Immer wieder ist zu hören, amerikanische Aktien seien überbewertet. Das stimmt zwar in Einzelfällen, gilt jedoch nicht für den breiten Markt, wie die Historie zeigt. So lag das KGV des S&P 500 zwischen 1990 und 2014 im Durchschnitt bei 19 bis 21. Ab 2014 stieg es dann auf 20 bis 25 an.
Unter der Annahme, dass die Gewinne der US-Unternehmen im kommenden Jahr um 12 bis 15 Prozent steigen, würde der S&P 500 ein KGV von 22 erreichen. Dies läge ziemlich genau in der Mitte der Bewertungsspanne der zurückliegenden zehn Jahre. Setzt sich dieses Gewinnwachstum fort, würde das KGV des S&P 500 im Jahr 2027 auf 19 bis 20 sinken. Es läge damit im unteren Bereich der Durchschnittswerte seit 2014. Umgekehrt bedeutet dies, dass die Wall Street im kommenden Jahr um 10 bis 15 Prozent steigen könnte.
Kurzfristig Konsolidierung
Wahrscheinlich muss jedoch erst einmal eine Durststrecke überwunden werden. Es wird wohl noch bis zum zweiten Quartal 2026 dauern, bis sich die Anleger auf die Gewinnaussichten des Jahres 2027 konzentrieren. Das könnte in den nächsten Monaten für eine Seitwärtsbewegung sorgen.
Immerhin hat der S&P 500 seit seinem Tief am Liberation Day Anfang April um rund ein Drittel zugelegt. Nach einer so steilen Rally nehmen Anleger gerne schon einmal Gewinne mit. Allerdings basierte die Rally maßgeblich auf Unternehmen mit KI-Fantasie. Klassische Branchen sind insgesamt nicht gelaufen, daher aber auch deutlich günstiger bewertet.
KI birgt für die Wall Street Risiken und Chancen zugleich. Vor allem Unternehmen, die sich schwerpunktmäßig mit KI befassen oder deren Umsätze stark von KI-Unternehmen abhängig sind, wie beispielsweise Nvidia oder Palantir, verfügen über ein hohes Enttäuschungspotenzial, auch wenn Nvidia zuletzt positiv überrascht hat. Das liegt auch daran, dass sie ausgesprochen hoch bewertet sind. Es reicht schon aus, wenn die Erwartungen des Marktes nur knapp und nicht erheblich übertroffen werden, und der Kurs rauscht südwärts.
Derzeit kommt der Datenspezialist Palantir auf einen Börsenwert von rund 370 Milliarden US-Dollar. CEO Alex Karp erwartet für 2025 einen Jahresumsatz von rund 4,4 Milliarden US-Dollar. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis – nicht das KGV – liegt somit bei atemberaubenden 84. Kein Wunder, dass die Anleger nach der Veröffentlichung der Ergebnisse des dritten Quartals und des Ausblicks für das Gesamtjahr, der nicht gerade überzeugte, die Aktie verkauft haben. Der Kurs ist seit Anfang November um mehr als 20 Prozent gefallen.
Die sehr ambitionierten Bewertungen KI-fokussierter Unternehmen sind nicht das einzige Risiko für die Wall Street. Viele Anleger sind verärgert über die Zirkelgeschäfte. So möchte sich Nvidia beispielsweise umfangreich an Open AI beteiligen. Umgekehrt will der Chat-GPT-Erfinder bei Nvidia im großen Stil KI-Chips kaufen, um seine Rechenkapazitäten zu erweitern. Nvidia finanziert so gewissermaßen selbst sein Geschäft. Richtiges Wachstum sieht anders aus.
Lockerung der Geldpolitik
Außerdem könnten die verhängten Strafzölle und die Schwäche des Dollars einen Rückgang der Inflation verhindern oder diese sogar wieder steigen lassen. In diesem Fall müssten Anleger womöglich bis Mai des kommenden Jahres warten, bis die Amtszeit von Jerome Powell endet und er durch einen Trump-treuen Nachfolger ersetzt wird, von dem eine lockerere Geldpolitik zu erwarten ist. Das spricht ebenfalls dafür, dass es mit erneuten Kursgewinnen an der Wall Street noch bis zum zweiten Quartal 2026 dauern könnte.
Zudem bestehen politische Risiken. So könnte China die Ausfuhren von seltenen Erden erneut drosseln oder sogar komplett stoppen. Dies würde weite Teile der US-Wirtschaft empfindlich treffen. US-Präsident Donald Trump könnte außerdem weitere Alleingänge unternehmen und zusätzliche Strafzölle oder militärische Interventionen ankündigen. Allerdings hat sich die Wall Street mittlerweile an diese Wirrungen gewöhnt.
Diesen Risiken stehen jedoch mindestens ebenso große Chancen gegenüber. Dazu zählt die beschriebene Entwicklung der KGVs. Zudem hat die Dollar-Abwertung auch eine positive Seite. Sie erhöht die von US-Unternehmen im Ausland erzielten Gewinne bei der Umrechnung in die heimische Währung. Das gilt beispielsweise für die großen amerikanischen Techkonzerne, die einen großen Teil ihrer Umsätze außerhalb der USA erwirtschaften.
Diese verdienen zudem mit ihrem angestammten Geschäft bereits ordentlich. Dadurch fallen die Bewertungen hier deutlich moderater aus als bei Unternehmen, die sich schwerpunktmäßig auf KI fokussieren. Nun muss sich zeigen, ob sich die hohen Investitionen der Mag 6 in KI künftig auszahlen. Sollte es hierfür erste Anzeichen geben, sind weitere Kursgewinne zu erwarten, die auch den S&P 500 wieder mit nach oben ziehen würden.
Über den Autor

Markus Lorbach ist seit 2019 bei der Qcoon-Invest tätig. Er arbeitet dort als Senior-Berater im Vermögensmanagement und als Family Officer. Zuvor war der Bankbetriebswirt bei verschiedenen Sparkassen tätig.
