Sebastian Venc, Leiter Private Debt für die DACH-Region bei Muzinich & Co, erklärt im Interview, warum Private Debt flexibler ist als klassische Bankfinanzierungen und wie die Anlageklasse vom regulatorischen Druck auf Banken profitiert.
DAS INVESTMENT: Herr Venc, im Bereich Unternehmensfinanzierung denken viele noch immer an klassische Bankkredite. Wie stark ist Private Debt heute im deutschen Markt?
Sebastian Venc: Deutlich stärker als viele glauben. Wir sprechen mittlerweile über einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent. Diese Zahl variiert zwar von Jahr zu Jahr, aber der deutsche Markt ist bereits gut durchdrungen. Private Debt ist längst eine etablierte Alternative zur klassischen Bankfinanzierung.
Gibt es spezifische Unterschiede zwischen dem deutschen und anderen europäischen Märkten?
Venc: Definitiv. Deutschland und Frankreich haben noch immer fragmentierte Bankenmärkte, während Großbritannien, Spanien oder Italien bereits deutlich konsolidierter sind. Allerdings sehen wir überall den gleichen Trend: Die Banken kämpfen mit zunehmender Regulierung wie Basel IV, was ihre Kreditvergabemöglichkeiten einschränkt und genau das spielt uns als Private-Debt-Fonds in die Karten.
Das Wachstum von Private Debt ist kein Zufall. Welche strukturellen Veränderungen im Bankensektor haben diesen Wandel Ihrer Meinung nach am stärksten vorangetrieben?





Venc: Zwei Faktoren sind entscheidend: Erstens die Bankenregulierung und zweitens unser fundamental anderer Ansatz. Private-Debt-Fonds schauen kommerzieller auf Unternehmen und bieten oft nur einen einzigen Ansprechpartner für den Kreditnehmer – anstatt Verhandlungen mit einem komplexen Bankenkonsortium führen zu müssen. Das macht einen enormen Unterschied, wenn ein Unternehmen Zukäufe tätigen, seine Kreditvereinbarungen anpassen möchte oder eine zeitnahe Kreditentscheidung benötigt.
Besonders stark sind wir bei Buy-and-Build-Strategien: Ein Private-Equity-Investor kauft eine Plattform und baut diese durch kleinere Zukäufe aus. Dafür benötigt er Flexibilität und ausreichend Kreditvolumen. Genau hier können wir punkten.
Das klingt nach einer Nische, in der Private Debt besondere Stärken ausspielen kann. Ist dieses Buy-and-Build-Szenario typisch oder eher die Ausnahme?
Venc: Buy- and Build ist mittlerweile eine sehr gängige Strategie aber der Endmarkt für kleine und mittelständische Unternehmen ist tatsächlich eher eine Nische, in der wir uns gezielt positionieren. Wir profitieren hier von einem überschaubaren Wettbewerb durch andere Fonds oder Banken. Eine Private-Debt-Finanzierung ist natürlich etwas teurer als eine Bankfinanzierung. Die entscheidende Frage ist daher: Wann ist ein Kunde bereit, mehr zu bezahlen? Die Antwort: Wenn er auch mehr bekommt – in Form von Flexibilität und der Kapazität, das Unternehmen wachsen zu lassen.
Wird Private Debt in Deutschland eher als Ergänzung oder zunehmend als Substitut für klassische Bankkredite gesehen?
Venc: Es ist beides. Es gibt hier im Wesentlichen drei verschiedene Szenarien; stehen die Kosten im Vordergrund ist die Bankfinanzierung immer noch die erste Wahl. In anderen Fällen gibt es eine klare Präferenz für Private Debt aufgrund besserer Flexibilität, höherer Kapazität und einfacher Entscheidungsfindung. Darüber hinaus gibt es auch Situationen in denen Transaktionen von Banken generell nicht finanzierbar sind. Hier sprechen wir dann aber nicht von der klassischen Private Debt/ Direct Lending Strategie sondern von Capital Solutions.
Wie hat sich das Verhältnis zwischen Banken und Private-Debt-Gebern entwickelt?
Venc: Es ist kein reines Konkurrenzverhältnis. Bei standardisierten Übernahmen mit moderatem Verschuldungsgrad sind Banken nach wie vor stark vertreten. Gleichzeitig sehen wir zunehmend Kunden, die bewusst nur mit Fonds arbeiten wollen – auch wenn sie dafür 1-2 Prozent mehr zahlen müssen. Und es gibt interessante Kooperationsmodelle: Banken steigen in Fonds-Finanzierungen ein, etwa mit niedriger verzinsten First-Out-Tranchen innerhalb einer Unitranche-Struktur.
Für institutionelle Investoren ist die Illiquiditätsprämie ein zentrales Argument. Wie hat sich diese im aktuellen Zinsumfeld verändert?
Venc: Historisch lag sie bei etwa vier Prozent. In Stresszeiten an den Kapitalmärkten reduziert sie sich temporär, da liquide Anleihen Kursrückgänge verzeichnen, weitet sich danach aber wieder aus. Aktuell würde ich sie auf etwa drei Prozent schätzen.
Wo ordnen institutionelle Investoren Private Debt in ihrer Asset Allocation ein?





