Der Vermögensverwalter der Allianz-Versicherungsgruppe, Allianz Global Investors (AGI), nimmt Rüstungsaktien in seine als nachhaltig deklarierten Fonds nach Paragraf 8 der EU-Verordnung „Sustainable Finance Disclosure Regulation“ (SFDR) auf.

Man habe seine Ausschlusskriterien für Verteidigungsunternehmen in nachhaltigen Fonds überprüft und angepasst, heißt es vom Unternehmen. Die Eigenanlagen der Allianz-Versicherung seien hiervon nicht betroffen, erklärt ein AGI-Sprecher auf Nachfrage von DAS INVESTMENT.

Allianz Global Investors mit Paradigmenwechsel

Als Begründung nennt AGI die Einstellung zum Verteidigungssektor in Europa, die sich nach dem anhaltenden Konflikt in der Ukraine und anderen geopolitischen Entwicklungen grundlegend gewandelt habe. „Die Nato-Mitglieder in Europa werden ihre Verteidigungsausgaben erhöhen müssen, wobei private Finanzierung erforderlich sein wird“, heißt es von dem Unternehmen.

Der Verteidigungssektor werde zunehmend als notwendig für die sozioökonomische Entwicklung und Sicherheit in Europa betrachtet. Die bisherigen Ausschlusskriterien seien besonders belastend für westliche börsennotierte Verteidigungsunternehmen gewesen. Dabei schneiden laut AGI viele dieser Unternehmen relativ gut bei verschiedenen ESG- und Nachhaltigkeitskriterien ab.

Was ändert sich genau

Die wichtigste Änderung: Die AGI hebt zwei Ausschlusskriterien für die meisten Artikel-8-Fonds unter der SFDR-Verordnung auf:

  1. Militärausrüstung und -dienstleistungen (bisher durften diese die 10-Prozent-Umsatzschwelle nicht überschreiten)
  2. Nuklearwaffen innerhalb des Atomwaffensperrvertrags (NPT)

Die Ausschlüsse für:

  • Geächtete Waffen (Antipersonenminen, Streumunition, chemische und biologische Waffen)
  • Nuklearwaffen außerhalb des Atomwaffensperrvertrags
  • Waffen mit weißem Phosphor und abgereichertem Uran

bleiben hingegen bestehen.

Die Änderungen treten nach Genehmigung durch die jeweiligen Aufsichtsbehörden voraussichtlich im zweiten oder dritten Quartal dieses Jahres in Kraft. Für Artikel-9-Fonds und die folgenden Artikel-8-Fonds bleibt es bei den bisherigen strengeren Ausschlusskriterien:

  • Allianz Euro Oblig Court Terme ISR
  • Allianz Global Floating Rate Notes Plus
  • Allianz Sustainable Multi Asset 75
  • Allianz Best Styles Global Equity SRI
  • Allianz Best Styles Europe Equity SRI
  • Allianz Emerging Markets Equity SRI
  • Allianz Global Sustainability

DAS INVESTMENT befragte über die größte Facebook-Community Deutschlands für Versicherungsvermittler, was diese von dieser Entscheidung und der Argumentation der Allianz-Vermögensverwalter halten. Die Reaktionen fielen sehr unterschiedlich aus – nicht alle Befragten wollten dabei namentlich zitiert werden.

Performance retten

„Vollkommen richtig von der Allianz. Ich kann der Begründung zu 100 Prozent folgen“, schreibt ein Finanzvermittler aus Reinbek bei Hamburg. „Wenn wir die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes, der EU und der Nato sicherstellen wollen, müssen wir viel mehr in Rüstungsgüter investieren“, erklärt auch ein Versicherungsvermittler aus der Region Hannover. Das setze dann im Zweifel eben auch voraus, dass wir den entsprechenden Herstellern vollen Zugang zu den Kapitalmärkten ermöglichen, die nun einmal durch institutionelle Anleger dominiert werden.

