Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die jüngsten Spannungen im transatlantischen Verhältnis haben einen tiefgreifenden Wandel im Finanzsektor ausgelöst. Die Rede von US-Vizepräsident J.D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz, bei der er Europa in Sachen Verteidigung Passivität vorgeworfen hatte, hat nicht nur politische Debatten entfacht – sie ließ auch die Aktienkurse von Rüstungsunternehmen weiter in die Höhe schnellen.
Rüstungsaktien im Höhenflug – was bedeutet das für ESG?
So durchbrach der Kurs des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall im März die Marke von 1.200 Euro. Kurssprünge verzeichneten auch andere europäische Rüstungstitel wie der Sensorhersteller Hensoldt und der Panzerproduzent Renk. Die Aussicht auf prall gefüllte Auftragsbücher durch erhöhte Verteidigungsbudgets in Europa lässt Investoren auf ansehnliche Renditen hoffen.
Eine Übersicht von ETFs, die auf Verteidigung setzen, finden Sie hier.
Aber was bedeutet das für nachhaltig ausgerichtete Fonds, für die die Rüstungsindustrie lange Zeit als Tabu galt?
EU lockert Regeln für nachhaltige Fonds
Eine entscheidende rechtliche Weichenstellung erfolgte im Mai 2024: Seitdem erlaubt die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (Esma) Fonds mit „nachhaltig“ oder „ESG“ im Namen, bis zu 20 Prozent ihres Kapitals ohne Nachhaltigkeitsbeschränkungen zu investieren – und damit auch in Rüstung und Verteidigung. Lediglich völkerrechtlich geächtete Waffen wie Streubomben sowie biologische und chemische Kampfstoffe bleiben tabu.
Dieser Entwicklung folgt auch der deutsche Fondsverband BVI, der sich in seinem ESG-Zielmarktkonzept vom pauschalen Ausschluss der Rüstungsfinanzierung verabschiedete.
Gesellschaftliche Akzeptanz im Wandel
Doch nicht nur in der Branche, auch in der Bevölkerung zeichnet sich ein Meinungsumschwung ab. Einer Verivox-Umfrage zufolge haben die moralischen Vorbehalte gegen Rüstungsinvestments seit Beginn des Ukraine-Krieges deutlich abgenommen. Während 2022 noch 53 Prozent der Befragten solche Geldanlagen aus ethischen Gründen ablehnten, sank dieser Anteil 2024 auf 42 Prozent.
Doch auch wenn die Akzeptanz steigt, grundlegende Fragen bleiben bestehen: Wie definieren wir Nachhaltigkeit in Zeiten globaler Unsicherheit? Und können Waffenhersteller Teil einer verantwortungsvollen Anlagestrategie sein?
ESG und Rüstung – ein No-Go?
Um diese komplexe Thematik zu beleuchten, hat DAS INVESTMENT bereits im September Anbieter von ESG-Fonds nach ihrer Einschätzung gefragt. Damals war sich ein Großteil der Befragten einig, dass Rüstungsunternehmen in ESG-Fonds eher nichts verloren haben.
Aber gilt dies auch noch nach der jünsten Rally bei europäischen Rüstungsaktien und den verschärften geopolitischen Spannungen?
Nicht immer, wie unsere erneute Befragung der Anbieter zeigt. So hatte etwa der Vermögensverwalter Candriam noch im September erklärt, Aktien aus dem Verteidigungsbereich konsequent von ESG-Fonds auszuschließen. Dagegen bietet er nun „eine Reihe unterschiedlicher Investitionsmöglichkeiten im Verteidigungssektor“ an. Candriam unterscheidet dabei zwischen kontroversen und konventionellen Rüstungsgütern und passt die Investments je nach Anlagestrategie an.
Auch Swisscanto vertrat zuvor strenge Ausschlusskriterien, überprüft sein Produktangebot nun jedoch. Fabio Pellizzari, Head of ESG Strategie & Business Development, bestätigt, „dass die Analyse in Bezug auf die geopolitische Lage und mit Blick auf diverse Wirtschaftssektoren, die Rüstungsindustrie miteingeschlossen, andauert“.
Auch die DWS hat ihren Kurs angepasst. Nach Angaben ihres Vorstandsvorsitzenden Stefan Hoops wird sie auf Beschränkungen verzichten, die eine Reihe ihrer Fonds bislang daran hinderten, Rüstungswerte zu halten. Konkret geht es dabei um Fonds, die nach Artikel 8 der EU-Offenlegungsverordnung eingruppiert sind. Zuletzt hatte bereits Allianz Global Investors die Anlagerichtlinien mehrerer Fonds entsprechend geändert.
Rüstungsaktien in ESG-Fonds? Das sagen die Fondsanbieter
Während einige Asset Manager ihre Haltung überdenken, bleiben andere bei ihrer ursprünglichen Position. Welche das sind und wie Sie ihre Haltung begründen, haben wir auf den kommenden Seiten für Sie zusammengefasst.
Deka
„Unser Standpunkt ist, dass in Fonds mit Nachhaltigkeitsmerkmalen keine Rüstungsunternehmen gehören. Deka-Fonds mit Nachhaltigkeitsmerkmalen dürfen daher grundsätzlich nicht in Rüstungskonzerne investieren. Aus Praktikabilitätsgründen wird dabei ein Umsatzanteil von 5 Prozent bei Unternehmen toleriert.“

