Investoren haben sich lange von Bankaktien ferngehalten. Keine Branche stand in den vergangenen Jahren vor größeren Herausforderungen. Die Folgen der Finanzkrise nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers sowie Null- und Minuszinsen haben die Margen traditioneller Banken zusammengeschmolzen.
Doch damit nicht genug. Mit der Verlagerung vieler Bankgeschäfte ins Internet und der besseren Vergleichbarkeit vieler Finanzdienstleistungen kamen klassische Banken unter Zugzwang. Besonders wechselfreudige junge Menschen wenden sich modernen FinTechs wie N26 oder Revolut zu und wollen nicht mehr mit Bargeld bezahlen. Ein Drittel der Generation Z vertraut bei Finanzentscheidungen lieber einem Roboter als einem Filialberater. Neobroker wie Trade Republic oder Scalable Capital setzen zudem mit ihren aggressiven Geschäftsmodellen selbst digitale Direktbanken unter Wettbewerbsdruck.
Kündigungswelle an der Wall Street
Um gegen Zinswüste und Billigkonkurrenz anzukommen, mussten viele Großbanken ihre Kosten drastisch senken. In den vergangenen Jahren wurden massig Filialen geschlossen. Tausende Beschäftigte verloren ihre Jobs oder werden sie noch verlieren. Derzeit schwappt eine Kündigungswelle durch die Wall Street. Goldman Sachs plant den Abbau von 3.200 Stellen, nachdem die Zahl der Mitarbeiter in den letzten Jahren auch durch Akquisitionen auf rund 49.000 gestiegen ist. Rivale Morgan Stanley hat im Dezember 2022 1.800 Stellen abgebaut, insgesamt zwei Prozent der ganzen Belegschaft. BNY Mellon plant, im ersten Halbjahr 2023 etwa drei Prozent seiner Mitarbeiter zu entlassen.
Auf unserer Seite des Atlantiks hingegen ist Stimmung deutlich besser. Nach Jahren des Darbens kommen den Banken steigende Zinsen zugute. Viele Institute sind laut einer McKinsey Studie derzeit so profitabel wie zuletzt vor der Finanzkrise. Denn höhere Zinssätze ermöglichen höhere Gewinnspannen. Steigende Zinsen bekommen für gewöhnlich zuerst Kreditnehmer zu spüren, während Sparer in geringerem Maße profitieren. So gesehen zählen Banken zu den Profiteuren der Inflation.
Steigende Zinsen, steigende Erträge
Die Deutsche Bank erzielte im abgelaufenen Geschäftsjahr 2022 den höchsten Gewinn seit 15 Jahren. Der Vorsteuergewinn stieg im Jahresvergleich um 65 Prozent auf rund 5,6 Milliarden Euro. Das teilte Deutschlands größtes Finanzinstitut am 2. Februar in Frankfurt mit. Der Nettogewinn betrug damit rund 5,02 Milliarden Euro. Auch wenn das Finanzinstitut nur dank eines unerwartet hohen Steuereffekts seine Renditeziele erreichte, ist CEO Christian Sewing optimistisch. Er bekräftigte das Ziel, mit dem Unternehmen in den nächsten Jahren weiter zu wachsen und die Gewinne für die Aktionäre nachhaltig zu steigern.
Aus gesamteuropäischer Sicht sticht die HSBC heraus. Analysten erwarten, dass die Gewinne der britischen Bank um mehr als 40 Prozent steigen werden. Mit einem KGV von sieben ist die Aktie zudem günstig bewertet. Die erwartete Dividendenrendite liegt bei attraktiven rund sieben Prozent. Die HSBC profitiert auch von ihrer globalen Ausrichtung und dem starken Fokus auf den asiatischen Markt. Als positiv könnte sich die Belebung der chinesischen Wirtschaft erweisen.
Negativ für den Bankensektor wäre wiederum eine baldige Zinswende. Bei der geldpolitischen Sitzung der US-Notenbank Federal Reserve Anfang Februar betonte deren Vorsitzender Jerome Powell, dass die Währungshüter bald eine weniger restriktive geldpolitische Haltung einnehmen könnte. Dies sind schlechte Nachrichten für die Banken, da die Verlangsamung des Zinsanstiegs erneut ihre Rentabilität beeinträchtigen kann. Ein Ende des Immobilienbooms und die damit einhergehende geringere Nachfrage nach Immobilienkrediten wäre ebenso ein Belastungsfaktor wie eine Konjunkturabkühlung oder gar Rezession.
Börsen-Schnäppchen im Bankensektor
Was dennoch für ein Engagement bei Finanztiteln spricht, sind deren Bewertungen. Die Aktien der Geldhäuser sind historisch günstig. Die geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) liegen bei fast allen europäischen Geldhäusern im einstelligen Bereich. Viele Banken werden weit unter ihrem rechnerischen Buchwert gehandelt. So liegt das 2023er-KGV bei der spanischen Banco Santander bei 5,8. Die Deutsche Bank wird mit einem KGV von 6,6 gehandelt – und dass, obwohl sich die Kurse in den vergangenen sechs Monaten bereits deutlich nach oben geschraubt haben. Aktien der Deutschen Bank notieren aktuell 38 Prozent, die der Banco Santander 44 Prozent höher als vor einem halben Jahr.
„Bei Bankaktien sehen wir enormes Aufwärtspotenzial. Wir rechnen damit, dass die Erträge 2023 aufgrund der Zinserhöhungen um 20 bis 50 Prozent steigen werden. Darüber hinaus liegen die Dividendenrenditen der europäischen Banken bei über 7 Prozent und viele von ihnen planen weitere Aktienrückkäufe. Daneben sind sie äußerst günstig bewertet: Bankaktien werden aktuell mit einem Abschlag von 40 Prozent gegenüber dem historischen Durchschnitt gehandelt. Selbst wenn man eine bevorstehende Rezession einpreist, sind es noch 20 Prozent“, bestätigt Algebris-Chef Davide Serra in der Handelszeitung. So hätten die Banken seit der großen Finanzkrise ihre Kapitalreserven kontinuierlich aufgestockt und ihre harten Kernkapitalquoten auf mehr als 15 Prozent gesteigert.