Venc: Das variiert je nach interner Kategorisierung des Investors. In der Regel sind unsere Produkte aber Teil der sogenannten „Alternative Investment“-Allokation. Unser Investorenspektrum ist breit: Versicherungen, Pensionskassen, Versorgungswerke, Gewerkschaften und Family Offices stellen den größten Anteil
Früher sprach man vom klassischen 60/40-Portfolio. Wie sieht die moderne Portfoliotheorie aus?
Venc: Heute geht man eher von einer 50/30/20-Aufteilung aus, wobei 20 Prozent auf Alternative Investments entfallen – darunter Private Debt. Der Startschuss für eine höhere Allokation in Alternative Investments wurde in der Niedrigzinsphase begründet als institutionelle Investoren verstärkt nach höher rentierlichen Anlagealternativen gesucht haben.
Was Private Debt so attraktiv macht: Man erzielt höhere Renditen bei einem Illiquiditätspremium von drei bis vier Prozent, gleichzeitig ist die Volatilität geringer als bei liquiden Anlagen. Diese Kombination verbessert das Risiko-Renditeverhältnis des Gesamtportfolios erheblich. Zudem werden im Privat Debt von Anfang an kontinuierlich hohe Ausschüttungen generiert, die vierteljährlich an die Investoren ausgezahlt werden.
Wie stark korreliert Private Debt mit traditionellen Anlageklassen, besonders in Krisenzeiten?
Venc: Der entscheidende Unterschied: Bei Private Debt gibt es kein tägliches Mark-to-Market. Unsicherheiten in den Märkten wie geopolitischen Themen führen deshalb nicht zu Kursverlusten. Mit einer gewissen Verzögerung fließen fundamentale Veränderungen ein – und die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich die liquiden Märkte bis dahin oft wieder beruhigt haben.
Die Struktur von Privat-Debt-Fonds diszipliniert die Anleger gewissermaßen, volatile Phasen auszusitzen, anstatt nervös auf Kursveränderungen zu reagieren. Das ist ein enormer Vorteil.
Studien haben gezeigt, dass Private Debt weitestgehend unkorreliert ist zu Aktien, Immobilien und Private- Equity-Investments und deshalb auch Diversifikationsvorteile für das Portfolio bietet.
Welche Rolle spielt Private Debt bei Finanzberatern und im Retail-Bereich?
Venc: Hier gibt es eine klare Entwicklung Richtung „Demokratisierung der Private Markets“ mit semi-liquiden Strukturen wie dem Eltif. Private Debt eignet sich dafür besonders gut, da es mit interessanten Renditen bei gleichzeitig geringerem Risikoprofil punktet.
Gerade für deutsche Privatanleger mit ihrer Präferenz für Kapitalschutz wäre Private Debt eigentlich ideal. Allerdings müssen wir hier noch Aufklärungsarbeit bei den Finanzberatern und Privatkunden leisten.
Sehen Sie ein Problem darin, illiquide Anlagen in semi-liquide Strukturen zu pressen?
Venc: Man muss natürlich aufpassen, wie man das strukturiert. Aber Private Debt ist hier aus unserer Sicht besonders gut geeignet: Die unterliegenden vertraglich vereinbarten Cash Flows machen es einfacher die Semi-Liquidität zu gewährleisten. Zusätzlich haben manche Produkte eine Kreditlinie, über die man Liquidität bereitstellen kann. Für viele Produkte existiert zudem ein Zweitmarkt. Bei semi-liquiden Produkten wird ebenfalls ein geringer Teil in liquiden Fixed-Income-Anlagen gehalten. Von der Liquiditätssteuerung gibt es daher im Private Debt viele Hebel die wir als Sicherungsinstrumente einsetzen können. Anleger sollten sich trotzdem bewusst sein, dass ein erheblicher Teil der unterliegenden Investments illiquide sind, was sich auch in der empfohlenen Haltedauer von mindestens 5 Jahren widerspiegelt.
Es gibt mittlerweile mehrere Private-Debt-Anbieter am Markt. Was differenziert Muzinich von den Mitbewerbern?
Venc: Wir sind in einer sehr spannenden Nische positioniert: Wir fokussieren uns auf kleine und mittelständische Unternehmen, bei denen es relativ überschaubaren Wettbewerb gibt. Das Fundraising vieler unserer Wettbewerber hat sich in den letzten Jahren stark auf das obere Marktsegment konzentriert. Dort ist entsprechend viel Kapital vorhanden und der Wettbewerb um gute Transaktionen ist intensiver geworden.
Unsere Positionierung erlaubt es uns nach wie vor Transaktionen mit gutem Risiko-Rendite Verhältnis zu arrangieren – das bedeutet moderater Verschuldungsgrad bei attraktiver Verzinsung. Unsere Spreads sind seit Auflage unserer Strategie stabil geblieben.
Ein weiterer Vorteil ist: 70 Prozent aller M&A-Transaktionen finden im unteren Mittelstandssegment statt, in dem wir uns bewegen. Das erlaubt uns, hochselektiv vorzugehen und nur die besten Deals auszuwählen. Diese konservative Strategie hilft uns, auch schwierigere Marktphasen gut zu überstehen.


