Kennengelernt haben sich Selina Piening und Nevin Celikel auf einem Networking-Lunch während des Mannheimer Fondskongresses. Dass sie sich sofort gut verstanden, überrascht nicht. Beide arbeiten im Umfeld Finanzen, sind sichtbar, treten selbstbewusst auf, haben sich in einer Männerdomäne durchgesetzt und Karriere gemacht. Piening ist Managing Director & Head of Financial Intermediaries Deutschland bei der UBS, mit vergangenen Stationen bei DWS, Edmond de Rothschild und Oddo BHF. Celikel ist Abteilungsdirektorin im Business Development bei Donner & Reuschel. Beide trennt etwa eine Generation Berufserfahrung.
Zwei Wege, ein Ziel
Die Finanzbranche sei nicht von Anfang an ihr Traumberuf gewesen, erinnert sich Piening. Eigentlich habe sie im Hotelmanagement arbeiten und die Welt bereisen wollen. Es war ihr Vater, der sie pragmatisch zur Banklehre überredete: Das Ausbildungsgehalt war doppelt so hoch. Die Finanzbranche gefiel ihr so gut, dass sie blieb – und schnell weiter aufstieg.
Nevin Celikel traf eine bewusste Entscheidung. Aufgewachsen in einer Großfamilie, entwickelte sie früh den Antrieb zur Unabhängigkeit. Über BWL-Studium, einen Master in Finance und Stationen im Asset Management landete sie schließlich – auf Empfehlung eines Professors – bei Donner & Reuschel. Dass sowohl Piening als auch Celikel türkische Wurzeln haben, habe ihre Karrieren kaum beeinflusst, sagen beide übereinstimmend: Nachteile hätten sie eher als weibliche Branchenangehörige erfahren, nicht wegen ihrer Herkunft.
Wer prägt, wer fördert
„Ich hatte in meiner Laufbahn nicht viele weibliche Vorbilder in der Finanzbranche. Deswegen liegt mir das Thema besonders am Herzen“, sagt Celikel. Wer als junge Frau in ein Berufsfeld eintrete, in dem Führungspositionen fast ausschließlich männlich besetzt sind, bekomme unbewusst das Signal, nicht selbstverständlich dazuzugehören. „Wenn man dann jemanden sieht, der das geschafft hat, ist es ein schönes Gefühl. Role Models verändern das Bild, weniger durch große Gesten als einfach durch Präsenz und Sichtbarkeit“, findet Celikel.
Für Piening ist das Thema Vorbilder weniger an Geschlecht geknüpft als an Haltung. Sie selbst trägt vor allem einen früheren Vorgesetzten als inneren Kompass: „Es gibt einen Menschen, der mich wie ein Leuchtturm geprägt hat – in der Art, Mitarbeiter zu führen, mit Kunden umzugehen.“ Dass es sich dabei um einen Mann handelt, findet sie selbstverständlich: „Es gibt viele erfolgreiche Frauen wie Männer, von denen man lernen kann.“
Ob sie sich als Vorbild für Celikel sehe? „Ich sehe mich mit Nevin absolut auf Augenhöhe“, betont Piening. „Die Verantwortung, die sie trägt, ihre fachlichen Kenntnisse – das ist überragend. Ich wünschte, ich hätte auch ihr Selbstbewusstsein gehabt.“
Man muss nicht perfekt sein, sondern sichtbar.
Den Unterschied machen jedoch nicht allein Vorbilder, sondern auch Menschen aus dem Umfeld – Förderer. Celikel habe sowohl männliche als auch weibliche Förderer gehabt. Zu Beginn ihrer Karriere eingestellt habe sie eine Frau. Piening dagegen hatte eher männliche Mentoren. Darunter Vorgesetzte, an denen sie lernte, „wie man es auf gar keinen Fall machen sollte“, aber auch solche, die ihr früh Vertrauen schenkten. „Diesem Vertrauen gerecht zu werden – das war immer meine Motivation“, sagt sie.
Mut vor Perfektion
Heute geben beide weiter, was sie selbst vermisst haben. Piening engagiert sich seit Jahren in Mentoring-Programmen, berät ehemalige Mitarbeiterinnen auch lange nach dem Ende des Arbeitsverhältnisses: „Ich freue mich, wenn ich etwas mitgeben kann.“ Celikel hat bei Donner & Reuschel den „Summer Summit for Women in Finance“ mit ins Leben gerufen – eine Veranstaltung, die Frauen aus der Finanzbranche in persönlichem Rahmen zusammenbringt, um über Themen wie Care-Arbeit, Gehaltsverhandlungen und Netzwerkaufbau zu sprechen. Ihr Wunsch für die Zukunft: „Dass Vielfalt selbstverständlich ist – nicht als Quote, sondern als Realität. Dass man irgendwann nicht mehr über Frauen in der Finanzindustrie spricht, sondern einfach über gute Fachkräfte.“
Für Berufsanfängerinnen haben beide eine Botschaft. Celikel: „Man muss nicht perfekt sein, sondern sichtbar. Selbstvertrauen entsteht nicht vor, sondern durch die Herausforderung.“ Piening schwört auf die Hummel-Strategie: „Eine Hummel dürfte nach physikalischen Gesetzen gar nicht fliegen: zu schwer, zu kleine Flügel. Doch sie weiß es nicht und fliegt einfach.“ Und noch eines ist Piening wichtig: „Es wird einem nichts auf dem Silbertablett serviert. Jeder muss selbst das nehmen, was er haben möchte – und vor allem aktiv werden.“

