Cory Unal

Die Senior-Portfoliomanager Cory Unal und Dara White, globaler Leiter Schwellenländeraktien bei Columbia Threadneedle Investments, zeigen, was der KI-Boom für die Schwellenländer bedeutet. Für Anleger wird entscheidend, wer die neuen Engpässe kontrolliert – und davon wirtschaftlich profitiert.

Unsere zentrale These lautet: Technologie beseitigt Knappheit nicht – sie verschiebt sie. KI wird immer günstiger und leistungsfähiger. Doch gleichzeitig werden die Ressourcen, die sie benötigt, wertvoller: Energie, leistungsfähige Chips, Rechenzentren, Netzkapazität und bestimmte Rohstoffe.

Im Juni des laufenden Jahres wurde diese Entwicklung besonders deutlich. Der Zugang zu leistungsfähigen KI-Modellen wurde zeitweise durch US-Exportkontrollen eingeschränkt.

Das markiert einen Wandel: Entscheidende Technologien werden zunehmend zu Instrumenten geopolitischer Macht. Der Zugang zu ihnen hängt nicht mehr allein vom Preis ab, sondern auch von Halbleitern, Kapital, Infrastruktur und politischen Beziehungen.

Drei Veränderungen prägen den Markt

  • Erstens: KI ist ein industrielles Produkt geworden. Software lässt sich nahezu kostenlos vervielfältigen. KI muss dagegen kontinuierlich mit Energie, Rechenleistung, Daten und Kapital erzeugt werden. Die Kosten pro Nutzung sinken zwar rasant, gleichzeitig steigen die Investitionen in Rechenzentren, Chips, Energie und Netze auf enorme Summen.
    Ein großer Teil dieser physischen Wertschöpfung liegt in Asien: Taiwan bei Logikchips, Korea bei Speicherkomponenten sowie Taiwan und Japan bei Packaging und Ausrüstung.
  • Zweitens: Je billiger KI wird, desto wertvoller wird der Zugang zu knappen Ressourcen. Modellvorsprünge können kopiert oder unterboten werden. Schwerer zu ersetzen sind dagegen Stromverträge, Rechenzentren, Engpass-Hardware, Kundenbeziehungen und staatliche Genehmigungen.
  • Drittens: Das Rennen wird durch Energie und Infrastruktur begrenzt. Wer KI unabhängig und im großen Maßstab einsetzen will, braucht ausreichend Strom, Netze und Rechenkapazität. Folglich wird industrielle Kapazität wieder zu einem strategischen Vorteil.

China verfügt bereits über eine große industrielle Basis. Die Golfstaaten nutzen Energie, Rohstoffe und Kapital, um Rechenkapazitäten aufzubauen. Die USA investieren die Gewinne ihrer Technologieunternehmen in Rechenzentren, Energieverträge und Halbleiterversorgung.

Das bedeutet allerdings nicht automatisch hohe Gewinne für Aktionäre. Ein Land kann bei der KI-Infrastruktur führend sein, ohne dass Minderheitsaktionäre den größten Teil der Wertschöpfung erhalten.

Blase oder nicht?

Die enormen Investitionen lassen die Frage nach einer KI-Blase als berechtigt erscheinen. Infrastrukturbooms können zu Überkapazitäten führen. KI hat jedoch zwei Besonderheiten.

Zum einen wird KI bereits eingesetzt, um neue Chips, Software und KI-Systeme zu entwickeln. Die Nachfrage nach Infrastruktur erzeugt dadurch weitere Nachfrage. Zum anderen investieren zunehmend Staaten, weil sie ihre technologische Abhängigkeit von anderen Ländern reduzieren wollen.

Der KI-Investitionszyklus reicht deshalb weit über Chips hinaus: Er umfasst Rechenzentren, Kühlung, Stromnetze, Energie, Rohstoffe und Finanzierung. JPMorgan erwartet, dass die weltweiten KI-Investitionen bis 2030 auf bis zu 5,5 Billionen US-Dollar steigen könnten.

Das allein garantiert keine Renditen. Entscheidend ist daher nicht nur, ob die Investitionen weiter steigen, sondern wer davon profitiert.

Für Anleger ist die entscheidende Frage, wo Nachfrage und Engpässe länger bestehen bleiben als erwartet – etwa bei Netzanschlüssen, Transformatoren, Fabrikkapazitäten oder Genehmigungen für die Erschließung von Minen.

Was bedeutet das für Schwellenländer?

Durch den KI-Aufwuchs am stärksten gefährdet sind Geschäftsmodelle, die vor allem auf günstiger Arbeitskraft beruhen. Genau dieser Vorteil hat den Aufstieg vieler Schwellenländer ermöglicht. KI setzt ihn nun unter Druck – zunächst vor allem bei Büroarbeit. Der Konkurrent eines Callcenter-Mitarbeiters in Manila oder eines Programmierers in Bangalore ist nicht mehr ein günstigerer Arbeitnehmer in einem anderen Land, sondern zunehmend ein KI-System.