Schuldenkrise: Vorsicht, Paradigmenwechsel!

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In den vergangenen 30 Jahren sind Unternehmen wie Amazon, Microsoft und Google entstanden. Deregulierungen haben den Telekommunikations-, Medien- und Transportsektor revolutioniert. Chinesische Städte wie Shenzhen oder Guangzhou sind quasi aus dem Nichts auf die Größe Londons gewachsen und haben einen Großteil dieser Stadtbevölkerungen in die Mittelschicht geführt. Die Paradigmen des freien Handels und des Wettbewerbs haben den weltweiten Wohlstand erhöht.

Als willige Helfer fungierten dabei die Geschäftsbanken, die Staatsschulden und US-Eigenheimkredite bester Bonität in unbegrenzter Höhe aufnehmen konnten und damit die Geldsteuerung der unabhängigen Notenbanken weitestgehend aushebelten.

Erst als die Märkte spät und teilweise panisch, aber vielleicht noch nicht zu spät, vielen Banken und einigen Nationalstaaten in Europa das Vertrauen entzogen haben, hat ein Umdenken bei offiziellen Stellen und den Bankvorständen eingesetzt. Jetzt fährt der Paradigmen-Zug in Richtung „nachhaltiger Schuldenhaushalt“.

Enteignung der Gläubiger angestrebt

Für Sparer und Anleger ist jedoch höchste Vorsicht geboten. Die USA streben offensichtlich über eine Geldmengenausweitung und sich daraus ergebender Inflation eine indirekte Enteignung der Gläubiger an – angesichts hoher Arbeitslosigkeit, daniederliegendem Hausmarkt und an Geldschöpfung nicht interessierten Geschäftsbanken ein kurzfristig wenig wahrscheinlicher Erfolg.

In Kontinentaleuropa bevorzugen Politiker eine Enteignung der Gläubiger mittels harten Schuldenschnitts für Griechenland, so genannter Reichensteuer und Finanztransaktionssteuer, da sich die bloße Umverteilung von Schulden auf neue Schultern als nicht mehr tragfähig erweist. Die Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group erwägt in einem Arbeitspapier sogar einen umfassenden Schuldenschnitt von knapp 10 bis 30 Prozent für Staats- und Privatschulden in allen westlichen Krisenregionen, inklusive der USA.

Mehr Sparanstrengungen nötig

Der langfristig vernünftige Weg wäre sicherlich für die auch demographisch anfälligen Staaten Westeuropas, die USA und Japan, die Sparanstrengungen zu intensivieren und eine wirtschaftliche Stagnation in Kauf zu nehmen. Die Vergangenheit zeigt übrigens, dass dies auch mit moderat steigenden Aktienkursen einher gehen kann. Nur zeigen zahlreiche empirische Studien wie auch die derzeit Anklang findenden Occupy-Wall-Street-Bewegung, dass eine Vielzahl von Bürgern schnell bereit ist, einfache Lösungen auf der Straße zu fordern.

Der weiße Ritter zur Stimulierung des wirtschaftlichen Wachstums könnte die chinesische Nationalbank sein. Eine schnelle und schrittweise Freigabe der Devisenbeschränkungen für die chinesische Bevölkerung könnte bedeuten, dass die derzeit in weiten Teilen brach liegenden Devisenreserven für  Eigenkapitalinvestitionen in der westlichen Privatwirtschaft eingesetzt werden könnten.

Leider ist wohl die politische Großwetterlage in China noch zu sehr auf innere Stabilität ausgerichtet, als dass die Bereitschaft erkennbar wäre, weltwirtschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Aber der politische Druck aus Washington steigt merklich.

Für Anleger sind jedenfalls liquide Geldanlagen das Mittel der Wahl, um rechtzeitig zu erkennen, was sich als Mittel der Wahl zur Schuldenreduzierung heraus kristallisiert: Schuldenschnitt, Steuererhöhungen auf Kapital, Inflation oder Wirtschaftswachstum.

Zum Autor: Hubert Thaler ist Vorstand der Top Vermögen AG in Starnberg und München und einer der Experten von www.vermoegensprofis.de.

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