Schwellenmärkte Einzelkrisen beeinflussen nicht den Gesamtausblick

Straßenverkehr in Jakarta, Indonesien: Mit 255 Millionen Einwohnern ist das Land der viertbevölkerungsreichste Staat der Welt.  | © Getty Images

Straßenverkehr in Jakarta, Indonesien: Mit 255 Millionen Einwohnern ist das Land der viertbevölkerungsreichste Staat der Welt. Foto: Getty Images

Anleger sollten bedenken: Die Schwellenmärkte sind keine homogene Gruppe. Die Schwellenländer in den Schlagzeilen machen lediglich einen kleinen Teil des Anlageuniversums aus. So sind beispielsweise mehr als 20 Unternehmen im MSCI EM Index jeweils einzeln größer als der gesamte türkische Aktienmarkt. Die Schwierigkeiten in einzelnen Schwellenländern sind daher nicht repräsentativ für die Anlageklasse insgesamt.

Insgesamt schätzen wir Schwellenländer unverändert positiv ein: Die meisten entwickeln sich in einem Umfeld anziehenden Wirtschaftswachstums, die Rohstoffpreise sind stabil, die Währungen im Allgemeinen unterbewertet und die Inflation ist unter Kontrolle. Als Stockpicker nutzen wir die Volatilität, um die Aktien solider Unternehmen zu günstigen Kursen ins Depot zu buchen.

Argentinien

In den vergangenen Wochen kam der argentinischen Peso wiederholt unter Druck, womit sich das Land auf eine höhere Inflation einstellt. Die Regierung um Mauricio Macri reagiert mit einer aggressiven Haushaltspolitik, die vom Markt mit einer gewissen Skepsis aufgenommen wird. Vor allem mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen 2019 erscheint den Marktteilnehmern das von der argentinischen Regierung beschlossene Finanzprogramm sehr ehrgeizig. Die amtierende Regierung ist jedoch fest zum Durchhalten entschlossen, nicht zuletzt, weil Argentinien weiterhin Unterstützung durch den Internationalen Währungsfonds (IWF) und viele Investoren weltweit erhält. Für die Zukunft des Landes entscheidend wird, ob die Regierung es schafft, bis zu den Wahlen Ende 2019 den Wirtschaftsabschwung in den Griff zu bekommen.

Wir beobachten die politischen Entscheidungen und die Aussichten einer wirtschaftlichen Erholung des Landes sehr genau. Angesichts der aktuellen Volatilität und Unsicherheit bevorzugen wir derzeit Unternehmen mit an den US-Dollar gekoppelter Gewinnentwicklung.

Türkei

Auch hinsichtlich der Türkei bleiben wir vorsichtig. Politische und institutionelle Unsicherheiten, eine strukturell schwache Leistungsbilanzposition, höhere Ölpreise, eine kräftige Abwertung der türkischen Lira und eine Inflationsrate im hohen zweistelligen Bereich in einem schwierigen geopolitischen Umfeld dämpfen das Vertrauen der Investoren. Nach Jahren eines starken Wirtschaftswachstums bestand bereits vor der jüngsten Volatilität das Risiko für einen Wirtschaftsabschwung, der sich nun verstärkt.

Südafrika

Aufgrund einer höheren Risikoaversion der Anleger gegenüber Schwellenländern erlebt der südafrikanische Rand zwar einen Ausverkauf, jedoch hängt das eher damit zusammen, dass der Rand zu den liquideren führenden Schwellenländer-Währungen zählt. Genau besehen, ist Südafrikas Volkswirtschaft generell von einem positiven politischen Umfeld geprägt. Der neue Präsident Cyril Ramaphosa zeigt sich wirtschaftsfreundlich und das Bruttoinlandsprodukt dürfte sich nach dem schwächeren ersten Halbjahr 2018 erholen. Dafür sprechen eine ertragreichere Agrarproduktion, steigende Konsumausgaben und die florierende Bauwirtschaft.

Wir gehen von einer Erholung des Rand aus, wenn sich die Risikoaversion legt und das Inlandswachstum weiter zunimmt. Vielversprechend erscheint uns vor allem der Konsumgütersektor.

