wie in den USA. Addiert man die monatlichen (!) QE‘s der USA und Japans, so werden mitttels neu geschöpftem Zentralbankgeld Anlagen im Ausmaß von 160 Milliarden US-Dollar gekauft. Dies entspricht zum Vergleich deutlich mehr als der jährlichen Goldminen-Förderung mit einem Gegenwert von aktuell 125 Milliarden US-Dollar (2.700 Tonnen).

Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass das fundamentale Argument für Gold überzeugender denn je ist. Es gibt keinen „backtest“ für die derzeitige Episode des Finanzwesens. Noch nie haben auf globaler Basis dermaßen gewaltige monetäre Experimente stattgefunden. Wenn es jemals Bedarf an monetärer Versicherung gegeben hat, so ist es heute.

DAS INVESTMENT.com: Ihr liebster Gold-Gegenstand: Der Barren im Tresor, die Gold-Armbanduhr oder…?

Stöferle:
Der goldene Weltmeisterschaftspokal für das österreichische Fußballnationalteam.

DAS INVESTMENT.com: Was und wann war Ihre erste Begegnung mit einem Gold-Investment?

Stöferle:
Die Golddukaten die ich jedes Jahr von meinen Großeltern zu Weihnachten bekam. Die Generation meiner Großeltern hat eine wesentlich höhere Goldaffinität, da sie mehrere Währungsreformen durchleben mußte.


Teil 1 der Gold-Serie mit Thorsten Polleit, Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel, lesen Sie hier.

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