Fortschritte entlang der globalen Wertschöpfungskette könnten die Argumente für Aktien aus Schwellenländern untermauern, so Bahar Sezer-Longworth von Pictet AM.
Jahrzehntelang haben Investoren die Schwellenländer danach bewertet, was sie förderten oder zusammenbauten, und nicht danach, wie hoch ihre Wertschöpfung bei der Herstellung war. Diese Unterscheidung bildete die Trennlinie zwischen Schwellen- und Industrieländern.
Specialist – Sustainability and Stewardship
Das macht heute nicht mehr so viel Sinn. Die Fortschritte der Schwellenländer in der globalen Wertschöpfungskette zeigen sich in zweierlei Hinsicht ganz deutlich. Zunächst einmal erzielen Rohstoffproduzenten wie Chile, Brasilien und Indonesien durch die Ausweitung ihrer Tätigkeiten auf die Weiterverarbeitung und Fertigung eine größere industrielle Wertschöpfung aus ihren natürlichen Ressourcen.
Und dann ist da noch die Technologie: China und andere asiatische Volkswirtschaften überholen den Westen und übernehmen weltweit die Führung in Branchen mit höherer Wertschöpfung wie Technologie und Gesundheit.
Dies hat erhebliche wirtschaftliche Folgen. Durch den Ausbau der inländischen Produktion und die Steigerung der Exporte von höherwertigen Gütern können die Schwellenländer ihre Leistungsbilanzdefizite verringern und ihre Abhängigkeit von unbeständigen ausländischen Kapitalströmen reduzieren.
Auch für Investitionen ergeben sich erhebliche Auswirkungen. Ein größerer Teil der durch globale Lieferketten erzielten Gewinne bleibt bei den Schwellenländerunternehmen. Wir haben es hier mit einem langfristigen Wandel zu tun, der sich noch nicht vollständig in den Bewertungen von Schwellenländeraktien widerspiegelt. Dadurch ergeben sich für Investoren Chancen, vom strukturellen Wachstum durch Schwellenländeraktien zu profitieren.
Über den Bergbau hinaus: So lassen sich mehr Gewinnmargen erzielen
Rohstoffproduzenten der Schwellenländer haben sich in der Vergangenheit auf weniger wertschöpfungsintensive vorgelagerte Tätigkeiten spezialisiert – nämlich auf die Gewinnung von Mineralien und deren Export in Rohform oder in ähnlicher Form. Dieses Modell sorgte zwar für Wachstum, überließ jedoch die rentabelsten Teile der Wertschöpfungskette den nachgelagerten Spezialisten, insbesondere den Industrieländern mit ihrer leistungsfähigen Industrie, modernen Infrastruktur und hohen technischen Kompetenz.
Aber das ändert sich gerade. Produzenten aus den Schwellenländern sind zunehmend bestrebt, ihren Einfluss in der globalen Wertschöpfungskette auszubauen, indem sie Rohstoffe in veredelte Vorprodukte und Zwischenprodukte umwandeln, mit denen sich höhere Gewinnspannen erzielen lassen. Dazu gehört die Verarbeitung von Nickel zu Batterievorprodukten oder Zwischenprodukten, die zur Herstellung der Endkomponenten einer Batterie verwendet werden, von Lithium zu Kathodenmaterial sowie von Eisenerz zu Pellets und Spezialstahl.
Nehmen wir als Beispiel China. Der weltweit zweitgrößte Produzent von Lithium, einem wichtigen Rohstoff für Elektrofahrzeuge und Energiespeichersysteme, geht im Rahmen seiner Nationalen Lithiumstrategie 2023 über den Abbau hinaus und konzentriert sich nun auf die Raffination sowie auf die nachgelagerte Produktion von Batteriematerialien.
Die Rohstoffgewinnung macht etwa 5 bis 10 Prozent der Gesamtkosten eines fertigen Batteriepacks aus. Der Rest entfällt auf die Raffination, Kathoden- und Anodenmaterialien, Elektrolyte und Separatoren, Zellenproduktion, die Packmontage sowie das Recycling am Ende der Lebensdauer. Jeder Schritt erfordert technisches Know-how und entsprechende Infrastruktur – und ermöglicht daher eine weitaus größere Wertschöpfung als die Gewinnung allein.
Langfristig will Chile das gesamte im Land geförderte Lithium selbst veredeln. Für Produzenten wie SQM, eines der weltweit größten Lithiumunternehmen, eröffnet dieser Wandel neue Möglichkeiten für margenstarke Tätigkeiten in der nachgelagerten Verarbeitung.
Grafik: Aufstieg in der Batterielieferkette
Prognostizierter Bruttoumsatz aus dem Ausbau der Industrien entlang der Batterie-Wertschöpfungskette zur Deckung der Nachfrage nach LFP-Batterien in Lateinamerika
Andere Giganten in der Rohstoffgewinnung verfolgen eine ähnliche Strategie, um ihre strategische Kontrolle zu verstärken und höhere Gewinne zu erzielen.
Vale, der weltweit größte Eisenerzproduzent mit Sitz in Brasilien, stellt mittlerweile hochwertige Pellets unter Einsatz erneuerbarer Energiequellen her. Zudem expandiert das Unternehmen in die Schifffahrt und Logistik, um die Kontrolle über die gesamte Lieferkette – von der Gewinnung bis zur Auslieferung – zu festigen.