Indonesien

In Indonesien stürzte die Rupie auf ihren tiefsten Stand seit mehr als 20 Jahren. Ein Grund dafür ist teilweise in der Ausweitung des indonesischen Leistungsbilanzdefizits zu sehen. Die Bank Indonesia hat ihre Maßnahmen zur Währungsstabilisierung jedoch durch direkte Marktintervention verstärkt, unter anderem durch vier Zinsanhebungen seit Mai 2018. Zugleich will die Regierung mit neuen Regulierungen, darunter höhere Einfuhrzölle auf nicht essentielle Konsumgüter, das Leistungsbilanzdefizit abbauen. Wir sind der Meinung, dass Unternehmen mit hoher US-Dollar-Verschuldung am stärksten von den Konjunkturturbulenzen betroffen sein werden. Belastet werden auch Unternehmen mit hohen Importkosten wie etwa Pharmafirmen, Fleischimporteure und einzelne Konsumgütermarken. Auf der anderen Seite profitieren Unternehmen mit US-Dollar-Erlösen (oder an den US-Dollar gekoppelten Erlösen) von einer schwachen Rupie – etwa die Bereiche  Kohleförderung und Metallproduktion sowie andere exportorientierte Sektoren.

Aus unserer Sicht sind die Fundamentaldaten Indonesiens weitgehend intakt. Das Land hat eine anhaltende Widerstandskraft gegenüber externen Schocks bewiesen. Dabei profitiert es von den Reformen der vergangenen zehn Jahre, die auf die Stärkung der volkswirtschaftlichen Wachstumstreiber und eine Beschleunigung der Inlandsentwicklung abzielten.

In vielen Sektoren, die von der günstigen demografischen Entwicklung und weiteren geplanten Reformen profitieren sollten, bieten sich zahlreiche Investmentchancen. Dazu zählen Banken, die Kredite an wachstumsstarke Unternehmen ausreichen sowie Verbrauchern Hypotheken, Kreditkarten- und andere Privatkundenprodukte anbieten. Chancen sehen wir auch bei Unternehmen in den Sektoren Konsumgüter, Bergbau und Infrastruktur.

Fazit: Positive globale Makrofaktoren bringen Schwellenländer voran

Bei der Beurteilung der Chancen von Schwellenländeraktien sollte bedacht werden, dass sich die Schwellenmärkte aus unterschiedlichen Ländern mit jeweils diversen Wachstumstreibern und wechselnden politischen Risiken zusammensetzen. Wir halten das Risiko einer breit angelegten Ansteckung der Anlageklasse für begrenzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die aktuellen Schwächen in ausgewählten Schwellenländern zu einer gesamtwirtschaftlichen Ansteckung oder größeren Krisen in der Anlageklasse führen, ist gering.

Für Aktien aus Schwellenmärkten sprechen weiterhin positive globale Makrofaktoren, ein höheres BIP-Wachstum als in den Developed Markets sowie eine Verbesserung wirtschaftlicher Fundamentaldaten auf der Grundlage kontinuierlicher Reformen. Die Cashflow-Bereitstellung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich beschleunigt. Einhergehend mit höherer Disziplin beim Kapitaleinsatz können die gefüllten Kassen dazu beitragen, langfristig die Aktionärsrenditen zu verbessern und das Fremdkapital in den Unternehmensbilanzen zu verringern. Gute Renditeaussichten für Aktionäre ergeben sich nicht zuletzt dadurch, dass sich das Ertragswachstum von Unternehmen in den meisten Schwellenländern auch in den aktuellen Zeiten volatiler Märkte als belastbar erwiesen hat.

Welche wichtigsten Investmentthemen in den Schwellenländern haben wir im Blick? Von besonderem Interesse sind für uns das strukturelle Wachstum im Technologiesektor, der stetig steigende Konsum sowie generell Volkswirtschaften, die erfolgreich Wirtschaftsreformen umsetzen. Wir konzentrieren uns nach wie vor auf die Auswahl fundamental solider Unternehmen, die robust genug aufgestellt sind, um von den langfristigen Trends in den Schwellenländern zu profitieren.