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Roundtable-Gespräch Teil 3 6 Multi-Asset-Experten im Interview: „Als Kerninvestment ist Long-short ungeeignet“

Zum Roundtable-Gespräch versammelt- von links nach rechts: Dan Sauer (Nordea), Thomas Hammer (Main First), Timo Carstensen (Gothaer AM), Klaus-Dieter Erdmann (MMD), Hauke Hess (Veritas), Dennis Bützer (Bank J. Safra Sarasin). Foto: Piotr Banczerowski
Zum Roundtable-Gespräch versammelt- von links nach rechts: Dan Sauer (Nordea), Thomas Hammer (Main First), Timo Carstensen (Gothaer AM), Klaus-Dieter Erdmann (MMD), Hauke Hess (Veritas), Dennis Bützer (Bank J. Safra Sarasin). Foto: Piotr Banczerowski
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DAS INVESTMENT: Immer mehr Fonds nutzen Long-short-Strategien, bei denen man nicht nur von steigenden, sondern auch von fallenden Kursen profitieren möchte. Ist dies das Konzept der Zukunft – etwa um Portfolios abzusichern?


Thomas Hammer: Ein Allheilmittel ist Long-short sicherlich nicht. Es gibt aber durchaus Produkte im Markt, die ihre Long-short-Strategie sehr gut umgesetzt haben. Das hängt unseres Erachtens nach stark vom speziellen Können des Portfoliomanagers ab. Die Long-short-Debatte scheint insgesamt eher trendgetrieben. Dabei kommt bisweilen ein wenig zu kurz, dass man auf der Long- wie der Short-Seite Verluste erleiden kann.

Dan Sauer: Das stimmt, und wir würden niemals gegen einen Markt wetten – das kann sehr teuer werden. Wir legen unseren Zielkorridor so fest, dass ein Anleger über einen rollierenden Zeitraum von drei Jahren kein Minus macht. Sicherlich: Im ersten Quartal 2015 hatten alle Mischfonds derart Luft unter den Flügeln, dass wir unser konservatives Konzept ständig verteidigen mussten – aber unser Fonds heißt ja nicht Most Agressive Return, sondern Stable Return. Ein Jahr später hat sich das Blatt komplett gewendet, wir stehen vergleichsweise komfortabel da. Und ob uns hier Long-short- oder andere Hedgefonds-Strategien nennenswert helfen würden, wage ich zu bezweifeln.

Dennis Bützer:
Das sehen wir auch so. Als Kerninvestment sind solche Strategien nicht geeignet, vielleicht hier und da als Satellit zu Diversifikationszwecken. Aber auch in der historischen Betrachtung haben viele dieser Konzepte nicht gehalten, was sie versprochen haben – vor allem nicht in Krisenszenarien. Wir hatten das Thema eingangs schon berührt: Allem voran haben sich viele Absolute-Return-Ansätze doch nicht als so stark erwiesen, wie sie es eigentlich versprochen haben.

Klaus-Dieter Erdmann: Die damit zusammenhängende Anleger-Enttäuschung ist dann leider auch wieder Wasser auf die Mühlen militanter ETF-Befürworter. Die in der Öffentlichkeit weit verbreitete These ist ja, dass aktives Management keinen Mehrwert erzeugt. Ich denke, dass in den kommenden Jahren diese Diskussion stark versachlicht werden muss, dazu sollten die Fakten auf den Tisch.

Hauke Hess: Auf jeden Fall – denn das Risiko von passiven Investments wird gern unterschlagen. Je mehr ETFs in den Markt drängen, insbesondere die Faktor-ETFs, desto gefährlicher wird es, wenn darunter marktilliquide Produkte mit Stop-loss-Orders bei Marktkorrekturen mal locker 40 Prozent unter ihrem Wert ausgeführt werden. Das ist im vergangenen Jahr bereits geschehen – und diese Erfahrungen wünsche ich wirklich keinem Kunden.

Sauer: Hier ist einmal mehr der wohlgemeinte Hinweis zu platzieren, dass Vergangenheitsperformance kein Garant für zukünftige Entwicklungen ist. Das gilt gerade im aktuellen Marktumfeld. Wenn man über zehn Jahre in einen ETF investiert hätte, der zu 50 Prozent aus dem Dax und zu 50 Prozent aus Bundesanleihen bestanden hätte, sähe die Performance in der Rückschau sehr passabel aus. In Zukunft bieten Bundesanleihen keinerlei risikolose Zinsen, eher ein zinsloses Risiko. Das kann keine akzeptable Lösung mehr sein.

Bützer: Da möchte ich noch einen Punkt ergänzen: Wenn Sie über die vergangenen Jahre passiv in einen europäischen Staatsanleihen-Index investiert haben, mutet das zunächst als sehr sicheres Investment an. Durch die Hintertür haben sich allerdings de facto 40 Prozent europäische Peripherie-Staatsanleihen in Ihr Portfolio geschlichen – und damit dreifach-B-geratete Anleihen. Nur ein aktives Management könnte da wirksam gegensteuern.

