Schwellenländer-Devisenreserven schwinden

Märkte „riechen Blut“

Viele Entwicklungsländer haben mit dem schlimmsten Absturz ihrer Währungen seit 2008 zu kämpfen. Notierungen von Optionen zeigen, dass die Währungen der Länder mit den geringsten Reserven zur Abwehr von Devisenspekulanten weiter unter Druck stehen werden.

Unter den 31 wichtigsten Währungen, die Bloomberg beobachtet, wetten Händler beim argentinischen Peso, der türkischen Lira, der indonesischen Rupiah und dem südafrikanischen Rand am stärksten auf Abwertung. Für die ukrainische Hrywnja signalisiert der Terminmarkt einen Kursverlust von 20 Prozent innerhalb eines Jahres.

„Wenn man so schnell seine Devisenreserven verbrät, dann ist das bedrohlich, und natürlich riecht der Devisenmarkt dann Blut”, sagte Robbert Van Batenburg, Direktor Marktstrategie bei der Handelsfirma Newedge Group in New York, in einem Telefoninterview am 5. Februar. „Das führt dann zu diesem Dominoeffekt.”

Von Argentinien bis zur Türkei sind Schwellenländer derzeit in Bedrängnis. Seit die US-Notenbank ihre monetären Stimuli zurückfährt und berichtet wurde, dass sich der Geschäftsgang in der chinesischen Industrie abkühlt, haben die Sorgen um die Stärke der Schwellenländer-Volkswirtschaften zugenommen. Ein Bloomberg-Index, der 20 Wechselkurse abbildet, hat seit Jahresbeginn 2 Prozent abgegeben, nach einem Minus von 7 Prozent im vorigen Jahr.

Mit dem erfolglosen Versuch, ihre Währung zu verteidigen, hat die Türkei seit Juni schon 27 Prozent ihrer Fremdwährungsreserven aufgebraucht. Am Montag verfügte sie nur noch über 34 Milliarden Dollar (25 Milliarden Euro) ohne Einlagen der Geschäftsbanken. Das reicht gerade einmal, um 0,29 Prozent der kurzfristigen Schulden abzudecken, die geringste Quote unter den 14 Schwellenländern, die von Goldman Sachs Group beobachtet werden. Südafrika verfügt über 46 Milliarden Dollar, was 13 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt entspricht. Nach Angaben der US-Bank braucht das Land 18 Prozent, um sein Handelsdefizit und seine Schulden zu finanzieren.

Der Lira-Kurs sackte im Januar auf ein Rekordtief von 2,39 Lira je Dollar ab, der Rand fiel unter sein Fünf-Jahres-Tief von 11,3909 Rand je Dollar.

„Wenn Sie Ihre Reserven verbraten, dann ist das nicht nachhaltig”, sagte Viktor Szabo, Vermögensverwalter bei Aberdeen Asset Management in London, in einem Telefoninterview am 6. Februar. „Am Markt wird man dann mit dem größten Vergnügen Ihre Währung leerverkaufen. Der Druck war da, und er wird sich verstärken.”

Die kasachische Zentralbank wertete am Dienstag die Landeswährung, den Tenge, so stark ab wie seit 2009 nicht mehr, nachdem ihre Devisenreserven in etwa auf den tiefsten Stand seit 2009 zusammengeschrumpft waren. Argentinien hat seit März 2011 25 Milliarden Dollar ausgegeben, um den Peso zu verteidigen, wodurch die Reserven auf ein Sieben-Jahres-Tief fielen. Trotz allem hat der Peso in diesem Jahr bereits 16 Prozent verloren.

„In volatilen Zeiten dämpfen Devisenreserven Schocks. Zentralbanken können starke Verluste ihrer Währungen abfedern, indem sie US-Dollars am Markt verkaufen”, schrieben die Goldman-Sachs-Analysten Robin Brooks und Julian Richers in einer Studie vom 29. Januar. „Länder mit einer dünnen Reserve-Decke sind verhältnismäßig leicht angreifbar.”

Sowohl die Türkei als auch Südafrika haben im Januar die Zinsen angehoben, um Spekulanten abzuschrecken. Auf einer Notsitzung am 28. Januar hob die türkische Zentralbank den Leitzins auf bis zu 12 Prozent an, was die Lira um mehr als 4 Prozent steigen ließ. Südafrika hob die Zinsen am 29. Januar überraschend um einen halben Prozentpunkt auf 5,5 Prozent an. Seitdem ist der Rand um 3,2 Prozent gestiegen, der zweitstärkste Anstieg unter den 31 wichtigsten Währungen nach dem australischen Dollar.

Analysten von Citigroup um Jeremy Hale warnten jedoch in einem Kommentar vom 6. Februar, dass die Zinserhöhungen einen „Teufelskreis” auslösen könnten. „Schwächeres Wachstum und höhere Zinsen könnten die lokalen Finanzmärkte belasten”, schrieben sie. „Kapitalabflüsse könnten zu neuer Währungsschwäche führen, die erneute Zinsanhebungen nötig machen würden.”

„Alle wollen die Zinsen anheben”, sagte dagegen Simon Quijano-Evans, Leiter Schwellenländer-Research bei Commerzbank in London, in einem Telefoninterview am 5. Februar. „Es ist der erste Schritt zur Beruhigung der Lage. Sie können nicht andauernd auf Ihre Devisenreserven zurückgreifen, wenn niemand an Ihre Politik glaubt.”

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