Sascha Anspichler, Geschäftsführender Gesellschafter der FP Asset Management

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Sascha Anspichler

Draghis oscarreifes Meisterwerk – Inflation im Kopf-Kino

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Als Vermögensverwalter erlebe ich immer wieder Kunden, die sich, obwohl ihr Vermögen in den letzten Jahren nachweislich gewachsen ist, ärmer fühlen. Aus Angst vor einer ungewisseren Zukunft und großem Respekt vor einer sich schneller wandelnden Welt, fühlen sie sich weniger wohlhabend als bisher. Ihre Reaktion: wachsender Konsum – und das trotz deflationärer Tendenzen. Wenn am Ende dieser Woche die Oskars vergeben werden, fehlen zwei Personen auf der Liste der Nominierten. Und zwar Mario Draghi für das beste Drehbuch und der deutsche Privatanleger als bester Nebendarsteller.

Denn Mario Draghi ist gelungen, was Hollywoods Traumfabriken wollen: Er hat im Kopf der deutschen Verbraucher den Inflationsstreifen aufgelegt. Eine Mischung aus Roland Emmerichs Katastrophenfilm 2012 und einem Western mit John Wayne. Bei dem trifft bekanntlich am Ende die Kavallerie rechtzeitig ein, um die in der Wagenburg eingeschlossenen Siedler zu retten. Angestoßen durch die herzergreifende „Whatever it takes“-Rede in London hat Mario Draghi ein Feuerwerk der Gefühle entfacht. Sein Inflationsstreifen läuft wie von selbst im Kopf ab. Jeder kann sich seine (nächste) Horrorszene selbst ausmalen. Ein experimenteller Streifen, passend für unsere Youtube-Generation.

Kaufe heute, bevor du morgen (gefühlt) ärmer bist!

Im Gegensatz zur Wirtschaft, bei der es der EZB nicht gelungen ist, Kreditvergabe, Wirtschaftswachstum und damit Inflation anzukurbeln, ist der deutsche Verbraucher dadurch auf Konsum getrimmt (worden). Kaufe heute bevor du morgen (gefühlt) ärmer bist! Die hintersinnig versteckte Botschaft ist angekommen. And the Oscar goes to … Mario Draghi.

Schaut man in die Wirtschaftsstatistik des 4. Quartals 2015, müsste der deutsche Privatanleger sogar für die beste Hauptrolle nominiert sein. Er hätte einen Oskar für die entscheidenden Impulse für das deutsche Wirtschaftswachstum am Ende des letzten Jahres verdient. Und auch für die nächsten Monate kommt ihm eine Hauptrolle zu. Nachwuchskünstler oder ein erfahrener Mitspieler, der noch einmal zum Ende seiner Karriere aufdreht. Dem Regisseur ist es egal, solange die Kinokasse stimmt.

Sich-ärmer-fühlen

Wohlstand wird offensichtlich von vielen Menschen heute mehrdimensional betrachtet. Sich „ärmer fühlen“ hat dabei etwas mit der Zukunftsperspektive zu tun. Diese spielt eine immer bedeutendere Rolle, während der am aktuellen Vermögen gemessene Wohlstand für die individuelle Beurteilung an Bedeutung abnimmt. Anders ausgedrückt, ergibt sich der gefühlte Wohlstand aus einem wachsenden Teil der Wohlstandsperspektive und aus einem schrumpfenden Teil des heutigen Vermögens-Wohlstands.

Bildlich ausgedrückt: Im Film befindet sich Ihr Haus am Fuße eines Vulkans. Der Katastrophenschutz alarmiert Sie gerade, dass der Vulkan bereits am nächsten Tag ausbrechen soll. In diesem Moment wird Ihnen klar, dass Sie alles verlieren werden. Geistesgegenwärtig wenden Sie sich hilfesuchend an Ihren Nachbarn. Der hatte es vorgezogen, zur Miete zu wohnen und sein Geld in einen Hubschrauber zu investieren. In diesem Moment fühlen Sie sich verdammt arm. Doch dies ist eine Betrachtung in Ihrem Kopf-Kino.

Ende des Films


Und das Ende des Films? Irgendwann geht jeder Film zu Ende, ob im Kino oder im Kopf. Dann bricht sich die Realität wieder ihre Bahn. Der mollige Plüschsessel mit Cola und Popcorn des Kinos oder das gemütliche Sofa am lauschigen Kamin zu Hause weicht einem nebligen Morgen mit Regenschauer auf dem Weg zur Arbeit. Privatanleger müssen aufpassen, von Draghis Inflationsepos nicht weggeblendet zu werden. Schalten Sie Ihr Kopf-Kino ab. Treffen Sie Ihre Investitionsentscheidungen bewusst. Denn ansonsten sind Sie am Ende des Draghi-Streifens womöglich wirklich ärmer.

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