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Börse New York Foto: imago images / Pacific Press Agency

Märkte weiter im Risk-on-Modus

Schwenkt die Fed um, werden Anleihen und Aktien neu bewertet

Hendrik Tuch, Fixed-Income-Chef bei Aegon AM

Trotz des starken Anstiegs der Coronavirus-Infektionen setzten die Aktienmärkte in den vergangenen Wochen ihre Aufwärtsbewegung fort. Die Anleger vertrauen weiterhin auf die Kombination aus geld- und fiskalpolitischen Stimuli zur Stützung der Weltwirtschaft, während die Welt auf die Verteilung des Impfstoffs wartet.

Rückblickend betrachtet, kam die Bekanntgabe der ersten positiven Impfstoffmeldungen im November gerade rechtzeitig. Wären die Märkte angesichts der aktuellen Pandemiezahlen ohne Aussicht auf einen Impfstoff geblieben, sähe die Stimmung der Anleger deutlich anders aus. Wahrscheinlich werden in den kommenden Wochen und sogar Monaten weitere Lockdown-Maßnahmen angekündigt, da die steigenden Belegungszahlen in den Intensivstationen zu harten Schritten zwingen. Gleichzeitig werden die Regierungen mit dem Beginn der Impfkampagnen versuchen, vollständige Lockdowns und den damit verbundenen wirtschaftlichen Schaden zu vermeiden.

Kommen neue Lockdowns, wird es für die Märkte schwerer

Zuletzt erlebten die westlichen Volkswirtschaften eine deutliche wirtschaftliche Erholung und einen starken Anstieg der Industrieproduktion und der Einkaufsmanager-Indizes. In den nächsten Monaten dürften die Wirtschaftsindikatoren jedoch schwächeln, falls neue Lockdowns in Kraft treten werden. Die jüngsten Zahlen zur US-Lohnentwicklung und zum Arbeitsmarkt, auf dem im Dezember der erste Rückgang der neu geschaffenen Stellen seit April 2020 verzeichnet wurde, könnten der Beginn dieses negativen Trends sein. Die Finanzmärkte werden sich zunehmend schwer damit tun, diesen wirtschaftlichen Schaden zu ignorieren, vor allem auch dann, wenn sich die Ausblicke der Unternehmen in der anstehenden Berichtssaison eintrüben sollten. Im vergangenen Jahr wurde die Aktien-Rally vor allem durch den Tech-Sektor gestützt, der von der Verschiebung des Konsumverhaltens als Folge der Sperrungen stark profitierte. Solange sich die Gewinnaussichten für diese Unternehmen nicht verschlechtern, werden die Anleger wahrscheinlich ihre „Buy-on-Dip“-Mentalität beibehalten.

Mehr Gewissheit nach dem 20. Januar

2020 war ein Jahr voller schockierender Ereignisse, angefangen mit der Tötung des iranischen Divisionskommandeurs Qasem Soleimani durch eine Drohne des US-Militärs in der ersten Woche des Jahres, gefolgt vom Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO am 5. Januar über eine „Lungenentzündung unbekannter Ursache in China“.

Hoffen wir, dass das Jahr 2021 weniger Unannehmlichkeiten bereithält. Schon jetzt steht die Welt vor großen Herausforderungen, um ein globales Impfprogramm auf den Weg zu bringen. So werden die Regierungen es schwer haben, Teile der Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die Impfstoffe sicher sind, was durch lautstarke Impfgegner in den sozialen Medien noch erschwert wird.

Neben den Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Corona-Virus haben die Finanzmärkte bereits einen vollen Terminkalender, der mit den Senatswahlen in Georgia begann. Nach Joe Bidens Amtseinführung am 20. Januar werden wir bald mehr Einblicke in dessen Pläne zur Wiederherstellung der Beziehungen der USA zu ihren globalen Partnern erhalten. Wir werden auch erfahren, ob die neue Administration die harte Haltung gegenüber der chinesischen Regierung und ihr nahestehenden Unternehmen fortsetzen wird. Geopolitische Themen sind im letzten Jahr aufgrund des Corona-Virus und der US-Präsidentschaftswahlen aus den Schlagzeilen geraten, aber wir sollten uns auf eine Wiederaufnahme des Konflikts zwischen den USA und China einstellen: Es ist kein Wunder, dass in den letzten Tagen des Jahres 2020 die sich über sieben Jahre hinziehenden Handelsgespräche zwischen China und der EU auf die Schnelle mit einem Handelsabkommen abgeschlossen wurden. In Anbetracht des US-Wahlergebnisses und des anhaltenden Handelskonflikts war China bereit, bei einer Reihe von wichtigen Punkten Kompromisse einzugehen, um das Handelsabkommen mit der EU zustande zu bringen.

Markttrends dürften vorerst weitergehen

Im Hinblick auf die längerfristigen Anlagerenditen beginnt das Jahr 2021 nicht sehr vielversprechend. Die Renditen von Staatsanleihen bewegen sich weiterhin auf einem extrem niedrigen Stand, und es fällt schwer, sich ein Jahr mit positiven Renditen für diese Anlagen vorzustellen. Auch die Spreads haben sich auf das untere Ende ihrer historischen Spanne eingeengt, so dass das Potenzial für weitere Carry- und Spread-Verengungen begrenzt ist.

Mangels Rendite bei Anleihen weichen die Anleger in andere Anlageklassen aus, wodurch sich wiederum die Bewertungen am Aktienmarkt verschlechtern. Die anhaltenden geld- und fiskalpolitischen Stimulierungsmaßnahmen werden die Anleger jedoch weiterhin in einen Risk-on-Modus treiben. Sobald jedoch diese marktstützenden Maßnahmen zurückgefahren werden, ist mit einer Neubewertung sowohl der Anleihe- als auch der Aktienmärkte zu rechnen. In den kommenden Monaten müssen wir uns über dieses Thema wohl noch keine allzu großen Sorgen machen, da Regierungen und Zentralbanken keine andere Wahl haben, als ihre Unterstützung für die Wirtschaft und die Finanzmärkte auszuweiten, um die Pandemiefolgen abzumildern. Der Beginn des Jahres 2021 dürfte daher ähnlich aussehen wie die vergangenen sechs Monate.

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