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„Vor allem hat Rüstung Potenzial und alles Andere schmiert eher ab. Außerdem ist Rüstung wieder en vogue, was soll man sonst machen, um die Performance zu retten?“ fragt ein Allianz-Vertreter aus der Lausitz.

„Nachhaltigkeit und Waffen ein Widerspruch in sich“

Andere befragte Vermittler sehen das indes komplett anders. Wer gern freiwillig in Rüstung investiert, dürfe sich nicht über eine Einladung zur Musterung ärgern, gibt ein R+V-Agenturleiter zu bedenken. „Unabhängig davon, ob Rüstung aktuell nötig ist, widerspricht die Investition in Rüstungsindustrien dem ESG-Grundprinzip des ‚Do not significant harm‘“.

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Auch ohne Kenntnis der Grundprinzipien der Nachhaltigkeit leuchtet es dem gesunden Menschenverstand ein, dass Nachhaltigkeit und Waffen ein Widerspruch in sich sind“, erklärt Andreas Sutter, Abteilungsleiter bei Disphere Protect, der Datenschutz-Einheit beim digitalen Vermarktungsspezialisten Disphere Interactive. Hier spiele neben der geopolitischen Ausgangslage die Waffenlobby eine große Rolle. „Traurig, dass sich die Versicherungswirtschaft hier zumindest in Teilen dem beugt“, sagt Sutter.

„Schwachsinn, Waffen sind weder nachhaltig, noch schaffen Sie Mehrwerte“, erklärt Torsten Weser, ein Versicherungsvermittler aus Elstra in der sächsischen Oberlausitz. Bei den Allianz-Investoren sei auch Nestlé ein nachhaltiges Unternehmen und in den grünen Portfolios vertreten, gibt er zu bedenken. „Die Allianz ist das beste Beispiel dafür, dass ethisch-moralische Grundsätze mal ganz schnell auf dem Altar der Performance geopfert werden, wenn es um Rendite geht“.

„Für mich hat Rüstung – ganz egal, ob zum Angriff oder Abwehr – auch wirklich gar nichts mit Nachhaltigkeit zu tun“, so ein weiterer Vermittler aus Nürnberg.

Haftungsrisiken beim Vermittler

Die Aufnahme von Rüstungsaktien in ESG-Fonds zeige perfekt „den Bullshit des Whitewashings über angeblich grünes Investment“, erklärt Pascal Holz vom Finanzkontor Dinslaken. Denn der Begriff „Nachhaltigkeit“ sei so schwammig definiert, dass letzten Endes alles in diese Fonds hineingepackt werden könnte. „Und wem das dann noch immer nicht reicht, der behauptet, sein Fonds folge einem ‚Best in Class‘-Ansatz und kann dann ausnahmslos alles in die Fonds packen. Ich kenne, Stand heute, keinen einzigen Nachweis, dass grünes Investment irgendeinen positiven Effekt hat“, so Holz. Wer etwas Gutes tun möchte, sollte besser an seinem Konsumverhalten ansetzen.

Außerdem sorge diese Vorgehensweise latent für Haftungsrisiken beim Vermittler, so Holz weiter. Es sei denkbar, dass ein enttäuschter Kunde - beziehungsweise sein Anwalt - im Zuge einer juristischen Auseinandersetzung die tatsächliche Nachhaltigkeit eines als nachhaltig deklarierten Fonds hinterfragt. „Und da kommt ein Waffenhersteller im Portfolio dann vielleicht nicht so gut“.

Gefahr eines Atomkrieges

Ein weiterer Vermittler vergleicht die Argumentation der Allianz mit der Logik, mit der vor wenigen Jahren auch Atomkraftwerke als nachhaltig eingestuft wurden.

„Jeder Krieg der Nato-Staaten gegen Russland, egal wer anfängt, wird am Ende zum Einsatz von Atomwaffen führen“, meint Versicherungsmakler Thomas Jacob. Daher sei die Entscheidung, Atomwaffen & Co. als ESG-konform einzustufen, auf jeden Fall nachhaltig – „aber nicht im Sinne der Menschheit“.