Martin Moryson, Chefvolkswirt von Sal. Oppenheim (Foto: Sal. Oppenheim)

Martin Moryson, Chefvolkswirt von Sal. Oppenheim (Foto: Sal. Oppenheim)

Sal.-Oppenheim-Chefvolkswirt über den EZB-Chef „Mario Draghi öffnet die Tür für ein quantitative Easing“

In Jackson Hole hat der Präsident der EZB, Mario Draghi, eine viel beachtete Rede gehalten. Im Kern ging es um die Fragen: Wie kann der hohen Arbeitslosigkeit in der Eurozone begegnet werden?

Was lässt sich aus den unterschiedlichen Erfahrungen dies- und jenseits des Atlantiks lernen? Und welche Rolle kann die Geldpolitik dabei spielen? Dabei hat der EZB-Präsident die Tür für ein Anleihekaufprogramm der EZB („quantitative easing“) ein Stück weiter geöffnet.

Ausgangspunkt der Überlegungen des EZB-Präsidenten war die Feststellung, dass die Arbeitslosigkeit in der Eurozone das drängendste Problem darstellt, das niemanden kalt lassen könne.

Was kann in der Eurozone getan werden, um diesem Problem zu begegnen? Als gesicherte Erkenntnis kann gelten, dass das Problem auf beiden Seiten der Wirtschaft angegangen werden muss: auf der Angebots- wie auf der Nachfrageseite.

Auf der Angebotsseite wiederholte Draghi seine altbekannten, aber umso berechtigteren Forderungen nach Strukturreformen, insbesondere auf dem Arbeitsmarkt.

Er hob Spanien positiv hervor, wo die Arbeitsmarktreformen von 2012 erste zarte Früchte zeigen. Aber bekanntermaßen führen Strukturreformen allein noch nicht zu mehr Wachstum; es bedarf auch der entsprechenden Nachfrage.

Hier zeigt sich das Dilemma der Eurozone: Während in den USA eine expansive Fiskalpolitik und eine ultra-expansive Geldpolitik die Folgen der Finanzkrise abfedern konnten, waren diesseits des Atlantiks beiden Politikakteuren – letztlich wegen der speziellen Konstruktion der Währungsunion – die Hände gebunden.

Die Auswirkungen dieser unterschiedlichen Politiken kann man recht gut am Bruttoinlandsprodukt (BIP)/Kopf der beiden Währungsräume erkennen. Anders als vielfach angenommen waren die höheren Wachstumsraten in den USA bis 2010 nämlich vor allem auf demographische Unterschiede zurückzuführen.

Aber seit 2011 entwickelt sich das BIP/Kopf in den USA tatsächlich deutlich besser als in der Eurozone. Für die Fiskalpolitik schlug Mario Draghi daher nun vor, die Flexibilität innerhalb der bestehenden Regeln stärker zu nutzen, um Wachstumsimpulse zu setzen.

Damit ist er zwar Frau Merkel nicht in den Rücken gefallen, aber in Rom und Paris wurden diese Töne sicherlich gerne gehört.

Noch interessanter sind aber seine Ausführungen, wie die Geldpolitik die Nachfrage stimulieren kann: Seinen Hinweis auf die im Vergleich zu den USA zu hohen Realzinsen insbesondere für kürzere Laufzeiten kann man dahingehend deuten, dass er den Boden für eine Debatte um weitere expansive Maßnahmen bereiten will.

Mit den schwachen Konjunkturdaten – nicht zuletzt aus Deutschland – und der weiter rückläufigen Inflationsrate wird eine quantitative „Easing“ der EZB immer wahrscheinlicher.

Sicherlich will Draghi zunächst einmal die Nachfrage nach den neuen Langfristtendern abwarten und im vierten Quartal mit ABS-Käufen starten.

Der nächste Schritt wird dann aber der Kauf von anderen Assets (beispielsweise Unternehmensanleihen) sein, um die Inflationsrate wieder in Richtung 2 Prozent zu bewegen.


Quelle: Thomson Reuters Datastream, Index (2000Q4 = 100)

Über den Autor: Martin Moryson ist der Chefvolkswirt von Sal. Oppenheim.

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