Timo Carstensen: Hier ist auch der Berater in der Pflicht, über die Zusammenhänge aufzuklären und für Kunden Transparenz zu schaffen. Das gilt natürlich auch für die Ermittlung, wofür ein Fondsinvestment eigentlich gedacht ist: Etwa für die Altersvorsorge, für einen Hauskauf in vier Jahren oder was auch immer. Anders gesagt: Der Anlagehorizont muss mit dem Produkt übereinstimmen, und der Anleger muss wissen und verstehen, was er in puncto Rendite und Kursschwankungen erwarten kann. Und noch etwas ist ganz wichtig: Der Kunde muss mit uns den eingeschlagenen Weg durchhalten. Wenn man einen Anlagehorizont von fünf Jahren veranschlagt, bringt es nichts, wenn er nach einem halben Jahr sagt, der Fonds liegt gerade ein bisschen hinter der Benchmark, jetzt steige ich aus.

Die Realität ist aber, dass vielfach noch prozyklisch und nach aktueller Performance-Rennliste verkauft wird.


Hess: Das ist sicherlich richtig. Wobei die Sache ja auch nicht ganz unkompliziert ist: Der verantwortungsvolle Makler muss Langeweile verkaufen. Und ein Anleger muss schon ein paarmal nachts mit Schweiß auf der Stirn aufgewacht sein und gedacht haben: „Oh Gott, was ist mit meiner Altersvorsorge“, bevor er weiß, was ein ruhiger Nachtschlaf wert ist. Wenn er eine solche Situation noch nie erlebt hat, weil er vielleicht noch keinen Zugang zum Kapitalmarkt gefunden oder keine schlechten Erfahrungen gemacht hat, ist er sicherlich schwerer von dieser Linie zu überzeugen. Doch wir sagen immer: Kauf dir lieber einen langweiligen Fonds und einen Gutschein bei Jochen Schweizer. Dann hast du Aufregung an der richtigen Stelle und kannst trotzdem nachts gut schlafen.

Sauer: Wobei Volatilität und Risiko in der öffentlichen Debatte schnell verwechselt werden. Wenn ich mir den historischen Dax-Verlauf anschaue, hat dieser über längere Zeiträume zwischen 7 bis 8 Prozent Performance erzielt. Ab einem rollierenden 14-Jahres-Zeitraum liegt man mit dem Dax immer im Plus. Und für einen langweiligen Fonds ist es sehr schwierig, hier Schritt halten zu wollen. Wäre es anders, wäre der Fonds mit seinem Risikomanagement alles andere als langweilig aufgestellt. Das heißt: Wenn jemand 20 Jahre alt ist und einen langen Zeithorizont für seine Anlage mitbringt, sollte er wohl nicht nur die langweiligsten aller Produkte in seinem Portfolio haben. Das sage ich, obwohl der Nordea 1 – Stable Return Fund in diesem Jahr nicht einen Tag im Minus war. Doch es gehört zum Investieren einfach dazu, dass die Kurse schwanken.

Erdmann: Andererseits gilt es aber auch, Murphy’s Law zu berücksichtigen – ich brauche immer dann gerade Geld, wenn die Kurse unten sind. Da ist dann ein Portfolio mit 100 Prozent Aktienanteil und dem vollem Risiko wohl nur den allerwenigsten zu empfehlen. Es gibt natürlich auch Menschen, die die höchste Rendite suchen und versuchen, daraus ihren Wohlstand zu mehren. Manche haben augenscheinlich auch das Bestreben, der reichste Mann auf dem Friedhof zu werden. Aber das ist nicht das, was ich meinen Kunden als Anlageziel empfehle.

Bützer: Und ich halte es für sehr wichtig, bei den eingegangenen Risiken zu differenzieren. Zur Erklärung kann man einen prototypischen institutionellen Anleger heranziehen, der einen unendlichen Zeithorizont hat: eine Stiftung. Selbst dieser kann man nicht empfehlen, zu 100 Prozent in Aktien zu investieren. Und die reflexartige Reaktion auf das Niedrigzinsumfeld, Risiken wahllos zu erhöhen, kann auch nicht der richtige Ansatz sein. s gibt Risiken, die auch in der langen Frist nicht kompensiert werden. Bei Ausfallrisiken können sie nicht warten, bis das Verlorene wiedergewonnen ist. Denn da kommt nichts mehr. Es bleibt also dabei, und so war es schon immer: Man muss selektiv und vor allem kontinuierlich analysieren und überlegen, was man im Portfolio hat, ob man sich aller Risiken bewusst ist und darüber hinaus für bewusst eingegangene Risiken genügend entschädigt wird. Klar ist jedoch auch: Im Niedrigzinsumfeld kann man es sich nicht erlauben, potenzielle Renditequellen außer Acht zu lassen – das ist ohne eine aktive Asset-Allokation und einen aktiven, Bottom-up-getriebenen Aktien-Selektionsansatz wohl kaum möglich.

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